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Die Wahrheit · 1911-07-21 · Heft 28 (21.7.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 28 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion mid Sldiiliuistration: Wien, II/, Nvväragaffe 27 Telephon: Redaktion 5107/Vlll. Administration 4938/H, ft. t. österr. Postjparkafla- ' Scheck-ftoiilo Ar. 100.918. Inserate: Die, viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsmi'b Jnsertionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Verngspreis: Ännzlährig.K 14.— HalbjUhria.K 7.— Für Sfiiltii^bnimte: .K 10. — Krscheint jeden Kreilag. litlotto: „Orrs Lisxst Oottv» i»d Wa.lkrl»«it!“ Für Anslnud: tAnnzjöyrig.8 Mark 8 Ülttvel oder >8 Frc». Ur. 28. Wien. 21. Juli ItHl. Inhalt: Die politische Unaufrichtigkeit des deutschnationalen Verbandes im österr. Abgeordnetenhause. — Aus der Woche. — Die Inden und das Wirtschaftsleben. — Das Transszendentale im Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Der Belfer. — Austritte aus dem Judentume. Die politische Unaufrichtigkeit des dentschnationaleu Uerkandes im österr. Akgeordnetenkanse. Vor den letzten Wahlen sind die „deutschgesinnten" Wahlwerber hauptsächlich gegen den „Klerikalismus" und gegen die „Korruption" der herrschenden Christlichsozialen zu Felde gezogen. Die jüdischen Wähler, welche durch Rückblicke in die jüngste Vergangenheit dieser Vereinigung durchaus keine Begründung hiefür finden konnten, glaubten trotzdem die Wahlwerber dieses Verbandes unterstützen zu müssen, um dadurch die nahezu allmächtige christlichsoziale Partei schwächen zu können. Nun sind die Deutschnationalen die stärkste Partei im Abgeordnetenhause, aber ihre erste Tat war keineswegs dem Kampfe gegen den Klerikalismus gewidmet, sondern mit einer Boykottierung ihrer jüdischen Kollegen und mit einem Anathema gegen wahrhaft freisinnige Abgeordnete Wiens markieren sie ihren Einzug ins österreichische Volkshaus wie im Jahre 1907. Mit welchem Rechte nennt sich dieser Verband freisinnig, aus dessen Schoß zwei Unterrichtsminister hervorgegangen sind (Freiherr v. Marchet und Graf Stürgkh), welche das Konkordat in Oesterreich nahezu restlos wieder durchgeführt haben? Wie reimt es sich, daß ein freisinniger Verband gerade die Kämpfer für eine „Freie Schule" in Oesterreich mit Boykott und Krieg bedroht? .Wo bleibt die Aufrichtigkeit dieses Verbandes gegen die bedrückten, fortschrittlich und freisinnig gesinnten Lehrer Deutschösterreichs, welchen sie bei jeder Gelegenheit Hilfe und Befreiung zusagten, wo ihre angebliche Sympathie für eine geförderte und befreite Volksschule, wenn Regierungsmänner aus ihren Reihen die Entrechtung der Lehrerschaft noch weiter ausdehnten und die Verklerikalisierung aller Schulen fortsetzen können? Auch die Christlichsozialen behaupteten fortwährend, sie seien nicht klerikal. Lügen haben aber kurze Beine, Schreien hilft nicht — Tatsachen beweisen. Aber auch von der Teuerung und der wirtschaftlichen Notlage wird dieser Verband die arme Bevölkerung, besonders die städtische, nicht befreien, denn er setzt sich, genauso wie die von ihm bekämpfte christlichsoziale Partei ans entgegengesetzten Jnteressenvertretern, aus Vertretern agrarischer und städtischer Interessen zusammen und kann demzufolge keine derselben ehrlich vertreten. Ehrlich ist in diesem Verbände gar nichts, nicht einmal ihr vorgeblicher Rassenantisemitismus, sonst könnte sie in ihren Reihen auch die „Judenstämmlinge" Dr. Ehrlich und Dr. Licht nicht dulden. Diese Unaufrichtigkeit der Partei trägt auch die Keime ihres baldigen Zerfalles und Unterganges, trotz ihrer gegenwärtigen Bedeutung so sicher in sich, wie dies in der christlichsozialen Partei der Fall war. Die Zeit naht überhaupt rasch, in welcher der Zorn der Bevölkerung gegen jede Art von politischem Betrüge mit elementarer Macht losbrechen wird, in welcher die Opportunität und die politische Klugheit nicht mehr zulässig befunden, sondern als Schwindel energisch bekämpft und gebrandmarkt wird. Dann wird die gesamte Bevölkerung über diesen „freisinnigen" Verband ebenso den Stab brechen, wie es jüngst die Bevölkerung Wiens den Christlichsozialen gegenüber gemacht hat. Die jüdischen Bürger hatten aber nie Ursache, deutschnationale Wahlwerber zu unterstützen und werden hoffentlich bei künftigen Wahlen diese Wahrheit beherzigen. Es ist die größte — Unverfrorenheit, von Wählern Unterstützung zu erheischen, denen man trotz eifriger Teilnahme an der deutschen Sprache und Kultur ihr Deutschtu m a b s p r i ch t und sie samt und sonders als fremde Schädlinge erklärt. R-. L. Ans der Woche. Die beklagenswerten Drohobyczer Vorfälle haben bereits in die ersten Sitzungen des neueröffneten Reichsrates ihre dunllen Schatten geworfen. Im Polenklub wurde über Antrag des Abgeordneten Dr. Groß beschlossen, im Abgeordnetenhause folgenden Driuglichkeitsantrag zu stellen: 1. Die Regierung wird aufgefordert, zu veranlassen, daß eine strenge Militär- und zivilstrafrechtliche Untersuchung durchgeführt werde; daß die Schuldigen mlt allem Nachdruck ermittelt und der verdienten Bestrafung zugeführt werden. 2. Die Regierung wird aufgefordert, das Nötige zu veranlassen, daß den Opfern der Drohobyezer Vorfälle und ihren Familien volle Entschädigung aus Staatsmitteln zuerkannt wird. Bemerkenswert war auch ein Passus in der Programmrede des neugewählten Obmannes des Polenklubs Ritter von Bilinski, der die Erklärung enthielt, daß es Pflicht des Polenklnbs sei, sich für die arme jüdische Bevölkerung in Galizien einzusetzen. Wenn solche Versicherungen nicht schon öfter ohne jeden Erfolg gegeben worden wären, könnte man ihnen mehr Glauben beimesfen. * * *

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