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Die Wahrheit · 1911-07-14 · Heft 27 (14.7.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 27 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 27. Professorenschaft nicht Nachkommen könne, weil er krank oder mit wissenschaftlichen Arbeiten überhäuft sei. Vor zwei Jahren war Professor Goldschmidt, dann die Professoren Pick und Singer, Heuer war es Professor Z u ck e r k a n d l. Wenn dieProfessorenschast schon nicht den Mut hat, offen zu bekennen, sie wolle keinen jüdischen Rektor und wenn sie sich aus der Situation mit der pro forma-Wahl heraushilft, so ist das eine Sache, die dem Bekennermut der deutschen Professoren nicht das beste Zeugnis ausstellt; trauriger aber ist es, daß die jüdischen Professoren in dieser akademischen Komödie mitspielen. Wäre es nicht ehrlicher und mutiger, wenn der Professor, der zum Rektor gewählt wird, weil man hofft und erwartet, er werde trank oder überhäuft sein, an nehmen würde oder mit der Begründung ablehnen, er sei zwar gesund, aber Jude? Heuer war die Komödie besonders komisch. Denn statt des Juden Professor Zuckerkandl, der nicht Rektor werden wollte, ist der getaufte Jude Professor Rauchberg Rektor geworden. Er ist gesund, er ist nicht überhäuft und getauft. Darum darf er anuehmen. Das Judentum ist an sich eben eine Krankheit, an der deutschen Universität. Oder ist die Sage wahr, die berichtet, daß die Juden, die ordentliche Professoren werden wollen, das Ehrenwort abgebeu müssen, eine auf sft fallende Wahl zum Rektor nicht anzunehmeu?. * * * Für den gerechten und den streng konstitutionellen Sinn des Königs Ferdinand von Bulgarien spricht nachstehender Vorfall, der aus Sofia gemeldet wird: Ans einem Ausflug, den Zar Ferdinand in die Umgebung Tirnowas unternommen hatte, fand sich unter den zahlreichen Gästen auch der jüdische Deputierte Farchi. Farchi wurde von Zar Ferdinand in ein längeres Gespräch gezogen und als er gelegentlich bemerkte, daß er der erste jüdische Deputierte sei, antwortete König Ferdinand sichtlich erfreut, daß. er stets ein Anhänger des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger Bulgariens ohne Unterschied der Konfession und Nation gewesen sei. * * Das „Bayrische Vaterland" (Nr. 142) ist über den „massenhaften Jndenzudrang nach Bayerns Hauptstadt" ganz entsetzt und empfiehlt folgendes probates Gegenmittel: „Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als alle Juden, die sich unnütz gemacht haben, zusammen zu fangen und nach unseren Reichskolonien zu exportieren, um „die europäische Zivilisation nach Afrika zu tragen." Uns wäre geholfen und die Hottentotten und K o n g o n e g e r werden, wenn sich die Juden mausig machen, s ch n e l l mit i h n e n f e r - ti g werden; so wäre auch ihnen, unseren „deutschen Brüdern dritter Klasse",, geholfen. Ein Hauptmitarbeiter dieses toleranten Christenorgans war, worauf die „L. V.-Ztg." mit Recht aufmerksam macht, früher der Pfarrer Münster er aus Ponholz, der seit Jahr und Tag spurlos unter Mitnahme von über 100.000 Mark, die er als Rechner einer Darlehnskässe den bayrischen Bauern stahl, verschwunden ist. Vielleicht ist dieser fromme Zeutrnmspfarrer gar zu den afrikanischen Wilden gereist, um den vom „Bayrischen Vaterland" vorgeschlagenen Judenimport immer vorzubereiteu? , * * * Wie wenig begründet die Aengsten des frommen Blattes über die Berjndung Bayerns sind, zeigt folgender Bericht aus München: In den letzten Tagen sind die Beförderungen der Mittelschullehrer erfolgt. Eins mag so manchen beim Lesen der langen „Dienstesnachrichten" ausgefallen sein.: daß auch Heuer wieder kein jüdischer Name unter der Lehrerschaft des humanistischen Gymnasiums zu finden war. Das Humanistische Gymnasium in; BayerAist also auch jetzt noch jndenrein. Wer von den Israeliten' .sich in Bayern dem Studium der Philologie widmen will, hat: im Staatsdienste Aussicht auf Unterkommen nur bei den realen Mittelschulen oder bei den Hochschulen, des Landes. Es gibt zwar kein geschriebenes Gesetz oder eine bestimmte Ministeriatverordnung, welche die Inden von' der Anstellung an humanistischen Gymnasien ausschließt; aber es hat sich im Laufe der Zeit ein Gewohnheitsrecht heransgebildet, das genau so streng oder noch strenger befolgt wird als ein fest normiertes Gesetz. Daß ein solcher Zustand dem klaren Wortlaute der Verfassung widerspricht, ist ohne weiteres klar. Und es muß daher als eine beabsichtigte Kränkung von den Israeliten empfunden werden, wenn sie von staatlichen. Unterrichtsstellen, nur weil sie Juden sind, ausgeschlossen'werden. * * * , Unter dem Titel „Deutschland und die marokkanischen Juden" veröffentlicht die „Kölnische Zeitung" einen aus Tanger datierten Artikel, in welchem gezeigt wird, daß nicht nur die Alliance Jsraelite und die. französische Regierung, sondern, auch die Deutschen sich der Juden in Marokko annehmen. So habe sich z. B. Konsul Vassel rechtzeitig bei der Regierung verwendet und bestand auf wirksamen Vorsichtsmaßregeln, die er ausgearbeitet hatte, um gegebenenfalls Plündereien und Metzeleien im Judenviertel zu Fez vorzubeugen, was Dank seinem energischen Auftreten auch vollständig gelang. Deutsche seien es auch gewesen, die unter die hungernden Juden im Mellah von Casablanca zuerst Nahrungsmittel und Geld verteilten. Der deutsche Dampfer Arkadia habe damals Hunderte von flüchtigen Juden ausgenommen, und als im Hinterlande von Mogador infolge Mißernte entsetzliches Elend herrschte, hätten die'deutschen Marokkofirmen in Kürze "2260 Duros (zu 4 Mark) aufgebracht, die zur Hälfte für Juden verwandt wurden. Der Not sei. dadurch wirksam gesteuert worden. * * - s . Der antisemitische Respekt vor dem Träger der Krone hat sich wieder einmal in zwei charakteristischen Aeußernngen gezeigt. Die „D e n t s ch s o z. Bl?',.' also das offizielle Organ der Partei des Herrn L. v. Sonnenberg, schrieben vor einigen Wochen : „Es ist für einen guten Deutschen zwar eine peinliche Erscheinung, wenn sein Kaiser sich mit einer über w i e g e n d jüdischen Suite umgibt und dadurch sich und uns in der ganzen alten Welt, von Damaskus bis Drontheim, in Mißkredit bringt; aber daran ist auch mit viel Hoffnung gar wenig zu ändern. Das muß hiugenommen werden wie eine Jnflnenzaepidemie, durch verstärkten vorbeugenden Selbstschutz der Gesunden. Zweifellos würde ein wirklich dentschnational gesinnter Herrscher für das Ansehen des'Reiches eine glücklichere Hand haben; oder sollte es ohne Bedeutung gewesen sein, daß Wilhelm I. keine Juden an seinem Hofe leiden mochte?" Nicht minder geschmackvoll schreibt das offizielle Parteiorgan der Reformpartei, die ..D e u t s ch e R e f o r in" (25, 6.), in einem Rückblick auf: den Zusammenbruch der Wiener Christlichsozialen bei den jüngsten österreichischen Neichsratswahlen: ..Die Herrschaft des Judenliberalismus ist vorüber wie die Profitgier der Geßmanu und Genossen. Alles hat seine Zeit und auch die Partei der Ho f j u den Wilhe l in i n i - s ch e r Periode hat nicht die Verheißung ewiger Dauer. A l l e s hat ein Ende. Nur die Wnrst hat z w e i." , Und das alles, weil Wilhelm H. dem Generaldirektor der Hamburger Packetfahrt zu seinem 60. Geburtstage ein huldvolles Glückwunschschreiben gesandt und ihn bei einer offiziellen Festlichkeit in Hamburg: „Me in l i e b e r B a l l i n" augeredet hat! . . . * - * ■' Interessant und bezeichnend für die edle Denkweise des FeldmarschaÜs Grafen Moltke ist ein Schreiben, welches derselbe im-Oktober 1890 an einen in einer größeren Stadt Schlesiens .mutierenden R a b b iner gerichtet hat. Derselbe übermittelte dem Feldmarschall zum 90. Geburtstage die Gratulation seiner Gemeinde nebst -Bericht über den Festgottesdienst und erhielt darauf -folgende Antwort mit eigenhändiger Unterschrift: „Sehr geehrter Herr Rabbiner! Nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank für die freundlichen Worte, mit denen Sie mir die Glückwünsche Ihrer

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