Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 25 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit . . Nr. 25. der besten auf der Welt—, doch glaube ich, daß die allgemeine Bildung, welche sich die Rabbiner derzeit aneigneu. nicht genüge. Im Zusammenhänge damit will ich die Frage der Kultusstener einer Regelung unterziehen." * -r- In einer Plauderei über seine Reise nach Italien gibt Max Szabolcsi eine Unterhaltung mit dem Oberrabbiuer von Rom wieder und' erzählt unter anderem folgende Episode aus dem Leben des Königs von Italien: Es war nach der Geburt des jetzt dreijährigen Kronprinzen. Der Rabbiner hatte dieses Ereignis beim Gottesdienste gewürdigt und wurde daraufhin zur Audienz befohlen. „Ich wollte Ihnen", das war die Begrüßung, „meinen Dank für den schönen Gottesdienst ansdrückeu. Ihre Gemeinde war die erste in Italien, die fitr den Kronprinzen betete." Der Rabbiner sprach mit Innigkeit den Segen über den König, der am Schluffe „Amen" sagte und dem Rabbiner einen Stuhl anbot. Dann schlug der König einen ganz intimen Ton au und fragte den Rabbiner zu seiner großen Ueberraschung: „Nicht wahr, es war bei dieser Gelegenheit mehrfach „Minjan" in der Synagoge?" Die Verwunderung des Rabbiners machte Sr. Majestät sichtlich Vergnügen und, ohne eine Antwort abzuwarten, fetzte der König fort: „Ich sehe, daß es Sie überrascht, daß ich weiß, was „Minjan" ist. Ich will Ihnen erzählen, wie ich das erfahren habe. Zur Zeit, da ich noch junger Offizier in der Turiner Garnison war, begegnete mir eines Morgens General Ottoleughi. der mein unmittelbarer Vorgesetzter war. Er machte auch sonst nicht das freundlichste Gesicht, diesmal aber überbot er sich, er war grimmig. „Was geht vor, General, warum so mißmutig?" Worauf er mir antwortete: „Ich habe mich über die hiesige Jndenschaft außerordentlich geärgert. Ich war in der Synagoge und konnte nicht beten: ich hatte kein „Minjan". „Nun, warum haben Sie keines mitgebracht?" fragte der König naiv. „Hoheit denken,- wie es scheint" — klärte mich der General auf — „daß ..Minjan" ein Gebetbuch sei. Dabei ist es ganz was anderes, es besteht aus zehn erwachsenen Männern. Sind .diese nicht beisammen, kann man keinen öffentlichen Gottesdienst halten, damals habe ich erfahren, was das ist." Der König erzählte dann weiter, daß Ottolenghi, wie er dies später erfahren hat, immer, wenn es nur anging, die Synagoge besuchte und daß er dabei einer der tüchtigsten Generäle der italienischen Armee gewesen ist^ „Ich habe den Alten geliebt", sagte er zum Schluß, „er war streng, aber gerade denkend, frömmelnd edelsinnig." * Ueber beit bekannten großen amerikanischen Wohltäter Jakob S. H. Schiff, der jüngst vom deutschen Kaiser empfangen worden ist, gibt die „Berliner Montags-Zeitung" die nachstehende interessante Schilderung: „Herr Jakob Schiff aus New-Iork", stand in der Zeitung, „ist vom Kaiser empfangen worden." .Für Kenner der Person war die Nachricht interessant. .Jakob Schiff ist nicht von der Sorte der Vauderbilt, Armour und anderer Jankees, die überall dabeigeweseu sein nnd alles gesehen haben müssen, also auch den Kaiser. Der Seniorchef der Firma Kuhn, Loeb in New-Aork, wohl des größten Privatbankhanses der Erde, ist ein stiller Maitn, der sich niemals in den Vordergrund drängt und gar nicht wünscht, daß von ihm gesprochen werde. Auch' nicht über die Wohltätigkeit, die er in größtem Stil. übt. Zehn Prozent seines Gesamteinkommens, dessen Höhe man sich nach amerikanischen Dimensionen vorst'ellen muß, stießen in jedem Jahr den Armen zu. Schiff pflegt zu sagen, daß er sich wie ein Dieb fühlen würde, wenn er auch nur einen Cent davon anrührte, sie werden schon im Kassenrevier abgezogen und kommen gar nicht erst..in Schiffs Hände. Dessen Charity ist damit noch lange nicht erschöpft. Da man sein Vermögen auf etwa 100 Millionen Dollar schätzt, kann er sich es freilich leisten. Dieser außerordentlich begabte Geschäftsmann, der auch wegen seines mtantastbaren Charakters . und seiner im höchsten Sinne sittlichen Lebensführung ein keinem anderen vergleichbares Ansehen genießt, tut besonders viel für seine jüdischen Glaubensgenossen. Auf .ihn könnte man das Wort anwenden, das der Tempelherr über Nathan spricht: „Welch ein Jude! Und der so ganz nur Jude scheinen will! " Schiff har die einträglichsten Geschäfte schon abgelehnt, wenn ihr Abschluß, weil Eile geboten war, am Sonnabend erfolgen maßte. Kein Vorteil kann ihn bewegen, an diesem Tage sich mit Geschäften zu befassen. Ein einziges Mal soll es gelungen sein, an diesem Feiertag der Israeliten ihn zur Teilnahme an einer Konferenz zu bestimmen, der er aber als stummer Zuhörer beiwohnte. Und da handelte es sich nicht um ein Privatgeschäft der Firma Kuhn. Loeb. Alle jüdischen Angelegenheiten haben in Schiffs Herzen den ersten Platz. Sehr oft ist es vorgekommen, daß er einen der amerikanischen Finanzkönige, Morgan oder Harrimänn (dem er und sein jüngerer.Partner Otto Kahn, auch ein'Deutscher, der Schwager des Geheimrats Felix Deutsch von der A. E. G.. zu den ersten großen Geschäften verhaften), eine Stunde lang im Vorsalon warten ließ, weil er.mit dem Rabbiner einer Vorstadtgemeinde eine Angelegenheit ihrer Glaubensgenossen besprach. Mit Menschen, die ans der Jndengemeinschaft ausgetreten sind, und sich haben taufen lassen, verkehrt er grundsätzlich nicht, weil er auuimmt, das Motiv, zu solchem Uebertritt könne nur unedel und selbstsüchtig gewesen sein. Ziemlich bekannt ist ja, daß Schiff (der deshalb auch in Tokio wie ein Souverän geehrt wurde) der Hauptbankier der Japaner war und ihnen das zum Krieg gegen Rußland nötige Geld verschafft hat. Das war gewiß kein schlechtes Geschäft; immerhin aber, da die Sache auch schief gehen konnte, ein riskantes. Und der vorsichtige, solide Jakob Schiff hätte es kaum gemacht, wenn die Antipathie gegen Rußland, das Land der Jndenächtung und der Pogroms, ihn nicht mitbestimmt hätte. Wie stark diese Antipathie ist, mag ein kleiner Zug lehren, der authentisch ist. Ein Berliner Bankier, der einen sehr bekannten Namen trägt und in einem weltberühmten Bankhaus mitleitend tätig ist, stand in den engsten familiären Beziehungen zu Schiff. Als dieses Bankhaus nun, nach den Pogroms, sich wieder an einer Russenanleihe beteiligt hatte, sagte Schiff dem alten Freunde den Verkehr auf und fragte ihn in dem Briefe, der diese Verkündigung enthielt, ob er sich nicht vor seinen Ahnen schäme, einem Lande, das die Inden so mißhandle, durch Geldbeschaffung zu neuer Macht zu verhelfen. Semiten und Antisemiten stimmen überein in dem Urteil: ein ganzer Kerl! Und werweiß. wie stark in Amerika der Antisemitismus ist (gesellschaftlich ganz unvergleichlich stärker als bei ans), kann sich vorstellen, welche Qualitäten Schiff haben muß, um trotz dieser Affichierung seines Judentums der angesehenste Finanzmann der Union sein zu können. Er hat stets auf reine Hände gehalten und nie vom Unglück anderer profitiert. Als während einer großen Börsenpauik die Papiere ins Bodenlose gefallen waren, wurde Schiff vorgeschlagen. Riesenposten zu kaufen, da die Kurse ja bald aus der Tiefe sich wieder erheben mußten, also schnell sehr viel zu verdienen feil „Ich kann's", antwortete er, „keinem verdenken, wenn er ein so sicheres Geschäft macht. Solange ich aber in der Firma mitzureden habe, wird sie an einem so furchtbaren Unglück keinen Cent zu verdienen suchen". Die reichen Amerikaner haben es bei uns ja leicht, an den Hof zu kommen. In diesem Falle wo wahrscheinlich der mit Schiff befreundete Generaldirektor Ballin die Audienz vermittelt hatte —ist diese Anszeichnung jedenfalls keinem Unwürdigen zugefallen. Den Kaiser soll die Persönlichkeit dieses judäo-amerikanischen'Patriarchen außerordentlich interessiert, nnd namentlich soll es ihn gefreut haben, daß Schiff, der nie lügen gelernt hat. ihm sagte: „Der stärkste.Eindruck, den ich in Berlin empfangen habe, war der von der großen Parade auf dem Tempelhofer: Feld." -Diesen Eindruck, den auf Schiffs mächtiges Organisationstalent diese erstaunliche Organisierung von Menschenmassen gemacht haben wird, hatteder Amerikaner vorher auch im privaten Kreise angedentet. Hoffentlich nimmt'» ihm Andrew Carnegie, der Friedliche, nicht allzu übel. L-chiff würdeftich freilich auch über den Tadel des Mannes hinwegsetzen, der weder so viel vermag, noch drüben so ernst genommen wird, wie der Senior des Hauses Kuhn, Loeb., ' * H , , -i- - Ueber die von unserem Blatte bereits gemeldete Verurteilung der Rassenvorurteile durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten wird ans New-Iork weiters berichtet:-