Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 26 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr 26. Die Wahrheit allein habe den Ausbruch eines Pogroms (!) in Ungarn verhindert, werde sich aber nicht ein zweites Mal in die Bresche stellen. Ob nun diese geschickte'Drohung es bewirkt hat, daß einige Belastungszeugen gegen Herrn Polonyi der Reihe nach versagten, mag dahingestellt sein. Sicher ist, daß der Herr Exminister,' nachdem seine früher« Parteigänger ihn energisch abgeschüttelt haben, sein Herz für das christliche Ungartnm und seinen Haß gegen das Judentum entdeckt hat. Als ausgezeichneter Agitator und Redner fand er auch sofort den richtigen demagogischen Ton und überzeugte die Teilnehmer einer kürzlich von ihm veranstalteten Volksversammlung davon, daß die Hauptstadt gänzlich unter jüdischem Einflüsse stehe und von diesem befreit werden müsse, wobei vor keinem Mittel zurückgeschreckt werden dürfe. Wenn sich bisher keine Ausschreitungen gegen die Inden ereignet Haben, so liegt die Schuld wahrlich nicht an Herrn Polonyi und seinen Genossen. Wir erhalten vom Hilssverein der Deutschen Juden die nachstehende Mitteilung: Es war schon seit einiger Zeit in den politisch eingeweihten Kreisen Petersburgs bekannt, daß die russische Regierung die traurige Lage ihrer jüdischen Untertanen weiter zu verschlechtern beabsichtige. Diese Pläne scheineil nunmehr unmittelbar vor ihrer Ausführung zu stehen. Denn wir erhalten ans absolut zuverlässiger Quelle in Petersburg ein Telegramm, das au der deutschrussischen Grenze ausgegeben worden ist und folgendermaßen lautet: Eine weitere Verschärfung der antisemitischen Politik wird die russische Negierung unmittelbar eintreten lassen. Der Zar hat durch eine besondere Resolution hierzu seine Billigung ausgesprochen. Die wachsende Bedrückung im Innern soll zugleich der Regierung ihre Position bei den Wahlen erleichtern. # * * Die Frage, ob der Dichter Wilhelm Raabe in der Charakterisierung der jüdischen Personen seines Romanes „H un g e r p a st o r" bewußt oder unbewußt antisemitischen Vorurteilen Konzessionen gemacht hat, ist schon wiederholt' erörtert worden, und es gibt Leute, die Raabe gerade ans Grund seines „Hnngerpastor" immer wieder zum Judenfeind stempeln. Darum ist es von allgemeinem Interesse, zn erfahren, daß Raabe selbst sich über diesen Punkt mit der wünschenswertesten Deutlichkeit ausgesprochen hat. Es geschah das in einem Briefe an eine jüdische Frau, die nach der Lektüre des „Hnngerpastor" auch einen Augenblick der Meinung war, ihr Lieblingsdichter Raabe stehe den Inden gegellüber nicht ans der Höhe ungetrübter Menschenliebe und ihm dies freimütig schrieb. Im „Israel. Wochenblatt" veröffentlicht nun G. Rüls den Briefwechsel Raabes mit der jüdischen Dame, Frau Philippine Ullmann- Stadroldendorf, aus dem Februar 1903; wir geben ans der Antwort des Dichters die entscheidenden Sätze wieder: „Behandle ich nicht im „Hungerpastor" den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen? Meine Schriften scheinen Ihnen doch mehr durch den Zufall in die Hand gegeben zu werden; ich erlaube mir daher. Sie ans die „Frau Salome" im dritten Bande der Gesammelten Erzählungen aufmerksam zn machen. Vielleicht entschädigt die jüdische Dame dort Sie für Ihr Mißfallen an Herrn Moses Freudensteiu, alias Dr. Theophil Stein! Auch aus „Höxter und Corvey" in demselben Baude können Sie wohl entnehmen, daß ich nicht zu den „Antisemiten" zu zählen bin, sondern nur wie unser Hergott in seiner Welt mein Licht in meiner Kunst leuchten lasse über — Gerechte und Ungerechte. Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten. Freunden und verständnisvollen Lesern gehört, und darin hat sich bis heute nichts geändert. * * * Die Verfassung für Elsaß-Lothringen sieht, wie früher schon dargetan worden ist, auch die Berufung eines Vertreters der jüdischen Gemeinden vor. Diese Neuerung scheint auch in Deutschland beherzigt zu werden. Graf Albrecht zu Stolberg- Wernigerode hat im Juniheft der „Deutschen Revue" einen Artikel über die Reform des Herrenhauses veröffentlicht, in dem es heißt: „Die Kirchen. Fraglich ist, ob man nicht auch wenigstens einen Rabbiner würde zufügen müssen." Wir nehmen von diesem beachtenswerten Vorschlag gern Notiz. Ob ein Rabbiner oder ein Laie, das wäre noch zu erwägen; aber ein offizieller Vertreter der preußischen Judenheit im Herrenhaus täte wahrlich not. * * ’ In der „Frankfurter Zeitung" sinden wir folgenden beachtenswerten Artikel, den wir behufs weiterer Diskussion des angeregten Thema unseren Lesern mitteilen. Professor Dr. R. Piloty (Würzburg) hat auf Ersuchen der israelitischen Religionsgesellschaft „Ohel Jakob" in München eine „Gutachtliche Aeußerung" über die Frage abgegeben: „Empfiehlt es sich, angesichts der religiösen Parteien in den großen israelitischen Kultusgemeinden zur Milderung der dadurch hervorgernfenen Uebelstände für die Wahlen zn den Gemeindevertretungen das Verhältniswahlsystem einzufnhren?" DieAnkwort. die Herr Piloty erteilte, ist durchaus bejahend. Nach allgemeinen Ausführungen, die für uns kein Interesse haben, befürwortet Piloty das Verhältniswahlsystem im besonderen für die großen israelitischen Kultusgemeinden. Die Gründe, die bei katholischen und protestantischen Knltusgemeinden dagegen etwa geltend gemacht worden sind, treffen in diesem Falle nicht zu. Es kommen hier nur Großgemeinden in Betracht, zum Teil deshalb, weil die Verhältniswahl nur da in Frage kommen kann, wo es sich tun Vertretungen van wenigstens mehr als drei Personen handelt, zum Teil wohl auch deshalb, weil die Israeliten in weit überwiegender Zahl Städter sind. Unter den Israeliten der Großgemeinden nun bestehen schroffe Gegensätze in religiösen Grundanschanungen, die sich im Verhalten zu den religiösen Gebräuchen und Einrichtungen fortsetzen und deshalb atlch iil den Kultusverwaltungen und besonders in .den Verwaltungswahleu hervortreten. Mit diesen. Gegensätzen ist zn rechnen. Sind die Gegensätze zwischen orthodoxen und neologisch gesinnten Israeliten vielleicht auch nicht so tief ausgeprägt wie zwischen Katholiken und Protestanten innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaft, so haben sie sich dock an manchen Orten so sehr vertieft, daß im wesentlichsten Teil der Religionsübung, im Gottesdienst, die Spaltung auch äußerlich besteht. Wo aber einmal getrennter Gottesdienst besteht, da ist den gesamten Anhängern der getrennten Richtungen des Glaubens auch ein Einfluß auf die gemeinsame Knltusverwaltung nicht mehr zu versagen. Es ist nicht nur als unbillig, sondern als geradezu unbegreiflich anzusehen, daß ein Mehrheitswahlrecht, mag es auf Listenskrnrininm beruhen odee in einer anderen Form des absoluten Prinzips bestehen, die Anhänger einer beträchtlichen Minderheit von jedem Einfluß auf die Gestaltung der gemeinsamen Angelegenheiten ausschließt. Die Unbilligkeit zeigt sich vor allem darin, daß den durch die Gestaltung des Wahlrechts tatsächlich Ausgeschlossenen doch obliegt, nicht nur zn den wirklich gemeinsamen Angelegenheiten, sondern auch zu den nur von der Mehrheit benutzten Einrichtungen durch Beiträge beizustenern. Mit dem Angebot, auch diese Einrichtungen zu benutzen, oder gar mit dem noch unfreundlicheren Ansinnen, aus der Glaubensgemeinschaft auszuscheiden, ist den also tatsächlich Bedrückten nicht geholfen, und zwar um so weniger, als das bestehende staatliche Recht, in Bayern wenigstens, eine Bildung mehrerer israelitischer Kultnsgemeinden im gleichen politischen Gemeindebezirk nicht zuläßt. Die Verhältniswahl ist nun geeignet, in diesen Verhältnissen den Minderheitsgruppen den gebührenden Einfluß zu verschaffen. Ihre Einführung verspricht eine Milderung der bestehenden Uebelstände, indem sie das Parteileben im Schoße der Gemeinde nicht schwächt aber reinigt uud klärt." H * * Viele der bei der jetzt stattgehabten Krönung des englischen Königspaares verwendeten Gegenstände und Akzessorien find von unermeßlicher Antiquität. König Georg wurde mit heiligem