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Die Wahrheit · 1911-06-30 · Heft 25 (30.6.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 25 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Abgesehen von der au sich begreiflichen Tatsache, daß solche Konstatierung«! auf eine derartige Entfernung nicht möglich misfionelle Versuche, außerdem a b e r d u r ch wisse nsind, wurde diese lächerliche Angabe durch ad hoc angeordnete koms ch a f tl i ch e Exp e r i me n te s e i t e u s einwandfreier Autoritäten gründlich widerlegt. 33) Im zweiten Falle (Marie Klima,) lediglich: die beiläufige Aehnlichkeit der Begleitumstände bei Auffindung. der Leiche, bezw. des Skelettes, von dem es a) nicht absolut sichergestellt war, ob es der Vermißten oder einer anderen Person augehört habe. b) wobei der Tag. c) sowie die A r t des Mordes ganz unaufgeklärt geblieben find, da sich keinerlei Verletzungen zeigten. Bekanntlich fand die Untersuchung gegen Hilsner nur zufolge einer beispiellosen Agitation in antisemitischem Sinne statt, eine förmliche Hetze, die sich im Laufe der Verhandlung zu einem sinnlosen Paroxismus steigerte und zur Terrorisierung führte. Nur auf diesen Umstand, d. i. auf die Auspeitschung der schlimsten Triebe, ist denn auch die Urteilsfällung zurückzuführen, die unter anderen Umstünden, wenn es sich Glicht um einen armen schutzlosen Juden gehandelt hätte, ganz undenkbar wäre. Gewiß ist nur der grenzenlose, schon mit der-Muttermilch eingesogene Judenhaß die eigentliche Ursache dieser himmelschreienden Rechtsbeugung, gewiß läßt sich auch heute noch die gegen den Verurteilten herrschende Gleichgültgikeit, da es sich „nur um einen Juden" handelt, nur auf dieses Moment, z. T. auch auf die Nachwirkung des Terrors zurückführen. Wir hegen die Ueberzengung. daß, wenn unter ganz gleichen Umständen ein Nichtjude ob dieser rätselhaften Mädchenmorde, sei es unter dem Verdachte der sexuellen oder einer anderen Verfehlung, zur Verantwortung gezogen worden wäre, es weder zu einer Verurteilung, noch viel weniger aber, wenn diese schon vorauszusetzen wäre, zu der bisherigen Abweisung aller Revisionsbeftrebuugen gekommen wäre. Nicht der Mangel einer formalen Handhabe kann die Ursache bilden, daß sich der zur Revision berufene Senat nicht einmütig und rücksichtslos für die Revision einsetzt, sondern nur die angedeuteten tieferen Motive sind es, die hierzu den' Ausschlag geben, wie sich jedem Unbefangenen die Erklärung . über diese ganz unfaßliche Haltung aufdrangt. Ungleich sicherer als in irgend einem ähnlichen Prozeß liegt hier der Tatbestand vor, daß Hilsner, so wenig er sonst moralisch qualifiziert sein mochte, unmöglich an den Morden irgendwie beteiligt gewesen ist. Wenngleich daher die ehrerbietigst Unterzeichnete Vereinsleitung in Ersüllung ihrer Aufgabe sich zunächst des Schutzlosesten . aller Schutzlosen, des ganz allein auf sich angewiesenen Juden Hilsner annimmt, so handelt sie doch auch zugleich im allgemeinem Interesse, indem sie unausgesetzt gegen diesen einzig dastehenden Rechtsdruch sich auflehnt, gegen einen Schuldspruch, der nicht auf Grund objektiver Erwägung, sondern lediglich durch -Voreingenommenheit zustande kam und der, falls keine Remedur geschaffen wird, eine ständige Bedrohung jedes Einzelnen bedeutet, der dem 20. Jahrhundert zur Schmach gereicht und eines Rechtsstaates unwürdig genannt werden muß. Die tiefergebenst Unterzeichnete Vereinsleitung, welche bereits im Juli 1910 — wiewohl bedauerlicherweise ganz resultatlos — die Eingabe an die Geueralprokuratur um Revision des Prozesses Hilsner gemacht hat, schließt sich dem durch Dr. Scheu unternommenen Schritte vollinhaltlich an und bittet hiermit, neuerdings die Revision des Prozesses Hilsner endlich und zwar auf einem national und konfessionell möglichst wenig durchwühlten Boden auordnen zu wollen. Die formalen Erfordernisse hierzu müssen in dem Mangel jeglichen Tatbestandes, aber auch in der Irreführung durch die erwähnte Agnoszierung eines angeblichen Zeugen erblickt werden, der später wegen Betrug zur Verantwortung gezogen wurde, durch d e f s e n A u s s a g e aber, w e n n sie sich mit den Tatsachen wirklich decken k ö n n t e, nur bewiesen wäre, daß Hilsner sich zur vermutlich kritischen Zeit in dem Wäldchen, gleich so vielen anderen, aufgehalten habe. In tiefster Ergebenheit . V e re i n z u r A b w ehr des A n t i s e m i t i s m u s. Rabbiner Dr. Adolf Frankl-Grün in Kremster. Ein Wort der Würdigung bei seinem Rücktritte vom Amte. Das Schuljahr geht zu Ende und mit ihm scheidet ein Mann von seinem Amte, das er, trotz anhaltender Kränklichkeit, durch 34 Jahre mit Aufbietung aller physischer und geistiger Kraft ehrenvoll vertvaltete. ein Mann, dem wir zum Abschiede von seiner Tätigkeit ehrende Worte der anerkeunendell Würdigung nicht versagen wollen, es ist das geistliche Oberhaupt der altehrwürdigen mährischen Gemeinde K r e m s i e r, D r. Adolf Frankl-Grün. Wir denken zurück an jenen feierlichen Sabbath, da er zum-erstenmale in dieser Gemeinde, in dem uralten Gotteshause, das nun auch einem prächtigen Neubaue den Platz räumte, das Wort des Herrn seinen andächtig lauschenden Zuhörern verkündete. Und ihm ward das Glück zuteil, auch in der neuen Synagoge die Weiherede zu halten., Fürwahr ein Zeitraum von 34 Jahren, mehr als ein Menschenalter, , bedeutet schon ziemlich viel im Wirken eiues Mannes. Und F r a n k l- G r ü n hat immer getrachtet, in seinem Wirkungskreise als Lehrer und Prediger der Gemeinde Tüchtiges zu leisten. Er hat auch mehr getan. Unvergeßlich möge es, sein, daß er in seinem Geschichtswerke „G es ch i ch t e de r I n d e n ' i n K r e m s i e,r. u den Ruhm dieser Gemeinde verkündete, die mannigfache, bedeutende Männer unserem Judentum schenkte. Noch damals, als er vor 34 Jahren, ein dreißigjähriger Mann. — er wurde 1847 zu Ungarisch-Brod geboren, — sein Amt autrat, war diese Gemeinde reich an gelehrten und wahrhaft frommen Männern, von denen auch manche im behaglichen Wohlstände lebten. Sie gaben dieser im 14. Jahrhunderte entstandenen Gemeinde ein ungemein würdevolles und vornehmes Gepräge. Wir föimeit nur wärmstens empfehlen, über diese Zustände in Frankls Buche selbff.nachzulesen. Ein jüngeres Geschlecht ist nun herangewachsen und bestrebt, sich der Ahnen nicht unwürdig zu erweisen, was sich insbesondere in. der zielbewußten Leitung der Gemeinde und in dem mit dem Aufwande vielen Opfermutes vollendeten Baue des neuen Tempels deutlich offenbart. Als Frank l-G r ü n sein Amt zu verwalten begann, herrschte eine gewiße Zerrüttung in der Gemeinde, der neue Prediger war bestrebt, das Seinige dazu beizutragen, um Frieden zu stiften, und er tat dies durch sein eindringliches, begeisterndes vom Herzen zum Herzen gehendes Wort. Wie freudig bewegt klang das Prophetenwort aus seinem Mundes das er in seiner Antrittspredigt sagte: „Ich freue mich im Herrn, es frohlockt meine Seele in meinem Gotte, denn er hat mich bekleidet mit Gewändern des Heils . . Was er damals äusführte, das hat er sich zu seinem Grundsätze während seiner ganzen Tätigkeit gemacht, als Friedensbote zu wirken in den vielfach fluktuierenden Erscheinungen, welche die Gemeinde Kremsier in den letzten 30 Jahren nicht verschonten und aufregten. ' Als Prediger war er kein Mann der großen Worte, sondern schlicht, gemütvoll und geistreich. Man hörte ihn gerne sprechen und nickte freundlich zu seinen geistvollen Bibel-Auslegungen. Manches „gute Wort" wurde von ihm gesprochen und es klang immer natürlich und gerade. Auch in seinen Kasualreden befleißigte er sich einer' aufrichtigen, Einfachheit, Sonne und Schatten gleichmäßig verteilend. Wir behaupten, daß er zu unseren besten Kanzelrednern hätte gezählt werden müssen, wenn ihn nicht Kränklichkeit verhindert hätte, sein Wort voll austönen zu lassen. Manche seiner Predigten z. B. nb er d ie 4 ausg e z e i ch net e n Sabbathe," seine' Sammlung von S ch n l e r e x h o r t e n, die er geistvoll „Lsrsru-^sü^ „Kleinen Weinberg" (mit Anspielung auf den Namen- Kremsier, was eigentlich „außerordentlich fruchtbringend" bedeutet und etymo-

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