Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 28 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit. M. .28. Seite 9. Der Heiser. Von Oberkantor M.-A. Landau, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Jossale hlieb aber während dieser Zeit nicht müßig. Jeden Abend von 9 bis 10 Uhr saß er nach den Mühen des Tages bei Rabbi Mordechäi. Schreiber, der ihn .kunstvoll jüdisch Schreiben, Rechnen. Linienmachen, Gänsekiele schnitzen lehrte. Ab und zu stähl er sich auch zu. dem alten Reb Morsche ^Chainsts, der einer ganzen Generation von Belfern gar wichtige Dinge, um ein kleines Entgelt beigebracht hatte. So das Drechseln eines Hamanklopfers oder „Gregar (Ratschen) für Purim, das Kneten von Lehmlenchter für Lag-Beomer, das Schnitzen eines Säbels für Tischo-Beab, das Flechten einer Fahne für Simchath-Thora und das Gießen eines „Drehdel" --(Trenderl) für Chauucka.*) Daneben zeigte ihm der.Alte auch das Zizithbinden und lehrte ihn das Schofarblasen. Das sind alles hochwichtige Dinge, die ein.Oberbelser kennen muß und die für ihn einen schönen Nebenverdienst abwerfen. Jossale strebte darnach, sich immer weiter zu.vervollkommnen und zahlte von seinem kärglichen Erwerb auch Rabbi Jossef Ettels, damit er ihn zweimal wöchentlich in Chumesch und Raschi (Bibel und Kommentar) unterrichte. Seine Kenntnisse und Vorzüge wußte der Schulinhaber auch bald ausznnützen und eines Tages wies -er ihm einige größere Kinder zumeist aus besseren Häusern zum .Unterrichte zu und bald darauf ernannte er ihn vor allen feierlich zum O b-e r b e l f e r. Jetzt erst war die letzte hohe Stufe erreicht. Jossale war -ein Oberbelfer. Wie konnte er nun ans die kleinen Belfer herabsehen, die Essen tragen,' betteln und Schuhe putzen mußten! Er aber hatte nur in den vornehmsten Häusern auf die Kinder zu sehen, mit ihnen zu beten und sie spazieren zu führen. 'Aber jetzt war er ein pädagogisch-didaktisch gebildeter Mann. Er brauchte nicht mehr das Mitleid zu erregen. Er bekam in -jedem 'vornehmen Hause einen aus Kreuzern gepackten halben Gulden monatlich und die Kosttage wurden auch zumeist in Geld nmgesetzt. Die Köchinnen wagten nun kaum, zu ihm auf- .znblicken unb bei reichen Hochzeiten hatte er das Schatzungsgeld für den Bräutigam einzitsammeln. Das war ein einträgliches Privileg des' Oberbelfers. So manche Mutter, die eine heiratsfähige Tochter hatte, sah in dem hübschen juitgeu Mann eine gute Partie und jede hätte ihm gern zwei- bis dreihundert Gulden Mitgift gegeben, .damit er sich eine Schule errichte. — Aber Jossale strebt einem höheren Ziel zu. Er fühlte in sich den Beruf zu etwas Besserem. Sein Bildungsdrang trieb ihn immer weiter und chatte er sich im Geheimen das Deutsche angeeignet und begann -deutsche Bücher zu lesen. Die Zeit des Essentrageus und des Stiefelpntzens war ja längst vorüber. Nun war er Oberbelfer .und hatte genügend Zeit, feine Bildung zu vervollkommnen. Sein Vater war gestorben und er stand allein da. Wohl hatte er jetzt sein Auskommen, aber er fühlte, daß dies nicht sein Lebenszweck sei, er wollte ein nützliches Glied der menschlichen -Gesellschaft werden, er wollte nicht als galizischer Schulinhaber sein Leben beenden. Mit Bewunderung sah er zu den Gelehrtesten des -Städtchens auf. Mit den zahlreichen Talmudschülern saß auch *) Hier möchte ich für die jüngere Generation bemerken, daß viele dieser Gebräuche noch heute, nicht nur in Rußland, Galizien und Ungarn, -sondern auch in anderen frommen Gemeinden üblich sind. Der Ratschen wird während des Vorlesens der Hamangeschichte am Losseste (14 Adar) ^azu verwendet, die jedesmalige Erwähnung des Namens „Haman" durch Lärm zu ersticken. Die Lehmleuchter dienen für die Kerzen am Todestage Rabbi Simon ben Jochais, dreinnddreißig Tage nach dem ersten Ostertage. (Lag 38). Das Schwert wird den Kindern am Tage der Zerstörung Jerusalems (9. Ab) nmgebnnden zur Erinnerung an die Heldeukämpfe der. Juden unter Titus. Die Fahne wird auch jetzt noch allgemein von den Kindern am letzten Tage des Laubhüttensestes sGesetzesfrende)' getragen und das Treuderl endlich ist ein rotierender Würfel (auch vielfach in Fächerform) mit dem an den acht Tagen der 'Tempelweihe gespielt wird. Die vier Seiten haben die hebräischen Buchstaben N, 6, H, Scb (Nes-Godol-Hojo-Schom ein großes Wunder -geschah, dort) die im Spiele Nicbts-Ganz-Halb-Stellein gedeutet erden. er in seiner freien Zeit im Lehrhanse imd horchte auf die Worte der Gelehrten Rabbi Moische Sochor aus Grabowitz und Rabbi Mechel Reb Löb's, wenn diese mit tiefem Scharfsinn durch Analogieschlüsse, auf induktivem, analytischem oder synthetischem Wege schwere Talmudstellen verständlich machten. Gern durchwachte er jeden Dienstag und Donnerstag mit den Talmudschülern die Nächte, half ihnen Erdäpfel braten und holte ihnen Schnaps, um nur von ihmen in die Mysterien der schönen, gleich einem Labyrinth unendlichen und unentwirrbaren Lehre eingeführt zu werden. Nicht mit ein paar Brocken wollte er sich begnügen; er wollte sich nicht den Titel „Meister" beilegen, ohne ihn auch zu verdienen. Gar bald wurde er im Städtchen beliebt und erwarb sich viele Freunde. Sein Lerneifer schien ihm bereits ein glückliches Los naheznrücken und ein neuer Stern erschien ans seinem freudlosen Horizont: Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten Und das Unglück schreitet schnell.- Zweites Kapitel. Cha im Sch mul Ka zew war der echte und unverfälschte Repräsentant des Fleischhailergewerbes. Er tvar ein stark gebauter, korpulenter und drohend aussehender Mann mit einem roten, aufgedunsenen Gesicht. Er war eben kein Verächter eines guten Tropfens. Aber auch kulinarischen Genüssen war er keineswegs abhold. Dabei schmeckte ihm alles umso besser, wenn er viele Bewunderer und Lobredner um sich hatte. So wurden denn mindestens zweimal wöchentlich gnte Freunde zu einem üppigen Abendschmans geladen und fahrende Bänkelsänger und Musikanten oder ab ltnb zu gar ein berühmter Chasen mit seinen Meschorrerim *) gaben dem Hause Chaim Schmul's den Anstrich eines „Kunstsalous." Nebst diesen Rnhepunkten im täglichen Einerlei des Fleischverkanfes, den der Fleischermeister und seine Gattin dazu benützten, sich gegenseitig mit den ausgesuchtesten Kosenamen zu bewerfen, war auch der Samstag ein willkommener Anlaß, die Pracht und den Reichtum öffentlich zu Schau zu tragen. Besonders Keile putzte sich so heraus, daß sie in ihrem breiten Seidenrock, in ihren Perlenschnüren und schweren Goldketten, in ihren Brillantohrgehängen, Armbändern und Fingerringen wie eine wandernde Pagode aussah. Auch Chaim Schmul mußte, wollte er nicht mit einer Fülle von Liebkosungen überschüttet werden, seine goldene Schnupftabakdose, sein Gebetbuch mit dem Silbereinband, seine breite Goldkette und seine Brillantringe in das Bethaus anssühren. Solcher Glanz und solche Schätze sollten über den Mangel an angeborenen Vorzügen hinweghelfen und auch die häusliche Einrichtung mußte jedem Besucher derart in die Augen stechen, daß er darüber vergaß, etwas tiefer zu blicken. Die „gute Stube" war überhäilft von Einrichtungsstücken und neben einem alten Klavier, auf dem nie gespielt wurde, stand anch ein Bücherregal mit schönen Prachtbänden der klassischen Literatur, in die nie jemand geblickt hatte. Neben Eugöne Sne's „Jnif errant" las man in Golddruck die Namen: Bnlwer und Scott, Wieland und Spindler. Allein, wer hätte die lesen sollen? Wohl trug die älteste Tochter stets einen Romanband in der Hand, aber das gehörte zum äußeren Anstrich, wie etwa eine goldene Haarspange. *) Kantor und Chor.(Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. A g u l a t Margarethe, Manipnlantin, geb. 15. März 1891 in Wien, VII. Sigmnndsgasfe 5. Schlesinger Alfred, Archivar, geb. 9. Dezember 1682 in Rumburg, Böhmen, XX. Klosternenburgerstraße 30. B i a ch Eduard, k. t. Finanzoberaufseher, geb. 1. Jänner 1865 in Brünn, XIX. Zahnradbahnstraße 13. Ginszberger Elonora, geb. 4. Oktober 1885 in Fünskirchen, VIII. Lechenselderstraße 94. Laß Simon, Handelsagent, geb. 17. Dezember 1890. Wall-Nowosielitza, Galizien, XII. Fcanz-Emerichgaffe 3. M e tz l Joses. Reisender, geb. 20. Juni 1876 in Csabrcndek, Ungarn, XVI. Paletzgasse 12. Jerusalem Ernst Dr., geb. 0. November 1884 in Wien, VH. Siebensterngaffe 33.