Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 26 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063598--07352-3074430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
stens kamen um diese Zeit Briefe mit tönenden Phrasen wie: „das Geschlecht derer von Treuenberg ist bisher mit geschlossenem Visir durch die Welt gegangen", von Budapest aus wurden Vertrauensmänner für die adelige Deszendenz ernannt, eirr Familientag derer von Treuenberg propagiert usw. In die Oefsentlichkeit wurde hinausposaunt, es handle sich bei den Anregern dieser Aktion nicht um die Nobilitierung, man wollte vielmehr auf Grund der alten Privilegien den galizischen Deszendenten des Jakob. Bafsewy Schänkerkonzessionen erwirken. Bor kurzem kam auch ein Vertreter der Budapester Deszendenz nach Prag, und begann hier seine von keinerlei Sachkenntnis getrübten Nachforschungen nach dem „nach alten Traditionen im Depot der Knltnsgemeinde liegenden Adelsarchiv Bassewis". Das Präsidium der Kultusgemeinde kam ihm sehr entgegen, der Herr bedankte sich anerkennende und in den nächsten Tagen bereits konnte man in der „Bohemia" einen Artikel über eine Audienz des Herrn Deszendenten bei dem Statthalter von Böhmen lesen, in der er — nach dem Berichte der „Bohemia" die frivolsten und albernsten Beschuldigungen gegen die Prager Kultusgemeinde erhob und nichts geringeres forderte, als daß der Prager Kultusgemeinde die Verwaltung des Adelsbriefes sowie aller wichtigen Dokumente entzogen werde. Tags darauf brachte die „Bohemia" allerdings eine sehr entschiedene Berichtigung seitens des Präsidenten der Knltnsgemeinde Dr. Rosenbacher und eine im großen und ganzen richtige Erklärung seitens des nach Ansicht der „Bohemia" „als Bassewiforscher bekannten" Prof. Dr. Kisch. Es ist fraglich, ob die angeblichen Deszendenten ihre Verwandtschaft werden Nachweisen können und es erscheint ganz ausgeschlossen, daß sie, selbst wenn dieser Nachweis gelingt, die Nobilitierung durchsetzen, in geistiger Verwandtschaft scheinen sie mit ihren angeblichen Ahnherrn nicht zu stehen; denn während Jakob Bassewi 2000 Taler, eine für seine Zeit sehr hohe Summe, zu dem Lösegeld für den berühmten Rabbiner Jomtow Lipmann Heller beitrug, um ihn aus dem Gefängnisse, in das er durch eine grundlose Denunziaton—Messire nannte man es damals—■ geraten war, zu befreien, schrecken seine angeblichen Nachkommen nicht zurück vor noch so grundlosen Anklagen bei den Behörden * * * Die Katastrophe, die vor einigen Tagen den Triester Hafen infolge der Springstut heimgesucht hatte, steht bekanntlich nicht vereinzelt da. Solche Verheerungen pflegen zuweilen an jeder Küste vorzukommen, wenn auch nicht immer in solcher Stärke und solcher Vehemenz wie in Triest. Auch im babylonischen Talmud wird von einer derartigen Springflut berichtet, die aber größer und heftiger zu sein schien als die im Triester Hafen. In Baba Batra 73 a erzählt Rabbah: Seefahrer haben mir erzählt, daß, als sie einst unterwegs waren, auf dem Meere sich solch hohe Wellen erhoben haben, daß sie die Lagerungsstätte der kleinsten Sterne sehen konnten. (Himmelhohe Wellen, daß man die Empfindung hatte, den Sternen ganz nahe zu sein.) Und eine Welle rief der andern zu: Hast du vielleicht noch etwas, auf der Welt zurückgelassen, was du nicht zerstört hast, damit ich es zerstöre und vollends vernichte? Darauf gab die Welle zur Antwort: Siehe die Allmacht des Weltschöpfers: Er hat den Sand als Grenzen für die Gewässer des Meeres gesetzt, die ich wicht überschreiten darf. Der Sinn dieser Erzählung ist klar: Die himmelhohen Wellen, die sturzweise sich nachein ander erhoben haben, riefen das Gefühl hervor, als würden sie alles vernichten und zerstören wollen, was auf der Welt noch vorhanden ist. Doch die Springflut dauerte nicht lange an — wie in Triest — und die Wellen konnten infolge dessen nicht alles vernichten, wie. es während der Springflut den Anschein hatte und was auch, befürchtet wurde. Alles ist schon also dagewesen. I In der Zeitschrift „Jung Ungarn" veröffentlicht Dr.' Julius Kepes (Budapest) „Erinnerungen an Bismarck", unter denen sich maische interessante unbekannte Aeußerung des Kanzlers findet. Dr. Kepes wurde im Jahre 1892 dem Fürsten, der - dama!^ in Kissingen zur Kur weilte. vorgestellt. Er hatte erfahren,. daß die Fürstin Bismarck den Wunsch hegte, die Zigeunerkapelle zu.hören, die damals — eine ganz neue Attraktion — in Kissingen spielte. Durch Vermittlung von Schweninger.gelang es, das Kanzler-Ehepüar mit dem morgendlichen Zigeunerständchen zu überraschen, und der erfreute-Fürst lud daraufhin Dr.- Kepes zum Mittagessen. Bei Tische herrschte eine so freie, zwanglose Unterhaltung, daß Kepes schließlich den Mut fand, an Bismarck eine überaus heikle Frage zu richten. Er fragte nämlich den Fürsten, wie.es komme, daß die ganz außerordentliche, herzliche Liebenswürdigkeit, mit der er ihn auszeichnete, nicht dadurch, / beeinträchtigt werde, daß er Jude sei, beziehungsweise, ob er sich vielleicht hierüber orientiert habe, bevor er ihn noch mit der Einladung beehrte. „Warum fragen Sie das?" gab Bismarck zur Antwort. „Weil man allgemein wissen will, Durchlaucht wären Antisemit. Ich glaube zwar nicht daran, denn Durchlaucht würden sich doch sonst wohl kaum stundenlang mit einem Rabbiner unterhalten haben, wie ich hier in Kissingen hörte." „Aus den deutschen Zeitungen, die Sie jetzt lesen, müßten Sie wohl den Schluß ziehen, daß ich eigentlich kein guter . Deutscher mehr bin. In Wirklichkeit wird das jeder rechtschaffene Mensch als Erfindung bezeichnen. Das Märchen von meinem Antisemitismus muß in dieselbe Kategorie eingereiht werden. Ich -war immer bestrebt, die Sitten dieses klugen Volkes zu bessern, ohne ihm je etwas zuleide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschafl ' des Christentums. Sollten die Juden aussterbeu, so bin ich überzeugt, daß dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre. Ich wußte genau, Herr Doktor, daß Sie der israelitischen Religion gehören, aber dieser Umstand, beeinflußt meine Gesinnung nicht, im Gegenteil (und wieder schob er meinen Arm in den seinen): die Zeugen des Christentums mögen hochleben!" * Ueber die antisemitischen Expansionen, die, wie wir schon wiederholt aufmerksam machten, in letzter Zeit, trotz der Wieder- , gebürt der liberalen Partei, sich in Ungarn geltend machen, enthält die „Welt" folgenden aktuellen Bericht: > Alle kulturellen Bestrebungen, alle politischen -und sozialen Errungenschaften, aber auch alle entgegengesetzten Bewegungen - finden ihren Eingang nach Ungarn von Westen her. Von Westen über Wien kam zu uns auch der politische Antisemitismus, die judenfeindliche Richtung als einigendes Band in der Parteipolitik, als bewegendes Schlagwort für die Volksmassen, und gerade jetzt, da. nach dem Tode Luegers sein Anhang zu zerfallen beginnt, ist in. Ungarn eine kräftige christlichsoziale Partes entstanden, die "im Parlamente und in der Presse eine heftige Fehde entfaltet, und sich auschickt, die Früchte einer seit Jahren emsig betriebenen wühlerischen Kleinarbeit einzuheimsen. An der spitze stehen die Vorkämpfer der ultramontanen Partei, die mit Hilfe der Geistlichkeit schon seit langem im Volke den Boden für. ein klerikales System vorbereitet haben und nun den Moment für gekommen erachten, um rücksichtslos vorzugehen. Offen wird verkündet, daß iit Ungarn die Inden von allen wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten, wo sie „den Platz der angestammten Bevölkerung usurpieren", verdrängt werden müssen. Die Geistlichkeit organisiert auf dem flachen Lande überall den „Volksbund" , der sich die „Rettung des ungarischen Volkes" vor den Eindringlingen zur Aufgabe macht. In diese bereits seit einiger Zeit immer schärfer hervortretende Bewegung hat das Auftreten des ehemaligen Juftizministers Geza P o l o n y i eine neue Note gebracht. Dieser dunkle Ehrenmann, der sich als politischer Wortverdreher und Seiltänzer erwiesen hat und wegen seiner anrüchigen Geschäfte selbst von seinen engsten Waffenbrüdern fallen gelassen werden mußte, obwohl ihm vor Gericht der Vorwurf der Bestechlichkeit aktengemäß . nicht nachgelviesen werden konnte, hat den Antisemitismus als ultima ratio in seiner Rüstkammer aufbewahrt, um ihn nun hervorzuholen. Schon zu jener Zeit, als er fürchten mußte vom Ministerfauteuil aus etwas unsanft in. eine weit. unangenehmere Umgebung versetzt zu werden und mit dem Strafgesetz nähere Bekanntschaft zu .machen,, ließ, er die Bemerkung verlautender