Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 26 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 8. .- - -.., ..Die Diese Verkennung einer liebevollen und gemeinnützigen Tätigkeit hat, wie ein neuerlich eiiigetreteiier Fall beweist, so harte Formen angenommen, daß es wohl endlich' an der Zeit ist, dem Verdienste -öffentlich beizuspringen. Der unermüdliche Adolf hatte vor kurzem in einem neuen Büchlein „Kritiker und Kritikaster" und in einem Hefte seiner periodischen Mitteilungen „Deutsches Schrifttum" (Bogen 10) eine der schönsten und reichsten Literatmjudensammlnngen zur Schau gestellt. Nicht nur, daß sich kein bewunderndes Publikum fand, daßman ihm jeden Beifall versagte, fehlte es nicht an schnöden, seine Kostbarkeiten unzart betastenden Händen, die ihm seine Schätze streitig machen, ja ihm entreißen wollten, was er mit unsäglicher Mühe erforscht, auf ungangbaren, schwindelerregenden Wegen, dem unsichersten Boden abgerungen hatte, wie der Wildhäuer im „Tell", der „Äber'm Abgrund weg das freie Gras abmäht, wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen". Den Lohn der waghalsigsten Kletterkünste suchte man ihm in gransaumer Art wegzunehmen. Sein kostbarer Friedrich Spielhagen, den er mit ausgestellt hatte, sollte unecht, sollte in Wahrheit kein Judensprößling sein. Da geriet selbst das Blut des zarten Adolf in Wallung, und'es lohnt sich wohl, die überzeugenden und ergreifenden Worte wiederzugeben, in denen das gekränkte Verdienst seine mühsamen Errungenschaften verteidigt. Gerechte Entrüstung zittert durch jedes Wort der Erklärung, in der Adolf den Leugnern seiner Behauptung, daß „Spielhagen eine jüdische Blutznmischung habe", entgegendonnert: „Obgleich ich es nun nicht nötig hätte, mich bei meinen Volksgenösien, an deren Schätzung mir allein liegt, gegen den Vorwurf, eine Lüge aufgetischt zn haben, zu verteidigen, will ich doch hiermit ausdrücklich erklären, daß ich jene Behauptung aus GruW ausreichender Spielhagenscher Familiennachrichten, die ich in einer leider nicht ausbewahrten Zeitschrift fand, ausgestellt habe und sie bereits in der letzten Auflage meiner „Geschichte der deutschen Literatur", in die ich nicht leicht Unbewiesenes aufttehme, enthalten ist. Spielhagen entstammte väterlicherseits einer märkischen Försterfamilie, das Iudenblut kam von der Mutterseile, über die es in Spielhagens Selbstbiographie „Finder und Erfinder" heißt: „Einer Kaufmannsfamilie in Stettin entsprossen, deren einst glänzende Verhältnisse der Krieg zerrüttet hatte, war 'sie nach dem frühen -— wohl infolge jener Unglücksfälle verfrühten — Tode ihres Vaters, während die Mutter eine andere Ehe geschlossen, bei Verwandten in Magdeburg erzogen worden. Ob sie wirklich väterlicherseits von einer französischen Familie amstammte, die sich nach der Aushebung des Edikts von Nantes in die Niederlande geflüchtet und von dort nach Deutschland verzweigt; ob diese dunkle Tradition nur eine Sage ist, die sich an den freilich verwunderlichen Familiennamen „Robrahu" knüpft, der eigentlich „Robran" gelautet haben soll — ich weiß es nicht zu sagen. Immerhin war es auffallend, daß sie, deren Schulunterricht, wie ich aus späteren Mitteilungen weiß, ein höchst mangelhafter gewesen, ein fließendes Französisch mit reinstem Akzente sprach, den sie schwerlich den Okknpatioustrpppen während der Kriegsjahre abgelauscht haben konnte." Genaueres läßt sich freilich aus der Selbstbiographie nicht feststellen, da Spielhagen seine Verwandten bei Namen zu nennen vermeidet, aber ich entsinne mich recht wohl, daß die obenerwähnten Nachweise ganz eingehend waren. — — — — -— Kann es etwas Schlüssigeres geben? Adolf hatte wirkliche Familiennachrichteu in einer wirklichen Zeitschrift in der Hand — wer darf es ihm zur Last legen, daß sie ihm leider verloren gegangen sind? Und er hat — man merkte wohl — das Ergebnis dieser Nachrichten in seine Literaturgeschichte hineingesetzt, in die er „nicht so leicht etwas Unbewiesenes anfnimmt". Nicht leicht! Und dennoch gibt es Leichtfertige, die da widersprechen, die noch an Spielhagens mütterlicher jüdischer Abstammurg zweifeln, obgleich die Mutter Robrahu oder Robran geheißen, eine, mangelhafte Schulbildung genossen und gut französisch gesprochen hat!!! Sollte mau es für möglich halten, daß es Böswillige gibt, die solchen erdrückenden Zeugnissen einen schnöden Unglauben entgegensetzen? Noch ergreifender ist eine Reihe anderer Fälle! Nicht weniger als drei kostbare Juwele der Sammlungwollten rauhe Hände auf einmal dem edlen Entdecker entfremden, die drei Pracht- .Wahrheit. ...... . Nr. 2& jüden Clemens Brentano (den Adolf aus einem sonsüünergiebigeir Boden entdeckt und mit den Wurzeln ausgegraben hat), Ferdinand' Kürnberger und Hermann Bahr. Man 'sann ' sich der tiefstem Gemütsbewegung nicht erwehren, wenn nlan vernimmt, wie Adolf' sein Recht auf diese drei wunderschönen Inden-seiner Sammlung, den originellen Romantiker, den charaktervollen Essaysteil und Novellisten und den geistreichen Modeschriftsteller energisch und dabei doch mit Feinheit verteidigt. „Die jüdische Herkunft des Vaters der Brentanos", heißt es in seiner Erklärung, „hat inzwischen Ricarda Huch („Ausbreitung und Verfall der Romantik", zweite' Aufl. S. 324) ganz bestimmt behauptet. Bei Kürnberger ist: die arische Herkunft des Vaters nachgewiesen, aber die der Mutter, die eine Händlerin war, nicht. Hermann Bahr hat seine.arische Abstammung nochmals versichert, doch immer noch Nicht mit der wünschenswerten Bestimmtheit." Von diesen drei Kernsätzen wuchtiger Selbstverteidigung hat mir namentlich der letzte einen tiefen Eindruck gemacht. Der sichere monumentale Ton weicht hier schließlich dem Ausdruck verschämter neckischer Zärtlichkeit. Bahr,, heißt es, hat seine arische Abstammung nicht init der wünschenswerten Bestimmtheit versichert. Adolf indes hat ja eigentlich dir jüdische Abstammung Bahrs endeckt und behauptet; „wünschenswert" müßte ihm also das Gegenteil sein: nämlich eine große Bestimmtheit, mit der Bahr, seine.jüdische Abstammung zugäbe. Aber — so redet eben die wahre Liebe. „Geh von mir!" sagt sie, „reiß dich los!" und fesselt, gerade dadurch den Geliebten^ Fürwahr, es steckt eine tiefe Tragik darin, wie man die mühsam zusammengebrachten Schätze Adolfs unbeachtet läßt oder gar dem Sammler zu bestreiten sucht. Und wer Psychologie- Hat und das Leben kennt, der sieht das bittere Ende dieser Literaturtragödie kommen. Adolf hat nämlich außer seiner gekennzeichneten Sammlerleidenschaft, nur nach eine einzige Liebe, nämlich die, für seine eigenen Gedichte, die er gleichfalls sammelt, ohne daß die Welt ihm dafür genug Dank erweist. Also auch hier ein. Verkannter! Im letzten Hefte, seiner Ueberblicke über „deutsches Schrifttum" (Bogen 10 April 1911) kommt auch diese Liebe zu einem wundersam zarten innigen Ausdruck. Er spricht von seinen „stark persönlichen und bewußten Gedichten" von seiner „Entwicklungs- oder Tagebuchslyrik", nennt sie „nicht unmodern,, aber zeitlos" und zitiert einen Privatbrief Ferdinand v. Saarsüber diese Gedichte, der milden Worten schließt: „Man muß: sie in stillen und stillsten Stunden ans sich wirken lassen. „ Vielleicht würde Adolf dieses Wort noch höher werten, wenn ihm bekannr wäre, daß Saar — wenn auch nicht von Saar — ein ein verbreiteter Zudenname in Oesterreich ist. Aber das nur beiher, um den Leidenden eine stille Freude zu machen, die ihn. vielleicht zur endeckerischen Tätigkeit anreizt. Soviel, steht fest, daß Adolf ' zwei leidenschaftliche Züge in seinem Wesen vereint, den unwiderstehlichen Drang, den Ruhm des Judentums zu vermehren, und die stille tiefe Neigung, zu seinem eigenen Dichtertum. Muß es nicht kommen, daß diese zwei Leidenschaften zuletzt ineinander fluten? Kann der Tag. ansbleiben, an dem Adolf uns beweist, daß ein starker einheitlicher Instinkt durch sein Leben hindnrchgeht, an dem er seinem Sammeleifer die Krone anfsetzt und uns verkündete Ich habe meine Abstammung erforscht, ich habe mich berochen und betastet: auch ich bin in Arkadien geboren, auch ich bim .jüdischer Abstammung und füge meine eigene -Person als den herrlichsten Edelstein-in meine glänzende Sammlung ein. Wird man ihm diesen Erfolg endlich gönnen oder ihn wiederum bestreiten und verkleinern? Werden die Nichtjuden blind gegen die Krönung seiner Lebensarbeit sein? Und werden die-Juden am Ende gar— in einer Wallung von Scham, wie sie manchmal den allzu reich Beschenkten überkommt — in den Ruf ans-- brechen: „Das geht zu weit, das lassen wir uns nicht bieten!" Ich hoffe: Nein. Die Gerechtigkeit, die Wahrhaftigkeit und das menschenfreundliche Bemühen'müssen endlich den Sieg davon-- tragen. Vor dieser tragischen .Katastrophe wird Adolf bewahrt: bleiben : Es wird zuletzt ein versöhnendes Schauspiel geben, nnd, endlich erkannt, wird der-edle Mann nicht mehr Adolf deo Verkannte sein. 36. . . " ' ' ■ iis'ß ■■ ■ ■ ■ ■ ■