Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 28 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Die Ansprache des deutschen Kaisers an Generaldirektor Ballin, die m so hohem Grade den Unmut der Antisemiten erregte, hatte folgenden Wortlaut: : ■;; „Ich glaube aber, daß ich nicht schließen darf, ohne .auch Ihnen, mein lieber Ballin, nachträglich sowohl in meinem wie im Namen der Herren nochmals -unseren herzlichen Dan! anszusprechen für die nimmer fehlende Gastfreundschaft und für Ihre glänzende Arbeit in der Vertretung unseres Vaterlandes und für . die geschickte Weise, in der mancher drohende Kampf umgangen und in Frieden gewandelt wurde. Möge es Ihnen auch ferner gelingen, die großen Interessen unseres Vaterlandes auf Ihre Weise zu wahren und verderbliche Kämpfe durch Einigung in Güte beizulegen. * * * Der berühmte Berliner Kliniker, Geheimrat Hermann Senator, ist am 14. Juli, 5 Uhr morgens, im Kurhaus Tegel bei Berlin infolge einer Herzlähmung im 77. Lebensjahre gestorben. Mit dem Heimgang dieses Mannes, der trotz zahlreicher Lockungen ein treuer Anhänger seines Glaubens blieb und auf den das Judentum mit berechtigtem Stolze blicken konnte, hat die medizinische Wissenschaft, insbesondere die Berliner medizinische Schule einen unersetzlichen Verlust erlitten. Er ist, .gleich dem unvergeßlichen Nothnagel, mit dem ihn innige Freundschaft verband, ein Schüler Tranbe's gewesen und hat sich, trotz seines hohen Alters noch bis in die letzten Monate wissenschaftlich betätigt. * * * Das neue Ministerium in Frankreich, das sich vor kurzem unter der Führung des Herrn Caillaux gebildet hat, zählt unter seinen Mitgliedern euren Juden: Herrn Lucien Klotz, den Vizepräsidenten der Depntiertenkammer, der schon unter dem zweiten Ministerium Briaud Finanzminister war. Lucien Klotz ist in Paris geboren, jetzt 43 Jahre alt und entstammt einer alten elsässischen Familie. * * * Louis Germain Lvvy, der Rabbiner der israelitischen „Liberalen Union" in Frankreich, veröffentlicht in einer französischen Zeitschrift einen Aufsatz, in welchem er nachzuweisen versucht, daß Judas Jschariot niemals und am allerwenigsten als Verräter des Nazarenus existiert hat. Der gelehrte Rabbiner behauptet, daß es eines Verräters, der Christus an die Römer nusgeliefert haben soll, gar nicht bedurft hätte, da die Römer ihn ja von Angesicht kannten und Jesus jederzeit bei seiner Arbeit finden konnten. Die Geschichte des Verrates ist später nur hinzugefügt worden, um die Prophezeiungen des alten Testamentes in Zusammenhang mit der Geschichte des seit Jahrtausenden erwarteten Messias zu bringen.Lsvi gibt an der Hand von Schriftstellern Erklärungen über diese Weissagungen. Sein Zweifel an der Gestalt des neutestamentlichen Verräters wird genährt durch die Ungenauigkeit seines uns überlieferten Namens. Als einer der zwölf Apostel — die Zahl zwölf ist seiner Meinung als Parallele zu den zwölf Stämmen zu betrachten — wird er einmal Taddeus, Labäus oder auch Inda oder Judas genannt. Um jedoch die Weissagung des Propheten Jeremias zu erfüllen, wurde später diesem Namen „Jskariot" (der Mann von Karioth) hiuzugesügt. Ein Hauptargument Lsvis ist das Schweigen des Apostels Paulus, der in seinen zahlreichen Schriften nichts von einem Verrat des Judas erwähnt. Im ersten Brief an die Korinther Kap. 15, wird ausdrücklich von 12 Aposteln gesprochen, (elf in der Vulgata, aber 12 in den griechischen Manuskripten) und zwar vor der Himmelfahrt, während Mathäus erst nach der Himmelfahrt Christi gewählt wurde. Judas muß also einer der zwölf gewesen sein, zu denen Christus vor seinem Aufstieg gesprochen hat. Er konnte deshalb nicht der Verräter sein. * * Am 18. Juli ist in London der Großrabbiner von England, Dr. Hermann Adler, nach längerem Leiden im 72. Lebensjahre gestorben. Er war das: anerkannte religiöse Oberhaupt der Juden in England und wurde nicht nur von seinen Glaubens¬ Nr. 28. genossen allgemein - verehrt, sondern spielte/üuch in der englischen Gesellschaft eine hervorragende Rolle.ft Auch bet Hofe wurde er sehr gerne gesehen. . Großes Interesse brachte ^er allen Wohlfahrtseinrichtungen und humanitären-Institutionen entgegen und seine besondere^Fürsorge galt den aus ihrer Heimat vertriebenen russischen Glaubensbrüdern. Der Heimgang-dieses seltenen Seelsorgers wird in der gesamten Judenheit tief empfunden werden. * . * * - Der Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe, der unter, den Inden Englands große Beunruhigung hervorgerufen hat, veranlaßte die jüdischen Mitglieder des Unterhauses, in einem Konferenzzimmer des Parlamentes zu einer Beratung znsammenzutreten, deren Bedeutung dadurch gekennzeichnet wird, daß an ihr auch die jüdischen Mitglieder der Regierung Sir Herbert S a nt u e l und Rnfns I s a a c s teilnahmen. Zur Beratung wurde auch der Vertreter der ^Lonrä of Deputies“,B ■ SDlr. Alexander und der Sekretär des kaufmännischen Vereines, Mr. Rosenfeld, zugezogen. . Die Beratung dauerte mehrere Stunden und nachdem sämtliche Anwesenden — mit Ausnahme der Minister — sich geäußert hatten, konnte man konstatieren, daß alle die Fortsetzung des Kampfes zugunsten der jüdischen Bürger, welche den Sabbath heiligen, als eine Pflicht ansehen. Die anwesenden jüdischen Minister nahmen die ausgesprochenen Wünsche zur Kenntnis und gaben, ohne in die Debatte einzngreifen, die Versicherung, ihrerseits dazu beizutragen, daß die Juden infolge des Gesetzes über die Sonntagsruhe nicht geschädigt werden. Diese Beratung, unterstützt von der allgemeinen heftigen Protestbewegung unter der jüdischen Kaufmannschaft, hat auch schon den Erfolg gezeitigt, daß Minister Curchill bereits die Erklärung abgab, einige Aendernngen zugunsten der jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden an dem Gesetze vornehmen zu wollen. So soll in das Gesetz eine Bestimmung ausgenommen werden, daß in bestimmten Distrikten, in denen sich eine überwiegend jüdische Bevölkerung befindet, die Läden am Sonntag bis 2 Uhr offen bleiben sollen. Die Distrikte sind im Gesetzesvorschlag namhaft gemacht. * * . * Aus Plojesti (Rumänien) wird der „N: I. K." gemeldet: Im hiesigen Sommertheater veranstalteten die Zöglinge des Mädchen-Lyzeums eine Wohltätigkeitsvorstellung. Als die jüdische Schülerin Franziska Rosen die Bühne betrat, kam es zu großen Exzessen. Ein Teil des Publikums protestierte in erregter Weise gegen das Auftreten einer Jüdin im Theater, während der andere Teil energisch Ruhe forderte, damit die Vorstellung zu Ende geführt werden könne. Es kam zu. einergroßen Prügelei, in deren Verlauf mehrere Personen verletzt wurden. Inzwischen wurde die auf der Bühne hilflos dastehende Dilettantin ans dem Publikum mit faulen Eiern und Steinen beworfen. Der Vorhang mußte herabgelassen werden.' Vor der Gaederobe nahmen Polizisten Aufstellung, um Franziska Rosen vor . weiteren Insulten zu schützen. Nachdem der Tumult im Theater immer größer wurde und die Sicherheitswache sich als zu schwach erwies, mußte Militär requiriert werden, um die Ruhe wiederherznstellen. * * .. In einem Petersburger. Brief des ^Israelit" erhält die traurige Lage der russischen Inden-eine grelle Beleuchtung : Durch die europäische Presse erfahren wir, daß wir Inden uns auf eine Aera neuer Beschränkungen und Verfolgungen gefaßt zu machen haben. Hiesige Zeitungen dürfen darüber noch nicht sprechen. Aber es ist diesmal keine Fabel, die neue Aera kündigt sich bereits an und wir sind auf alles gefaßt. . Zunächst die'Vertreibung der Juden aus Nikolajew. Seit jeher gilt" Nikolajew als das Barometer der antijüdischen Stimmung der russischen Regiernngskreise. Während die Rechtslage der anderen Städte--klar ist, und-man genau weiß, ob in ihnen Juden wohnen dürfen oder nicht, ist Nikolajew direkt den Launen der Machthaber ausgesetzt. Die Dekrete und Senatserklärungen wechseln mit einander ab, laut welchen Nikolajew bald zum jüdischen Ansiedlungsgebiet gehört, bald wieder aus