Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 25 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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«verte 8. Die Wahrheit. . , Nr. 25. ohne daß den Parteien ein subjektives Recht auf diese Ausübung zustehen würde. Allerdings würde dem Einzelnen ein Rechtsmittel dann zustehen, wenn etwa die politischen Behörden gegen derartige, ohne Zustimmung der Kultusgemeinde unternommene Veranstaltungen im Sinne des § 27 leg. cit. entschreiten und sie untersagen würderi; dann stünde es der Partei frei, ihre etwaigen Einwendungen gegen eine solche Verfügung der politischen Behörde vom Standpunkte ihrer Rechte zur Veranstaltung häuslicher Religionsübüugen (§ 25 Schlußabsatz) vorzubringen. Mein um eine solche Verfügung der politischen Behörde handelt es sich im jetzigen Stadium der Angelegenheit nicht, es liegt vielmehr nur eine Enunziation der Organe der Kultusgemeinde vor und es steht lediglich in Frage, ob gegen diese Verfügung der Kultusgemeiude ein Rechtsmittel an die politische Behörde zustand, was. nach dem Vorgesagten zu verneinen war. - Wenn also im gegebenen Falle die höheren Behörden eine Beschwerdeführung im Justauzenzuge gegen die Ablehnung der Ausübung des Aussichtsrechtes als unstatthaft zurückgewiesen und auch selbst abgelehnt haben, eine Entscheidung in der Sache zu treffen, so hat dadurch eine Verletzung eines Rechtes des Beschwerdeführers nicht stattgefunden, und mußte in diesem Punkte seine Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen werden. -Hat. aber die Partei im. administrativen Verfahren kein subjektives Recht darauf, daß das behördliche Anssichtsrecht im Sinne des § 30 leg. cit. in einer bestimmten Richtung behandhabt .werde, so kann sie auch keinen Anspruch darauf geltend machen, .daß Erhebungen in eitler bestimmten Richtung gepstogen Herden; es kann somit auch eine. Verletzung formeller prozessualer Rechte der Partei nicht vorliegen, und stellt sich daher die Beschwerde auch in formeller Beziehung als unbegründet dar. Die Jude» und das Wirtschaftsleben') Wir haben f. Zt. von einer Berichterstattung über ' die Vorträge Prof. Sombarts Abstand genommen und dies damit motiviert, daß einmal die darin enthaltenen Gedanken dem Kenner der literarischen Arbeiten des Breslauer Nationalökonomen nichts-Neues böten und wir uns zweitens von der Propagierung dieser zuweilen recht bizarren Auffassungen nichts Er-, sprießliches versprechen könnten. Nun hat jedoch Prof. Sombart die Ergebnisse feiner Forschungen in einem großzügigen wissenschaftlichen Buche zusammengestellt, das auch von uns nicht übergangen werden darf. Denn das Sombartsche Buch wird zweifellos einen großen Leserkreis finden und bei dem gebildeten und an dem Thema interessierten Publikum, gleichviel in welchem Lager es steht, ein starkes Interesse erwecket:. Und das mit Recht. Schon aus dem Grunde, weil es ein Quellenmatxrial enthält, wie es bisher kein anderes Werk darbot. Rein äußerlich schon stellt das Buch mit feinen 434 Seiten und seinem Quellen- und Literaturnachweis, der liicht weniger als 614 Nummern und Bemerkungen aufzählt, ein imposantes Dokument deutscher Gründlichkeit und deutschen Gelehrtenfleißes dar. Das Werk ist, wie ihm auch seine Gegner zitgestehen werden, glänzend geschrieben, in einer stüssigen, eleganten Sprache. Obwohl es streng wissenschaftlich ist und keineswegs der sogenannten populärwissenschaftlichen Literatur, die schoit viel Unheil augerichtet hat, zugerechnet werden darf, ist es auch dem volkswirtschaftlich nicht vorgebildeten Leser durchaus verständlich. Es gibt Abschnitte in ihm, denen man rückhaltlos zustimmen kann, andere wieder haben wir nur mit Kopfschütteln gelesen, während noch ändere den größten und energischsten Widerspruch Hervorrufen. Ein Kardinalfehler Sombarts.scheint uns zu sein, daß er in seinen Schlüssen viel zu weit geht, *) Mit Rücksicht auf die lebhafte Diskussion, die sich an die Publikation Prof. S o m b a r r s knüpft, wollen wir der in unserem Blatte bereits veröffentliche Besprechung desselben noch eine zweite anreihen, die zudem die Ausführungen Sombarts von einem weiteren Gesichtspunkte aus beurteilt. daß er weit mehr zu beweisen versucht, als überhaupt bewiesen werden kann. Man hat an manchen Stellen die Empfindung, daß cher Verfasser dies auch selbst fühlt, daß ihm selbst bange wird vor der Kühnheit und Neuheit seiner Schlüsse. Aber dann greift er, gewissermaßen um die mahnende, zweifelnde Stimme in seinem Innern zum Schweigen zu bringen, in seinewissenschaftliche Rüstkammer, wälzt unzählige Folianten, schleppt Zitate aus der Literatur aller möglichen Völker herbei, auswissenschaftlichen und nichtwissenschaftliche'n Werken, aus halb vermoderten Aktenstücken, aus Biographien, Monographien usw.„ reiht dann all diese Exzerpte hübsch wie auf einer Perlenschnur' auf und spricht: „Einen vollgültigen Beweis kann ich natürlichjetzt, nach so und so viel hundert Jahren nicht erbringen. Aber all das, was ich eben anführte., beweist doch, daß es ganz gut so gewesen sein könnte." Im tiächsten Kapitel hat er aber schon seine Zweifel vollkommen vergessen und schreibt seelenvergnügt t „Wie ich vorhin bewiesen habe." Manchmal kommt es dabei auch vor, daß er sich selbst widerlegt, daß er wie ein Feldherr, den das Schlachtensieber gepackt seine Truppen so ausstellt, daß sie sich gegenseitig mit Granaten überschütten und außer- Gefecht setzen. ' - Der Anteil, den die Juden an dem wirtschaftlichen Leben der Nationen gehabt haben, ist sicherlich nicht gering anzuschlagen. Aber nun gleich anznnehmen, daß. die Juden die- Begründer des modernen Kapitalismus und des modernen Staatswesens sind, daß, wie Svmbart schreibt, „der moderne Kapitalismus geradezu eine A u s st r a h l u n g j ü d W scheu W e seus ist," dieser Beweis ist ihm nicht gelungen und konnte ihm nicht gelingen. Er bemüht sich gewiß, den Juden in jeder Weise gerecht zu werden, sagt auch viel Zntreffen'des über jüdisches Wesen nnd jüdische Eigenart, er geht hier-und da auch den Antisemiten zu Leibe und zerpflückt ihre tendenziösen Beschuldigungen. Einzelne Preßorgane haben deshalb in dem Sombartschen Buchen geradezu eine Apologie des Judentums erblicken wollen. Sehr mit Unrecht, wie wir glauben. Jedes Uebermaß schadet, auch: ein Uebermaß der Verteidigung. Man könnte es deshalb durchaus verstehen, wenn Juden nach der Lektüre dieses Buches sagen würden: „Gott schütze uns vor unfern Freunden, vor unfern Feinden wollen wir uns schon selbst beschützen." So schreibt Sombart 'beispielsweise, (Seite 24) npd dasist fast die Quintessenz des ganzen Werkes: „Ich sehe, wie ich im voraus bemerken will, die Bedeutung der Juden für ben Aufbau und Ausbau des modernen Kapitalismus in einer mehr äußerlichen nnd einer innerlich-geistigen Einwirkung. Aeußerlich haben sie wesentlich dazu beigetragen, daß die internationalen Wirtschaftsbeziehungen ihr heutiges Gepräge erhielten, aber auch daß der moderne Staat — dieses Gehäuse des Kapitalismus — in der ihm eigenen Weise erstehen konnte: Sie Haben/sodann der kapitalistischen Organisation selbst dadurch eine besondere Form gegeben, daß sie eine' ganze Reihe der das moderne Geschäftslebeu beherrschenden Einrichtungen ins Leben riefen und an der Ausbildung anderer' hervorragenden Anteil nahmen. Jnnerlichgeistig ist ihre Bedeutung für die Ausbildung kapitalistischen Wesens deshalb so groß,. weil sie es recht eigentlich sinddie das Wirtschaftsleben mit modernem Geiste durchtränkten, weil ’ sie die innerste Idee des Kapitalismus erst zu ihrer vollen Entwicklung bringen." Ungefähr so sagt das Herr Raab auch, nnr mit ein. bißchen anderen Worten und wir würden keineswegs sehr erstaunt sein, wenn demnächst ein antisemitisches Blatt schriebe: >,Wir haben es ja immer gesagt, daß der Kapitalismus, der den Mittelstand und das- Handwerk ruiniert, eine jüdische Erfindung ist; jetzt hat uns Sombart den wissenschastllchen Beweis dafür geliefert.". Obwohl Sombart. wie schon gesagt, mit den Antisemiten nicht eben glimpflich .umspringt, hat er ihres Geistes doch aucheinen Hauch verspürt. Es fehlt bei aller Wissenschaftlichkeit und Objektivität, in seinem Buche nicht, an- Bemerkungen, die direkt wie ein Ausschnitt aus einer Rede eines antisemitischen Politikers anmuten. . (Schluß -folgt) ... /. . ~ ~ ,