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Die Wahrheit · 1911-07-14 · Heft 27 (14.7.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 27 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. .27. Die Wahrheit Seite 9. Der Kelser. Von Oberkantor M. A. Landau, Wiener-Neustadt. E r st e s K a p i t e l. Weißt du, lieber Leser, was dieses Wort bedeutet? Es ist ^in Wort voll Augst und Schrecken für alle jene Kinder, die mnt dieser Person in nähere Berührung kommen müssen. Und doch ist es in der Regel ein harmloser, junger Mensch, der mit -dem früheren deutschen Lehrgehilfen — „Beihelfer" — identisch ist. Der Werdegang eines solchen Lehrgehilfen wird den Lesern des Westens etwas unbegreiflich Vorkommen; denn das Lehramt im jüdischen Cheder*) wird als ein Handwerk angesehen, zu dem allerdings etwas Geist gehört. So gibt es einen kleinen Belfer, der seine Lehrzeit ordentlich zu absolvieren hat, dieser Kleine wird mit der Zeit ein Lehrgehilfe, etwa wie ein Unterlehrer, und schließlich ein Oberbelfer, der nur eine Braut mit etwas Geld finden muß, um selbst ein Schulmeister zu werden. Ein Kind, das in den traurigsten Verhältnissen ausgewachsen ist, der Sohn ganz armer Leute — der Vater gewöhnlich ein Dorfgeher oder Wasserträger, die Mutter eine Bedienerin oder Federnschleißerin — wird, da er meist zu schwach ist, ein Gewerbe zu erlernen, mit zwölf Jahren einem Schulmeister (Melamed) als Lehrjnnge' übergeben. Nicht ohneweiteres kann er seinen Dienst antreten, denn sonst wäre der .Zulauf gar groß. Der Schulmeister muß lange gebeten werden und wenn ihm der Junge zu Gesichte steht, ermahnt er ihn eindringlich, seinen Entschluß reiflich zu überlegen lind wenn er ihn dann endlich doch aufnimmt, so schärft er ihm ein, daß er unbeugsamen Gehorsam verlange und nicht allein er, sondern auch seine Frau, denn wie ein rechter Lehrjunge muß der kleine Belfer auch - der Frau Meisterin behilflich sein und für sie -Gänge machen, auskehren, die Kinder waschen, kämmen und spazieren führen. Dafür bekommt er vom Schulmeister nichts außer einem schlechten Quartier und am Abend, nach getaner Arbeit, sucht er in einer finsteren-Kammer ans einer harten 'Bank sein Lager auf. — — In einem kleinen galizischen Städtchen lebte ein armer Mann, der im Sommer als Fuhrmann angestellt war, im Winter aber, wo die schlechten Straßen nicht befahren werden konnten, Ziegenhäute aufkanfte, um sie dann den Gerbereien mit geringem Verdienst abzuliefern. Nach achtjähriger Ehe. der ein Knabe entsproß, verlor er plötzlich sein braves Weib und dieser starte Schlag traf den wetterfesten Mann so schwer, daß er fast wie wahnsinnig hernmgiug. Lange widerstrebte er dem Rgte seiner Freunde und Verwandten, wieder zu heiraten, denn er wollte seinen lieben Jossale nicht einer Stiefmutter ausliefern. Als aber das arme Kind immer mehr herunterkam, entschloß er sich schweren Herzens eine jüngere Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten, aber leider war diese noch viel ärger als eine Fremde gewesen^ und um das Kind nicht länger -plagen zu lassen, übergab der arme Mann seinen Jossale dem Melamed eines Cheders. der an dem ruhigen Jungen Gefallen fand und ihn gleich in sein Amt einführte. Von Stufe zn Stufe muß so ein Belfer in seinen höheren Lehrberuf aufsteigen und bei jeder Dienstleistung muß er seine Befähigung für sein Fach zeigen. — Jossale bekam, nachdem -er der Frau Meisterin bis gegen Mittag geholfen hatte, zunächst einen großen Korb, mit dem er * in alle Häuser gehen mußte, die Kinder im Cheder hatten, um das Mittagmahl zu holen. Denn in einem solchen Cheder, wo in demselben Zimmer, an verschiedenen Tischen von den Ansangsgründen bis zum Talmudstndium gelehrt wurde, blieben die Kinder von acht Uhr früh bis spät in den Nachmittag. Sie bekamen ein Stückchen Butterbrot mit und das Mittagmahl mußte das Belferl holen. In ganz primitiver Weise wurde den Kindern in einem irdenen Gefäße das Essen geschickt. Die galizischen Chederkinder waren noch nicht so verschwenderisch, daß sie für jede Speise einen -eigenen Teller und Messer und Gabel brauchten. In ein- und demselb en irdenen Gefäß wurde die Suppe und das Stückchen *) Schulstube. Suppenfleisch getan, ein Löffel hineingefteckt und ein Stückchen Brot als Deckel darübergestülpt, damit das Essen warm bleibe. Zwanzig bis dreißig solcher Gefäße mußte Jossale in seinem Korbe uuterbringen und jedes Häferl mußte er von außen erkennen und jedem Kinde mußte er sein Essen übergeben und eine Nachricht vom Hause überbringen und jedes Kind mußte er solange anschauen und solange ausfragen, bis es ihm einen kleinen Rest znrückließ. Das ist die Praktik eines jeden kleinen Belfers und die verstand Jossale sehr gut, denn täglich hatte er auf diese Weise ein Mittagmahl erbettelt und brauchte keinen Hunger leiden. Diese Stufe scheint unser Jossale auch zur besten Zufriedenheit seines Meisters zurückgelegt zu haben, denn gar bald wies er ihm eine neue Funktion zu, die schon etwas einträglicher war. Jossale avancierte zum „Pntzbelferl". Er bekam einige Häuser zngewiesen, wo er die Kinder täglich früh zu wecken hatte — nur der Samstag war frei — dann mußte er sie waschen und anziehen und mit ihnen das Morgengebet „Moidi ani“ verrichten. Freitag Nachmittag aber halte er eine besondere Mission; er putzte in diesen Häusern allen Familienmitgliedern die Schuhe so blank und glänzend, wie er. es mit seinen schwachen Kräften vermochte. Deshalb auch der Name „Pntzbelferl". Diese Tätigkeit wurde von den Hausfrauen entsprechend belohnt und Jossale bekam in manchen Häusern zehn, in manchen zwanzig Kreuzer monatlich, überdies machte er Bekanntschaft mit den verschiedenen Köchinnen, deren Schuhe er ganz besonders schön putzte und das trug so manchen fetten Knochen ein. Jossale verstand es auch in dieser Stufe die vielen Schwierigkeiten zu überwinden und er gewann die Gunst seines Meisters in dem Maße, daß er ihm dem Oberbelfer zur eigentlichen Unterweisung übergab. Nun erst begann für Jossale die richtige Lehrzeit, nun hatte er sich langsam für seinen künftigen Erzieherberuf vorzubereiten und der Oberbelfer schonte weder seine Ohren, noch seinen Hinterkopf, zwei Teile, die für das Auffasfen und Begreifen von besonderer Wichtigkeit sein sollen. Der Kleine mußte das Abendgebet und Segensprüche auswendig lernen und diese mit schwerer Mühe erworbenen Kenntnisse seinen Schützlingen beibringen. Und die Alten scheinen mit ihrer praktischen Lehrmethode recht gehabt zn haben. Jossale bewältigte unter den Handgriffen des Oberbelfers „spielend" alle nötigen Grundbegriffe und bekam nnu noch mehr Häuser zugewiesen. Ja, er war jetzt völliger Hofmeister; er führte die Kinder nicht nur täglich zum Cheder. sondern an jedem Samstag auch in den Schloßgarten. Dieses höhere Maß von Vertrauen brachte auch ein größeres Monatsgeld ein und in manchen besseren Häusern kamen auch noch Kosttage hinzu. Denn das Essentragen und das Betteln waren jetzt nicht mehr Sache unseres Jossale. Er war jetzt ein gemachter Mann. Er war Erzieher, hatte Essen und Geld und das stolze Bewußtsein in der Brust, daß er nur noch eine Stufe, nämlich die des Oberbelfers, zn überschreiten hatte. Dieses Gefühl gab ihm Kraft und Ausdauer, so manches Bittere, das er von Meister nud Meisterin, vom Oberbelfer und den Herren Eltern und 1a8tz not least von den ungezogenen Muttersöhnchen zn erdulden hatte, wie eine herbe Medizin herunterznschlncken, von der mau ja auch eine Erlösung vom Uebel erhofft. (Fortsetzung folgt). Austritte ans dem Judentum. Weifsenberq Alice. Koutoristin, geb. 7. Juli 1886 in Jägersdors, Schlesien, VIII. Laudongasse 37. Bauer Jda. Private, geb. 26. April 1879 in Proßnitz, Mähren, XHI. Hadikgasse 120. Fleischer Arthur. Opernsänger, geb. 14. Dezember 1881. Wien, VJLl. Wimbergasse 12. Deutsch Fritz, Goldarbeiterlehrling, geb. 23. April 1893 in Wien. I. Spiegelgaffe 13. L ö w y Selman, Privat, geb. 10. April 1890 in Luditz, Böhmen, IX. Alserstraße 2. N e u m a n n Otto, geb. 28. März 1387 iu Wien, IX. Marianengaffe 20. Mautner Eugenie, Private, geb. 24. September 1887 in Prag, 3X. Franz Josefbahnstraße 5.

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