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Die Wahrheit · 1911-06-30 · Heft 25 (30.6.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 25 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite H. 9h\ 25, Die. Wahrheit. - Ans dem Lande der Iuqniftlia». In einem großen spanischen Blatte erschien jüngsthin ein nufiehenerregender Artikel, in welchem ans die tiefste finanzielle Lage des Landes hingewiesen und. als Lösung dieser wichtigen Laudesfrage die Propagierung der Einwanderung von Juden empfohlen wird. Der Artikelschreiber veröffentlicht u. A. ein Dokument aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, das beweist, daß scbvn damals die Absicht bestand, die zerrütteten finanziellen 'Verhältnisse durch Heranziehung jüdischer Einwanderer zu werbessern.^ Im Jahre 1796 berief Karl IV. Don Pedro Varia, -einen aufgeklärten Mann an die Spitze der spanischen Regierung. .Der dreijährige Krieg mit Frankreich hatte die Staatskassen geleert und das Land sah sich dem finanziellen Ruin gegenüber. Damals unterbreitete der Ministerpräsident Pedro Varla seinem .König jenes interessante Memorandum, das folgenden Wortlaut hat: „Die Zeiten der Vorurteile sind vorüber. Das Beispiel, das uns die anderen europäischen Nationen bieten, sollte uns -veranlassen, unser Verhalten zu ändern. In diesem Sinne sind die Lehren des heiligen Paulus zugunsten dieses verfolgten Volkes geeignet,'ebenso die hartnäckigsten Theologen, wie das Gewissen des gemeinen Volkes davon zu überzeugen, daß die Erlaubnis der Rückkehr der Inden in unser Land viel eher dem Geiste unserer Religion entspricht, als das Vertreibungsedikt, das gegen sie herausgegeben wurde. Die Politik der gegenwärtigen Zeit kann in einem solchen Vorschläge bloß ein mächtiges Mittel zur Entwicklung des Handels und der Industrie des Landes erblicken, da wir kein anderes Mittel finden, den wirtschaftlichen Kampf mit den auswärtigen Mächten anfznnehmen, fflntemalen die Arbeitslust und Sparsamkeit nicht zu unseren normalen Eigenschaften gehören. Ich glaube, im Gegenteile, "Majestät, daß die Kanflente dieser fleißigen Rasse werden bald - .unsere Kassen mit Geld füllen und ihnen gleich den Kredit im Auslände sichern. Sie werden auch die kommerziellen Transaktionen mit der Levante erleichtern, die ohne sie fast-unmöglich 'sind. Ein solches Ergebnis wäre in dem jetzigen Zustande nicht nllr eine gute Spekulation, sondern auch eine unschätzbare Möglichkeit .für die Entwicklung unserer Fabriken. All' dies zu erreichen, wäre ohne die Hilfe der Inden, der einzigen Kanflente und Handelsvermittler dieses Landes unmöglich. Auch der Handel :mit Amerika würde einen neuen Aufschwung nehmen, während er sich jetzt in den Händen einiger Faulenzer von Cadix, Malaga und anderer Häfen befindet. Ich bin der Meinung, daß wir mit einigen der wichtigsten Hällser, die seit vielen Jahren in den holländischen und anderen nordischen Häsen etabliert sind, 'Unterhandlungen einleiten müßten, um ' sie znr Errichtung von Filial-Niederlassnugen in Spanien zu veranlassen. Wenn man ihnen zu verstehen gibt, daß-ihre Etablierung in unserem Lande nichts anderes als der erste Schritt zu einer Maßregel sei, die sich dann auf das ganze jüdische Volk erstrecken soll, so ist sicher, daß wir dadurch die Arbeitslust dieser nach Vermögen dürstenden Nation, die noch nicht vergessen hat, welch' glänzende Stellung ne einst in Spanien eingenommen hat, ln höchstem Maße anspornen würden." ' Dieses Memorandum gewinnt umso niehr an Bedeutung, als es zu einer Zeit entstand, da die Jngnisition in Spanien noch ungeschwächt ihres finsteren Amtes waltete. Die Durchsührnng der im Memorandum gemachten Vorschläge blieb zunächst, deshalb ans, weil sein Amor,.der Ministerpräsident, Don Pedro "Varla, nicht lange darauf-starb. Sie wäre aber auch an dem Widerstände der Juden gescheitert, die auch ein späteres Dekret Karls IV., das den Fabrikanten gestattete, fremde Angestellte^ aufzunehmen, und der'Jngnisition verbot, Ausländer =, wegen ihrer religiösen Ueberzengung zu verfolgen, unberücksichtigt ließen. ’ ‘ . - v- '; : . . . Verschiedene Nachrichten. Wien. (K a n t o r e n-K l u b). Die Zusammenkünfte im Wiener Kantoren-Klub finden auch während der Sommermonate jeden Dienstag ab 3 Uhr nachm, im Klnblokale II., Praterstraße 33. Cafe Ortner vormals Maendl I. Stock (Klubzimmer) statt. Gäste willkommen. Wien.(Verb an d der isr. Religionslehrer an den ö st e r r. Mittelschulen.) Eure Deputation des Berbandsansschnsses, bestehend aus dem Obmanne Prof. Dr. Heinrich P o l l a k und dem Schriftführer Dr. M. R o s enfeld, erschien Donnerstag, den 22. d. M. bei Sr. Exzellenz dem Minister für Kultus und Unterricht Grafen S t ü r g k h m Audienz, um ihm die Petition des Verbandes, betreffend eine Altersversorgung der nichtdefinitiven Religionslehrer an Staatsmittelschnlen, zu überreichen. Obmann Prof. Dr. Pollak legte in formvollendeter. wirkungsvoller Ansprache die Hauptpunkte der Petition dar. Der Minister nahm die Petition geneigtest entgegen und zeigte sich in längerem Gesprächs mit beiden Deputativnsmitgliedecn nicht allein wohlinformiert, sondern versprach auch, die Petition einem wohlwollenden Studium znzusühren. Er bezeichnete auch die in früheren Memoranden des Verbandes ausgesprochenen Wünsche, deren er sich noch genau entsinne, als Forderungen der Gerechtigkeit, denen leider bisher das Veto der Finanzverwalnuig entgegenstand. Vom Minister begab sich die Deputation zu den Hofräten Dr. H n e m e r und Dr. K r a p p e l und zum Sektionsrat Dr. Zweig, welche Herren gleichfalls ihrer Stellungnahme znr Petition in überaus wohlwollenden und liebenswürdigen Worten Ausdruck gaben. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der i s r. - t h e o l. Lehranstalt.) Freitag, den 30. Juni 1911, 12 Uhr mittags, findet im großen Festsaale der k. k. Universität die Promotion unseres Mitgliedes Herrn Salomon Gau dz. zum Dr. der Philosophie statt. Oberhollabrunn (K n l t u s w a h l.) Bei der am 9. bezw. 23. Juni l. I. durchgeführten Neuwahl der ifrael. Knltusgemeinde- Repräsentanz in Oberhollabrnnn wurden nachbenannte Herren als Ausschußbezw. Vorstandsmitglieder gewählt: SBceiet Wilhelm, Oberhollabrnnn, Kultusvorsteher; König Theodor, Retz, als Stellvertreter; Hauser Wilhelm, Oberhollabrunn, I. Beirat: Skntezky Emil, Oberhollabrunn, IL Beirat und Ranzenhofer Karl, Oberhollabrunn, Kassier. Ferner, gehören dem Ausschnsse an: Dr. Ritter Em., Stabsarzt i. P., Oberhollabrnnn; Schidlof Sigmund, Oberhollabrunn; Kurz Ignatz, Retz und G r ü n w a l d Bernhard, Mailberg. Als Ersatzmänner die Herren: F l e i s ch m a n n Josef, Sitzendorf; Berger Karl, Hadres und Ehrlich Rudolf, Retz. Als Vertrauensmänner in den verstärkten Kultusansschuß die Herren: Weinberger Leopold, Oberhollabrnnn; Berger Michael, Oberhollabrnnn; Pisker Jakob, „ Hardegg; Seidl Bernhard, Haugsdorf: Meyer Rudolf, Schöngrabern: Kurz Julius, Retz; Schön Edmund, Ravelsbach; A b e l e s Rudolf, Eggendorf und S ch i m e r l i k Max, Ziersdorf. - Znaim (L a n d e s s a n i t ä t s i ii sp e k t o r Dr. Nathau W o l f e n st e i it). Am 1. Juni ist der k. k. Oberbezirksarzt Dr. Wolfenstein in Znaim in den. Ruhestand getreten. Ein ausgezeichneter frommer Jude, der die hebr. Wissenschaft ganz vorzüglich beherrscht, ein musterhafter Amtsarzt, der mit großem Eifer den ärztlichen Dienst erfüllte und in schweren Zeiten dem Staate und der Menschheit gedient hat. Im bosnischen Feldzuge, in der Cholera- und Typhnsepidemie in Ostgalizien versah Oberbezirksarzt Dr. Wolfenstein den Dienst als Militär- und Amtsarzt. Wegen feines ostenherzigen biederen Charakters allgemein geachtet, vom Kaiser mit dem Franz-Josefs-Orden und dem Titel eines Landesfailitätsinspektors ausgezeichnet, möge Dr. Wolfenstein znr Freude des Judentums, an welchem er mit allen Fasern seines Herzens hängt, noch recht viele Jahre des Wohlbefindens sich erfreuen. 8. Gyöngyös. Herr Ignatz Fischl ans Galgocs hat in hiesiger Gemeinde x£’3"3 einen mit vielem Beifalle aufgenommenen Probevortrag abgehalten. Der Kandidat verfügt über eine wohlklingende Stimme, hübsch abgerundeten Vortrag und besitzt tüchtige musikalische Bildung. Herr Fischl hat bereits als Jüngling in seiner Heimatsgemeinde Proben seines Talentes gegeben. Straftburg Herr Kommerzienrat C. K a u f f m a n n, Präsident der „Pensionskasfe der Kantoren in Elsaß-Lothringen" hat vom Ministerium die Mitteilung erhalten, daß die Landeshauptkasse unter dem 10. d. M. angewiesen worden sei, bis auf weiteres, bei Beginn jedes Rechnungsjahres, der Pensionskasse für die Kantoren in Elsaß-Lothringen den Betrag von 1000 Mark zu zahlen. Zugleich wird ersucht, die Jahresrechnungen der Kasse dem Ministerium vorzulegen. Böchingen. Daß unsere Wittelsbacher sehr tolerant sind, trat auch bei dem Besuche des Prinzen Ludwig in Landan klar zu Tage, nicht nur, daß er die dortige Synagoge besuchte und in ihr viel iänger als in den Kirchen verweilte, sondern auch dadurch, daß er sein großes Interesse für unsere Religion bekundete. Er fragte unter anderem, ob noch Nachkommen ans dem Priesterstamme (Kohanim) vorhanden seien und funktionierten, ferner ob Thörarollen auch von Privaten gespendet seien rc. Dem Kantor Herrn St einem drückte er feine Anerkennung für seinen schönen Sologesang bei seinem Eintritt in die Synagoge mit den Worten aus: „Sie machen Ihrem Stande alle Ehre." Es ist also zu begreifen, daß auch die bayrischen Juden treu den Wittelsbachern ergeben sind.

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