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Die Wahrheit · 1911-06-23 · Heft 24 (23.6.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 24 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit Seite 5. das „Berl. Tagbl." folgende Nachricht, die beweist, daß Rußland in seiner jndenfeindlichen Politik sich nicht beirren läßt .und vor keiner Macht der Welt zurückschreckt: Die ans Amerika in die europäische Presse gelangte und vielfach kommentierte Nachricht, daß die russische Regierung der amerikanischen gewisse Erleichterungen in Bezug aus die Pässe der Juden zngesichert habe, wird mir an zuständiger Stelle als unrichtig bezeichnet. Wohl hat die amerikanische Regierung, als im vorigen Jahr ihr in Konstantinopel beglaubigter Botschafter, der Rußland besuchen wollte, ans Paßschwierigkeiten stieß, da er Jude ist, versucht, Erleichterungen für amerikanische Bürger jüdischen Glaubens durchzusetzen, hat dabei aber nicht das geringste Verständnis, geschweige denn ein Entgegenkommen bei der russischen Regierung gesunden. Im Gegenteil verwies diese darauf, daß solche Paßerleichternngen eine große Erregung unter der russischen Bevölkerung Hervorrufen würden, zudem aber nur durch einen gesetzlichen Akt durchführbar wären. Da die Durchsicht der Judengesetze von Jahr zu Jahr hinausgeschoben wird, so liegt die ganze Frage der Paßerleichterungen noch in sehr weitenr Felde. Uebrigens ist es mir bekannt, daß die hiesige deutsche Botschaft sich für die ganze Frage sehrlebhaft interessiert und wohl keinen Augenblick gezögert hätte, eine den Vereiuigteu Staaten gewährte Vergünstigung auch für Deutschland als einer meistbegünstigten Macht in Anspruch zu nehmen. * * Ein schwerer Vorwurf wird in der „Welt" gegen das Konstantinopeler Großrabbinat wegen angeblich lässiger Haltung gegenüber der Blutlüge in Damaskus erhoben. Der Konstantiuopeler Korrespondent des genannten Blattes schreibt folgendes: Als wir vor kurzem von den Schritten des Konstantinopeler Großrabbinats bei der türkischen Negierung und von deren Einschreiten in Daniaskns aus Anlaß der gefährlichen Publikationen des dortigen „El Mnktebis" meldeteten, waren wir augenscheinlich falsch berichtet, obwohl diese Auskünfte aus dem Großrabbinate selbst stammten. Seit mehr als vier Wochen hausen nun in Damaskus die Bltttlugeverfammlungeu, und jetzt trifft ein Alarmtelegramm der verängsteten Damaszener Gemeinde bei einer Privatperson ein, welches besagt, daß bis nun noch nichts seitens der Regierung nach Damaskus gelangt fei, wo der Terror immer weiter wütet. Auch Rabbi Nahum erhielt ein -solches Telegramm. Diese Dinge sind ganz unerklärlich. Hat der Großrabbiner die von ihm berichteten Schritte getan und hat es nur das Ministerium au der Ausführung der von ihm verlangten Maßregeln fehlen lasseci? Zweifellos ist, daß hier eine schwere Nachlässigkeit vorliegt, deren Verantwortung voll auf Rabbi Nahum fällt. .Als es sich einmal darum handelte, zwei türkischen Schülern Freistellen bei der Ecole Normale der Alliance in Paris zu verschaffen, begab sich der Großrabbiner persönlich zum Minister, ■ um ihm das freudige positive Ergebnis mitznteilen. Wenn aber eine ganze große Gemeinde Rabbi Nahum um Hilfe angeht, weil das Leben und die Habe ihrer Mitglieder durch die Blutbeschttldigung bedroht ist, so begnügt er sich damit, seinen Kapukehaja mit einem Takrir zur Hohen Pforte zu schicken, und verabsäumt es, während vier langer Wochen und mehr, sich der Erfolge seiner Intervention zu.versichern. Will er warten, bis in Damaskus ein Blutbad hereinbricht? Vielleicht werden seine Freunde auch dann den Zionismus dafür verantwortlich machen. * * * Eine von der „Vereinigung jüdischer Ladenbesitzer" einbernfene und von Kausteuten und Rabbinern stark besuchte Versammlung fand jüngst in der großen Synagoge Philpotstreet statt. Die Dajanim Heyamson und Feld mann hielten sehr eindrucksvolle Ansprachen, indem sie lebhaft gegen die geplante Fassung des § 4 der Novelle protestierten und die'Regierung 'aufforderten, die Sonntagsruhe-Paragraphen entweder zurückzuziehen oder sie zu modifizieren, daß den Tausenden von jüdischen Bewohnern Englands die Möglichkeit geboten werde, ihr Leben zu fristen, ohne zur Entweihung des Sabbats gezwungen zu sein. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen. Beachtung siudet ein vom Jewish Chrouicle gemachter Vorschlag, der dahin geht, man möge für sämtliche Läden eine Maximalstundenzahl pro Woche festsetzen, während deren sie offen sein dürfen, und es dem Einzelnen überlassen, an welchem Tage er eine 24 ständige Ruhezeit zur Durchführung bringen möge. Gelänge es, mit diesem Gedanken durchzndringeu, so würde das für die ganze Entwicklung des Sonntagsruhe-Problems in der ganzen Welt von weittragender Bedeutung sein. Mas uns nollnt. Es war eine große Tat und hochbedeutsam für das Judentum, als der Vorstand der Wiener Kultusgemeiude vor 5 Jahren den lauge gehegten Plan der Gründung einer Bildungsanstalt für jüdische Religionslehrer zur Ansführnng brachte. Die Einsichtigen haben dies damals mit Freude und Dank begrüßt in der berechtigten Erwartung, daß diese Anstalt, ein wahres Lebensbedürfnis für das Judentum, und auch Bestand haben werde. Umso befremdender ist der plötzliche Beschluß des Kuttusvorstandes, die Anstalt wieder anfzulassen. Warum? Vielleicht wegen der großen Kosten? Die vornehmlichste Aufgabe der Knltnsgemeiuden ist doch die Pflege des Kultus. Gehört der Religionsunterricht nicht zum Kultus? Dürfen da die Kosten eine Rolle spielen, noch dazu bei einem Millioneubudget, wenn es sich um die Hebung und Verbesserung des Religionsunterrichtes handelt? Oder verstimmt es, weil die anderen Gemeinden nicht genügend Interesse und Wärme für die Sache bekunden? Traurig und beschämend genug für sie, wenn sie ihrer Pflicht, für die entsprechende religiöse Bildung der Jugend Sorge zu tragen, nicht entsprechen. Dies darf für die Wiener Kultusgemeiude, als die führende in Oesterreich, nicht maßgebend sein nach der Vorschrift der Bibel: Folge nicht der Menge, wenn sie ein Unrecht begeht. Hier heißt es, den anderen mit gutem Beispiel voranzngehen. Wien, die Stadt der Intelligenz und des Reichtums, absorbiert die besten Kräfte des Reiches, so strahle auch von hier aus das Licht des jüdischen Glaubens, Denkens und Fühleys. Von hier sollen tüchtige, geschulte, begeisterte Religionslehrer ansgehen, um als Glanbensboteu in allen Teilen des Reiches das Judentum in unseren Kindern zn nähren, stärken und befestigen. Der Religionsunterricht darf aber nicht so nebenbei, als Zuschuß zum Einkommen, erteilt werden, sondern er sei Hauptberuf. Soll er aber wahrhafte Erfolge erzielen, unsere Jugend für das Judeutnm gewinnen, erwärmen, begeistern, dann muß der Lehrer auch die entsprechende Fachbildung aufweisen, muß in jahrelangem Studium all seine Geistesrichtung, sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen diesem erhabenen Ziele zugewendet haben. Er muß von Idealen erfüllt und mit Vorliebe für sein Fach des Amtes walten. Ein guter Religionsunterricht ist aller Opfer wert, gerade zu einer Zeit, da die Familie der Religion und den religiösen Gebräuchen gleichgiltig gegenübersteht. Warum lernen wir nicht von unseren Feinden? Die nichtjüdischen Religionsgenoffenschaften bieten alles auf, um die Jugend ihres Bekeutnisies ganz unter ihren Einfluß z»l bringen, damit nicht eine einzige Seele verloren gehe. Und nur wir sollen mit verschränkten Armen znsehen und so gar nichts zur Befestigung des jüdischen Gedankens in unserer Jugend tun? Wie darf es beispielsweise Vorkommen, daß an einer Wiener Mittelschule am Sabbat des Wochenfestes ein Tagesausflug stattfand, an dem sich fast ausschließlich jüdische Kinder beteiligten? Ja eine Reform des Religionsunterrichtes ist nötig, und zwar von der Unterstufe an, sowohl in der Stadt als auf dem Lande. Und dazu brauchen wir einen Nachwuchs an sorgfältig vorgebildeten Lehrern, , hervorgehend aus einer besonderen Bildungsanstalt, wie die bis jetzt in Wien bestehende. Eine solche kann aber nur in Wien, der größten Kultusgemeiude des Reiches, gedeihen. Der Wiener Kultusvorstand, als Repräsentant des österreichischen Judentums möge dies in Erwägung ziehen. Er wird mit der Erhaltung einer solchen Institution über das österreichische Jndentum reichen

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