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Die Wahrheit · 1911-07-21 · Heft 28 (21.7.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 28 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 6. Nr. 28: demselben hiuausdekretiert wird, womit auch das Wohnrecht für Juden verbunden ist. So oft in Petersburg die Stimmung zu nngunsten der Juden nmschlägt, beginnt man mr der Wohnrechtsfrage der Nikolajewer Inden zu mäkeln. Es ist-nunbezeichnend für die jetzige Stimmung in den Regierungskreisen, daß jetzt wieder mit einem Male Nikolajew als außerhalb des Ansiedlungsrayons liegend bezeichnet und der Auftrag erteilt wird, sämtliche Juden aus der Stadt zu weisen. Den Ausgewiesenen wurden zwei Wochen Frist zur Abwicklung ihrer Geschäfte gewährt. Da jedoch die plötzliche Vertreibung sämtlicher Juden auf den Handel der Stadt schädlich wirken könnte, haben hervorragende christliche Kreise petitioniert, den Erlaß rückgängig zu machen. Die Antwort steht noch ans. Doch ist die Hoffnung gering unddie ungewisse Lage der tausenden von jüdischen Familien eine höchst traurige. Nun liegen auch im fernen Osten bereits die Dinge so, daß man die Juden, die dort mit ihrem Gute und Blute für die Kultivierung des Landes gearbeitet haben, entbehren kann. Wie die „Rjetsch" ans Wladiwostok erfährt, hat der Generalgonvernenr des Amurgebietes, Gonzati, allen Gouverneuren seines Gebietes den strengen Auftrag erteilt, ihm bis zum 1. September d. I. genaue Aufstellungen und Personaldaten über die in ihren Rayons wohnenden Juden einznliefern. Besonders sei hervorzuheben, welchem Berufe die betreffenden Juden nachgehen, aus wie viel Personen ihre Familien bestehen und ob die Betreffenden schon in irgend einen Prozeß verwickelt waren und schließlich auf welcher Rechtsgrundlage sie das Wohnrecht in ihren Wohnsitzen haben. Bis zum 13. September d. I. muß die Revision der Wohnrechte der im fernen Osten wohnhaften Juden endgültig durchgeführt sein und diejenigen Juden, deren Wohnrecht nicht außer allen Zweifeln steht, werden einen Ausweisungsbefehl erhalten. Bezeichnend für den Wind, der von „oben" weht, ist auch die Tatsache, daß der sonderbare Heilige und gefährliche Antisemit, der bekannte Mönch I l l i o d o r, der, wie erinnerlich, in Zericin, seiner kirchlichen Oberbehörde trotzend, auch den Sieg davontrug, vor einiger Zeit vom Zaren in besonderer Audienz empfangen und von ihm ganz außerordentlicher Guustbezengungen teilhaftig wurde. Der famose Mönch hat sich nach dieser Audienz ganz in den Dienst der antisemitischen Hetzpropaganda gestellt. — Diese aufwieglerische Tätigkeit wird von den russischen Juden mit um so größerer Beunruhigiutg verfolgt, als Jlliodor es niemals unterläßt, seine Hetzreden gegen Juden mit einer anschaulichen Beschreibung seiner Audienz beim Kaiser einzuleiten. Wie sehr leider die traurige Lage das russische Judentum zu entmutigen vermag, zeigt die zunehmende Zahl der Taufen. Allein auch die Zahl der zum Judentum Rückkehrenden ist nicht gerade gering. Laut offizieller russischer Statistik sind vom 17. Oktober 1906 bis 1. Januar 1909 im ganzen 409 Personen vom orthodox-russischen Glauben znm Judentum übergetreten. Es sind das fast ausnahmslos solche Personen, die vor dem Manifest über die Freiheit der Konfessionen vom Judentum zur russischen Kirche übergetreten sind. 4rj- * In die dunkle Angelegenheit des Kiewer Mordes kommt allmählich Licht. Die Untersuchungsbehörde ist bereits ans die Spnr gekommen. Von Anfang an war der Verdacht bekanntlich auf die nächsten Verwandten des ermordeten Knaben gefallen, und sie wurden auch infolgedessen verhaftet. Bald mischten sich aber unbekannte Personen mit großem Einstuß in die Sache und die Verhafteten wurden freigelassen, während gleichzeitig eine - intensive Agitation für die Anerkennung eines „Ritualmordes" einsetzte. So ging es bis Krassowsky. der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei, der zurzeit im Polizeiressort des Ministeriums des Innern tätig ist, nach Kiew kam, um die Angelegenheit zu untersuchen. Krassowsky ging energisch ans Werk und geriet bald auf die echte Spur. Es stellte sich zur Evidenz heraus, daß Juschtschinsky wahrscheinlich von zwei Personen — dem Stiefvater des Ermordeten und dessen Verwandten Neschinsky — ermordet worden sei. Besonders stark war der Verdacht gegen Neschinsky, einen bekannten Hooligan mit dunkler Vergangenheit. Dieser Ehrenmann wurde bereits f. Z. wegen eines bewaffneten Ueberfalles zu Zuchthausstrafe verurteilt. Er wurde nun von zwei Seiten gleichzeitig— von seiten Krassowskys einerseits und des derzeitigen Chefs der Kiewer Geheimpolizei, Mifchtschuk, anderseits — ins Verhör genommen. Schließlich erfolgte seine Verhaftung. Außer dem Stiefvater des ermordeten Knaben Juschtschinski wurden dessen Bruder, ferner zwei Onkel des Ermordeten, Neschinsky und Tschirikow. sowie eine Nachbarin, Wera Tscheborjakowa, verhaftet. Die Verhaftung erfolgte auf spezielle Anordnung des stellvertretenden Juftiznunisters Werewkin. Das Ministerium der Justiz und des Innern sind über den Verlauf der Untersuchung stets unterrichtet worden. Ministerpräsident Stolypin hatte in dieser Angelegenheit eine Unterredung mit dem Jnstizminister Schtscheglowitow. * * * . Unter den 4800 Matrosen der amerikanischen Eskadre, die vor kurzem die Hauplstudl der Zarenreiches mit ihrem Besuche beehrten, befanden sich 440 Juden, und mit geringen Ausnahmen, — Emigranten aus Rußland. Von den Offizieren waren nicht weniger als 20 Inden, darunter Kapitän Mevell. dessen Eltern seinerzeit aus Samara ausgewiesen wurden und nach Amerika auswanderten. — Die jüdischen Matrosen besichtigten die Petersburger Hanptsynagoge. Sie äußerten ihr Verwundern darüber, daß die Petersburger jüdische Gemeinde nicht die Gelegenheit ergriffen habe, ihren Glaubensgenossen unter den Gästen des Staates einen offiziellen Empfang zu bereiten. Dies wäre eine eindrucksvolle Kundgebung der jüdischen Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten. * * * Sin Washington fand Ende Juni eine Konferenz von Delegierten von allen in Washington bestehenden nichtjüdischen Konfessionen und Sekten statt, in welcher beschlossen wurde, dem Präsidenten Taft ein Memorandum zu unterbreiten, das die Forderung enthält, daß der Präsident der Vereinigten Staaten eine internationale Konferenz einberufe, deren einziger Beratungsgegeustand die Lage der rumänischen Juden zu bilden habe. Es sei die moralische Pflicht aller jener Regierungen, die noch irgend was auf die Moral des gegebenen Wortes und der eingegangenen Vertragsverpflichtungen geben, mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß Rumänien seine auf dem Berliner Kongreß übernommene Verpflichtung die Gleichberechtigung der Inden endlich einmal erfülle. 4- * * Nach einer Statistik des Nationalökouomen Dr. Ernst Schnltze-Großborstell hat die Stadt Newyork mit etwa 11 Millionen Bekennern der mosaischen Konfession (26 Prozent der Gesamtbevölkernng) jetzt eine größere jüdische Einwohnerzahl als Deutschland, Frankreich, England, die Schweiz und Italien zusammengenommen. Von den politischen Vertretern dieser sich weit mehr denn in Westeuropa als „Rasse" fühlenden meist erst in der 1. oder 2. Generation im Lande lebenden Masse wird seit einiger Zeit der Wunsch ausgesprochen, innerhalb des Rahmens der Milizorganisation des Staates Newyork ein eigenes jüdisches Infanterie-Regiment anfzustellen. — Schon vor acht Jahren, bald nach dem spanisch-amerikanischen Kriege, an dem eine ganze Anzahl Juden, auch als Offiziere, aktiv teilgenommen hatte, war von einem jüdischen Milizoffizier die Gründung eines solchen, nur aus Juden bestehenden Truppenteils versucht worden, ohne jedoch trotz guten Rekrntierungserfolges die Genehmigung der zuständigen Stelle zu erhalten. Major Nahan Behar versucht nun — als Vertrauensmann der „Federation of Jewish Organizations", diesen Plan mit der besonderen Begründung wieder aufleben lassen, daß die militärische Erziehung geeignet sei, bald das kriegerische Empfinden und den Patriotismus der jungen jüdischen Bürger der Union zu heben.

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