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Die Wahrheit · 1911-07-07 · Heft 26 (7.7.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 26 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 26 Oel gesalbt aus einem Löffel, der wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert stammt. Und er saß während der Salbnngszeremonie auf dem sogenannten „König Ednärds-Stnhl", der eines der merkwürdigsten Möbelstücke der Welt ist. Es ist ein Holzsitz aus einem großen Steinblock, der eine seltsame und ereignisreiche Geschichte hat. Der englischen Ueberlieserung nach sei dieser Steiublock der Fels, auf dem der biblische Patriarch Jakob sein Haupt ruhen ließ, als er schlief und von der Gottesleiter träumte. Von Palästina kam dieser Fels nach Egypten, von da zur Tochter Pharaos nach Spanien und von hier nach Irland und Schottland. * * * Ju einem Gespräch mit dem Korrespondenten der „New- Iorker Times" sprach sich der russische Finanzminister Kokowzew über die Lage der russischen Juden folgendermaßen aus: Nach seiner Auffassung sei der gegenwärtige Moment ungeeignet, irgend welche Milderungen in der Lage der russischen Juden durchznführen.. Das Verhalten der Juden zur Kriegs¬ und Revolutionszeit hätte ein scharf prononziertes Nationalgefühl gegen sie hervorgerufen, weshalb Aenderungen zu ihren Gunsten gegenwärtig unmöglich seien. Man müsse in dieser Hinsicht warten. Im übrigen erklärte Kokowzew alle Nachrichten über neue Drangsalierungen und Beschränkungen der Inden für falsch. Diese Behauptung Kokowzews wird von der „Russischen Korrespondenz" aufs entschiedenste bestritten. Nie, so führt sie aus, war die Lage der russischen Juden so schlecht wie jetzt. Jetzt ist neuerdings einer Reihe von Inden, deren Wohnrecht auf Entscheidungen der obersten Instanzen basierte, dieses Privileg entzogen worden und die vorhandenen Beschränkungen erfahren Interpretationen, welche die Zeite Plehwes in den Schatten stellen. Kein Jude Rußlands fühlt sich heute mehr in seinem Domizil sicher. Aus den verschiedensten Gegenden, aus Kiew, Riga, Smolensk und anderen Orten, kommen Nachrichten über die Ausweisung von Juden, die seit Jahrzehnten dort ansäßig waren. Die Kinderansweisungen aus Moskau, die so viel Staub aufgewirbelt haben, sind noch nicht zpm Stillstand gekommen. Augenblicklich wird den in Petersburg ansäßigeu Juden der Sommeraufenthalt in. der Umgebung der Stadt verwehrt. Dieses Beispiel Petersburgs hat bereits in anderen Städten des Reiches Nachahmung gefunden. Besonders bedauernswert ist auch die Klage der jüdischen jungen Leute, die durch eine von den Oktobristen als ungesetzlich erklärte Zirknlarnote vom Abiturientenexamen znrückgewiesen wurden. * Vorige Woche fand in einer der größten New-Iorker Synagogen eine Festlichkeit statt, mit welcher die Sammlungen für ein Monument des großen amerikanischen Patrioten Chaim Salomon eingeleitet wurden. Chaim Salomon hat zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung fast sein ganzes Vermögen in selbstlosester Weise der republikanischen Regierung zur Verfügung gestellt, die damals, aller Mittel entblößt, ohne diese Hilfe ihre Sacke hätte aufgebeu müssen. Zu dieser Feierlichkeit war auch Präsident Taft erschienen und hielt eine Rede an die Versammelten, in welcher er n. a. ansführte: „Ich bin nicht nur deshalb hierher gekommen, um eine allgemeine Rede zu halten, sondern um die Bewegung zu unterstützen, welche die Errichtung eines Detikmals fiir einen Juden anstrebt, der die republikanische Sache in unserem Lande gestützt und gefördert hat. Denn der Mann mit dem Schwert und den Epauletten, der General, auf ' dem Schlachtfelde, ist nicht der einzige Patriot, dem ein Land zu Danke verpflichtet ist. Zum Kriege ist auch Geld notwendig und Chaim Salomon hat aus eigener Tasche große Summen Geldes zur Verfügung gestellt, das den Begründern der amerikanischen Republik damals wie eine Erlösung aus größter Not und Verlegenheit zu statten kam. Jeder Bürger, der in diesem freien Amerika lebt, weiß cs ganz genau, daß keine einzige unserer großen Wöhlfahrtsanstalteu und unserer, der Förderung von Kunst und Kultur dienenden Institutionen hätte entstehen oder erhalten werden können, ohne der Unterstützung der Juden. Ich bin stolzauf die Tatsache, daß die Inden in Amerika eine Freiheit und Gleichberechtigung genießen, wie dies nur in sehr wenigen anderen Ländern der Fäll ist. Damit will ich aber keineswegs behaupten,, daß wir hier keine sozialen Vorurteile habeni Ich will /damit nicht behaupten, daß es hier nicht auch gesellige Klubs und andere Plätze gibt, in denen Menschen mit kleinen Köpfen glauben, daß sie dadurch sehr große Männer geworden sind, daß sie Inden ans ihren Kreisen ausschließen. Ist das nun auch ärgerlich und auf-- reizend, so ist es immerhin noch nicht das Schlimmste was einem passieren kann. So etwas ist übrigens auch meinen christlichen Freunden passiert, die vou Menschen aus Klubs ausgeschlossen worden, die nicht einmal würdig sind, die Schuhrieme-n der Ausgeschlossenen zu lösen. Es sind das Menschen, die außer in ihren Klubs sonst nirgends Einfluß haben oder Ansehen genießen. Ich gebe wie gesagt, zu, daß so etwas ärgerlich ist, aber ein ganzer Mann ist der, der von Selbstachtung erfüllt ist und weiß er einmal, daß sein Beleidiger nicht würdig ist, seines-, gleichen zu sein, so wird er stets höher stehen als sein Kritiker und Beleidiger." Hierauf hielt Dr. Madison Peters einen Vortrag über Chaim Salomon, von dem er uachwies, daß er für die Befreiung Amerikas in der kritischen Zeit 650.000 Dollars aus Eigenem spendete und daß weder er selbst noch seine Erben und Nachkommen diese Summe jemals zurückerstättet erhielten. Die Juden rmd das Wirtfchaftsleben. ' (Fortsetzung.) Dem Buche vorangestellt ist ein sehr lesenswertes Vorwort, in dem Sombart eine Erklärung dafür gibt, wie er auf das Jndenproblem gestoßen ist. Er erzählt, daß ihm bei der Bearbeitung seines Buches „Der moderne Kapitalismus" die Ueberzeugnng sich anfgedrängt hätte, ..daß auch am Aufbau der modernen Volkswirtschaft der Anteil der Juden weit größer sei, . als man bisher geahnt Hatte. Zu dieser Einsicht führte mich das Bestreben, jene Wandlungen im europäischen Wirtschaftsleben mir plausibel zu machen, die seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts etwa sich vollziehen und die eine Verschiebung' des wirtschaftlichen Schwergewichts aus den südeuropäischen in die nordwestenropäischen Länder im Gefolge haben. Der plötzliche Niedergang Spaniens, der plötzliche Aufschwung Hollands, das Dahinwelken so vieler Städte Italiens und Deutschlands und das Emporblühen' anderer, wie etwa Livornos, Lyons (vorübergehend), Hamburgs, Frankfurt a. M., schienen mir durch die bisherigen Gründe (Entdeckung des Seewegs nach Ostindien, Verschiebung der staatlichen Machtverhältnisse) keineswegs genügend erklärt. Und da offenbarte sich mir plötzlich die zunächst rein äußerliche Parallelität zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal der Staaten und Städte Und den Wanderungen der Juden, die damals, wie bekannt, eine fast völlige Umschichtung ihrer räumlichen Lagerung wieder einmal erlebten. Und bei näherem Zusehen ergab sich mir.mit unzweifelhafter Sicherheit die Erkenntnis, daß in der Tat die Juden es waren, die au entscheidenden Punkten den wirtschaftlichen Aufschwung dort förderten, wo sie erschienen, den. Niedergang dort herbeiführten, wo sie sich wegwandten." ' Und weiter sagt er: „Nur dieses will ich, damit es dem Leser gleichsam als Leitmotiv in den Ohren klinge, sagen: daß ich die große, die alle anderen Einflüsse weit übergipfelnde Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschafts- (und überhaupt Kultur) leben in der ganz eigenartigen Vereinigung äußerer und innerer Umstände erblicke: daß ich sie der (historisch zufälligen) Tatsache znschreibe, daß ein ganz b e s o n d e r s g e a r 1 e t e s Volk — ein Wüstenvolk und ein Waudervolk, ein heißes Volk —- unter wesensverschiedene Völker — naßkalte, schwerblütige, bodenständige Völker —- verschlagen worden ist' und hier unter abermals ganz esgen-

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