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Die Wahrheit · 1911-07-14 · Heft 27 (14.7.1911) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 27 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Serie 8. Die Wahrheit. Nr. 27. Kantor, -er auch als Sänger in gutem Ruf stehteinen kleinen Gelegenheitsbesuch zu machen. Die Stadt, unmittelbar an den Bahnhof stoßend, macht den Eindruck der gewöhnlichen deutschbohmischen, Städte mit ihren um den Marktplatz sich windenden Lauben. 'Dabei große Sauberkeit und Vornehmheit im Styl einzelner Bauten. Nur das Pflaster ist teilweise Herz- und stiefelzerreißend, namentlich in der Mitte des Marktplatzes. Auf dem Wege zu dem Herrn Kollegen kam ich von hier aus einer kleinen Gasse zum Platze, wo der Tempel steht.' Es macht einen wohltuenden Eindruck, denselben fast eingebettet zu sehen in einem herrlichen Garten und ich habe selten noch eine glücklichere Platzwahl für ein Gotteshaus gefunden als in Trautenau. Nur schade, daß sich neben demselben kein Gemeindehaus besindet, da doch der tägliche Dienst der Funktionäre eine nmittelbare Wohnstätte neben dem Gotteshaus erfordert. Indes scheint in dieser Gemeinde nur ein Sabbatgottesdienst stattzufinden. Ich suchte daher den Herrn Kollegen anderswo, fand ihn aber zu meinem Leidwesen nicht zuhause. Nur seine liebwerte Gattin skizzierte mir im Laufe eines interessanten Gesprächs die ganz angenehme Stelle ihres Mannes; sie hatte mit meiner Aufwartung eine gewisse Freude, die sie mit dem Versprechen quittierte, mich ebenfalls mit ihrem Gatten in Johannisbad zu besuchen, was ich mit vielem Dank mir erbat. — — — Schon von -Trautenau an entwickelt sich ein lebhaftes touristisches Treiben. Auf dem Bahnhof begegnet mau Männern, Frauen und Kindern mit Rucksack und Gebirgsftock ausgerüstet, und ihr Ziel ist gewöhnlich Schneekoppe oder Johannisbad. Um. dahin zu gelangen, muß man zum Gebirgsort Freiheit per Bahn und von da führt ein schattiger Waldweg am plätschernden Bächlein vorbei, gen Johannisbad, die Perle des Riesengebirges. Da mir das rituell streng geführte „Hotel Spiro" empfohlen wurde, so suchte ich es sofort auf. Schon von dem Aussichtspunkt, dem Plateau der katholischen Kirche, der eine herrliche Rundsicht über die aus Waldesdunkel hervortretenden Billen gewährt, konnte man mir das unter dem Namen „Waldschlößchen" allbekannte Hotel zeigen. Um mich eines Zimmers zu versichern und meinen hungrigen Magen zu stärken, ging ich gleich hin. Ich fand hier zu meiner Befriedigung beides und einen Gastgeber, der sich nicht nur um das leibliche Wohl der Ankommenden besorgt, sondern der letztere findet an ihm einen Freund und Ratgeber, dessen man auf fremdem Boden so notwendig bedarf. Herr Spiro machte mich auch gleich mit. den meist aus dem nicht zu fernen Schlesien, Posen rc. sich rekrutierenden Kurgästen bekannt. So ein Abend bei superbem Mahle, im angenehmen Geplauder, mit der Aussicht auf den herrlichen Wald, umfangen von kühlenden Lüften, Herz, was begehrst du noch mehr? Am kommenden Morgen begrüßte uns die Kurkapelle mit weithinschallendem Choral — es ist die erste Nummer des Frühkonzertes, bei dem man auch sein Frühstück einnehmen kann. Nachdem man sich herzstärkend gütlich getan, gehts ans Baden. Hier möchte ich meine lieben Fachgenossen auf eine kräftige Heilquelle aufmerksam machen, welche namentlich dem Stimmorgan von großem Nutzen wäre. Es ist die uralte Thermalquelle, die Akrokotherme, welche eine beständige Temperatur von 290 Celsius hat. In einem prächtigem Bassin, das mit blauem, herrlichen krystallklarem Wasser gesiillt ist, steigt sie auf. Es ist ein Vergnügungsbad für den Organismus überhaupt. Darauf folgt kurgemäß ein Stündchen Ruhe. Ich ignorierte wohl diese Vorschrift, aber gerade diese Außerachtlassung brachte mich in eine angenehme Situation. Ich wurde nämlich, als ich mein Heim aufsuchte, auf einen Gesang aufmerksam, der aus hem benachbarten Zimmer zu mir herüberdrang. Ich hörte eine Löwsche Balade. Die Tür stand offen und ich konnte den Sänger sehen -— es war Herr Spiro selbst, der, ein Amateur in der Gesangskunst, diese in seinen Mußestunden psiegt. Unter anderen Musikalien fand ich eine Klavierausgabe der Schir Ziongesänge, herausgegebeu von Josef Sulzer. Ich gab meiner Freude Ausdruck solcherart Hausmusik bei ihm gefunden zu haben, und auf die an mich gerichtete Bitte meines Wirtes, etwas daraus zu singen, setzte ich mich ans Pianiuo und bej gleitete mir das Ausheben für.die hohen Festtage. Ich fühlte mich nach eingenommenem Bade glänzend bei Stimme, underntete besonders den Beifall der durch meinen Vortrag, aufmerksam gewordenen Gattin des Herrn Hoteliers. Dadurch in ein anregendes Gespräch mit derselben geführt, erkannte ich, daß. Frau Spiro, bewandert in allen Tagesfragen, welche das- Judentnm berühren, nicht nur eine ausgezeichnete Wirtin ist, die das Küchenwesen in allen Details -zu dirigieren versteht,, sondern eine für alles Schöne verständnisvolle Dame, der man die höchste Hochachtung entgegenbringen muß. Im Laufe der weiteren Unterhaltung machteich mich erbötig, falls ich über Samstag in Johannisbad verbleibe, in dem vom Herrn Hotelier würdig eingerichteten Gebetsaale das- Freitag-Abend und Samstag-Mußaf-Gebet vorzutragen, was mit großer Befriedigung ausgenommen wurde. Aber leider konnte ich mein Versprechen nicht einlösen, da eine gewisse Verstimmung, und Unruhe, hervorgerufen durch einen Schicksalsschlag, der mich vor kurzem getroffen, sowie Sorge über etwa versäumte Pflichterfüllungen, nachhause zu eilen mich bewogen. So schied ich, wenn auch mit schwerem Herzen, doch versprechend, in nicht zu langer Zeit das mir in bloß wenigen Tagen so liebgewonnene Johannisbad und natürlich das „Waldschlößchen" mit seinem liebwerten Besitzern aufzusnchen. B. Singer. Inn g b uuzla u, im Juli 1911. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Verein „Achwah, Jüdische Brüder", Jüd. Volks-Speisehaus, Wien, II., Herminengasse 8.) Montag, den 31. Juli 1911, präzise' 8 Uhr abends, findet im Vereinslokale die diesjährige ordentliche Generalversammlung statt, zu welcher die Mitglieder und Förderer des Vereines höflichst eingeladen werden. Bade». Wie kürzlich gemeldet, ist hier der Gutsbesitzer Jakob- Adler, 92 Jahre alt, mit Hinterlassung eines Vermögens von ungefähr fünf Millionen Kronen gestorben. Ein großer Teil des Nachlasses fällt ber Alliance universelle israelite zu. Das inzwischen beim hiesigen Bezirksgericht eröffnete, Testament bestimmtdaß mehrere arme Verwandte des Erblassers in Ungarn insgesammt X 1,600.000, und zwar in acht Legaten zu je X 200.000 erhalten sollen. Der Rest wird zwischen der Gemeinde- Galäntha bei Preßburg und der Alliance universelle israelite geteilt,, abgesehen von einem Legat von X 50.000, mit welchem die langjährige Pflegerin des Verblichenen bedacht worden ist. Es heißt, daß das Testament Adlers angesochten werden wird. Baden. Am 11. d. M. absolvierte der Schauspieler Herr Emil Rübe l, der Sohn des in Wien etablierten und renommierten Kunstschriften-und Schildermalers Herrn I. Rnbel, über Einladung der hiesigen Theaterdirektion ein Gastspiel in der Arena. Gespielt wurde das Lustspiel: „Die Schmetterlingsnacht" von Herrn. S n d e r m a n n. Das Stück, das mit ungewöhnlichen theatralischen Effekten ausgestattet und psychologisch hochinteressante Milieuxschilderungen aufweist, brachte der- Direktion ein vollbesetztes Haus. Herr Rubel, dem als Heldendarsteller ein guter Ruf von seinem Engagement im Stadttheater in Augsburg vorausging, war tatsächlich der heldenhafte „Führer" in dieser „Liebesschlacht"^ er brachte aber auch mit seinen sarkastisch-würzigen Varianten Frische und Esprit in das tüchtige Ensemble und erntete ob seinen „trefflichen Schlagern"^ mit denen er das Publikum amüsierte, tosenden Beifall und herrliche- Blumenspenden. Ateratrrr. Ost und West. Heft 7. Juli 1911. 11. Jahrgang. Inhalt: Volkswohistand und Volksaufklärung B. Samuel. Das Ende der „Externen" Dr. Schmarja Levin. Gruppenbild. Die amerikanischen Einwanderungsgesetze in ihrer. Beziehung zu den Juden. Max I. Köhler, New-Iork. Amerikafahrer Paul Barchan. Die Berliner Sezession 1911 (mit 9 Illustrationen) Karl Schwarz. Glaube und Heimat Rabb. Dr. Samuel. Hygienisches aus der rabbinischen Literatur Dr. M. Bamberger, Schönlauke. Psychologie des jüdischen Geistes Dr. S. M. Melamed. Der Minjonär ' Dr. Max Steif. Echo-Melodie, Singweise der „Klagelieder Jeremias"' sNoten.) Mitteilungen ans dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle: Landwirtschaftliche Schulen der Alliance. Muselmanische Allianceschüler: Notizen: Local-Comite- Leipzig. Local-Comite Wiesbaden. Brakes. Siebzigster Geburtstag. Verzeichnis der bei dem Deutschen Bureau im April und Mai eingegangenen Beiträge und Spenden., Neue immerwährende Mitglieder. Schach. Israelitisches Pensionat München.

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