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Die Wahrheit · 1911-06-23 · Heft 24 (23.6.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 24 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. ' Die Wahrheit Nr. 24. Friedlicher verlief die Beratung des nächsten Gegenstandes der Tagesordnung: Gesetzentwurf zur-Versicherung der Privatangestellteu. Das Referat erstattete Reichstagsabgeordneter Potthoff als Gast. Seine Leitsätze gipfelten in der Aufforderung an die jüdischen Gemeinden, dafür zu sorgen, daß die Versicherung auf alle ihre Augeftelllen ausgedehnt werde. Nach dem Entwurf ist dies nicht der Fall. In der Debatte wurde der Wunsch . laut, eine eigene Ersatzkasse des Bundes zu schaffen. Von anderer Seite wurde augeregt, gegen den Einschluß der Rabbiner in die Privatbeamtenversicherung aufzntreten, um nicht einen Rechtsunterschied zwischen ihnen und den von diesem Zwange befreiten Geistlichen anderer Konfession zu schaffen. Die gestellten Anträge wurden einem besonderen.Ausschuß überwiesen. Zn lebhaften Debatten führte der letzte Punkt der Tagesordnung: Satzungsänderung. Während nach der geltenden Satzung auch den Großgemeiuden im Höchstfälle nicht mehr als -5 Stimmen zustehen, steht der Entwurf eine Erhöhung dieser Zahl für Berlin auf 80, für Frankfurt a. M. auf 50, Breslau 45 Stimmen vor nsw. Zur Begründung für die geplante Macht- Verschiebung wies die Verwaltung ans die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten hin. In der Debatte betonten Justizrat Friedmann-Glogau, Dr. K l e e-Berlin. Loeb-Frankfurt a. M., die verschiedenen Lagern angehören. übereinstimmend, daß die von der Verwaltung vorgeführten Gründe in keiner Weise eine derartige Entrechtung der kleinen und Mittlern Gemeinden rechtfertigten. Da jede Gemeinde für sich autonom sei, wäre eine Majorisierung in Sachen gemeinsamer Bnndesangelegenheiteu undemokratisch und dem gemeinsamen Interesse abträglich. Es folgte dann eine Reihe von Erklärungen von den Vertretern der Großgemeinden Berlin, Frankfurt a. M-, Breslau, Köln usw., wonach diese Gemeinden für den Fall der Ablehnung der Entwürfe ihren Austritt aus dem Bunde in Aussicht stellten. Da diese Erklärungen auf die Haltung der Opposition ohne Einstuß blieben, zog es die Leitung vor, der sichern Ablehnung des Antrag auf Vertagung und Ueber.weisnng des Entwurfs an eine Kommission zu begegnen. Auch hiergegen wandte sich die Opposition, um eine sofortige Ablehnung zu erzwingen, allein die Versammlung hatte Conrtoisie genug, dem Entwurf dieses „Begräbnis" erster Klasse mit 470 gegen 326 Stimmen zu gönnen. * rft - Von der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation in Berlin erhalten wir folgende Mitteilnng: Der bisherige erste Vorsitzende der A. I. K. O., Dr. Isidor G i n s b e r g-Berlin. hat sich ans Gesundheitsrücksichten gezwungen gesehen, sein Amt für einige Zeit niederzulegen. In seinem an den Vorstand gerichteten Schreiben heißt es: „Um-jeder unzutreffenden Auslegung meines Schrittes zu begegnen, möchte ich darauf Hinweisen, daß ich mich s. Z. von meiner beruflichen Tätigkeit zurückziehen .mußte, weil der Zustand meiner Nerven eine Fortsetzung derselben mir unmöglich machte. In den letzten Monaten fühlte ich, daß mein altes Leiden wieder zum Vorschein kam. Dies ist der einzige Grund, weshalb ich! mich zurückziehen muß. - Er sindet seine Bestätigung in der; Tatsache, daß ich auch meine Ehrenämter in. anderen Humanitären Gesellschaften gleichzeitig niederlege. Wenn ich mich auch an den Arbeiten der A. I. K. O. vorläufig aktiv nicht weiter! beteiligen kann, bleibt ihr mein Interesse jedenfalls nach wie vor gesichert. Die von mir zugesägte Beteiligung an einem von der A. I. K. O. zu schaffenden Bodenkans-und Agrarkredit-! Institut, in Höhe von K 50.000 erhalte ich aufrecht. Sollte mein Gesundheitszustand im Laufe eines Jahres sich soweit bessern, daß die Wiederaufnahme meiner Tätigkeit in humanitären Gesellschaften mir gestattet wäre, würde es mir eine Freude sein, auf meinen Posten wieder zurückzukehren." Wie man aus diesen Ausführungen ersieht, beruht die Meldung einiger Blätter, daß der vorübergehende Rücktritt des Herrn Dr. Ginsberg als eine Krise in der A. I. K. O. zu deuten sei, auf einer irrigen.Auffassung. Ebenso ist es unzn- . treffend, daß die Bemühungen der A. I. K. O. um Beschaffung! von Fonds für das kommerzielle Bodenkauf-Jnstitut gescheitert wären. Die Gründung eines solchen Institutes ist gesichert und wird im Saufe der nächsten Monate vollzogen werden. In Anerkennung der! großen Verdienste, die Herr Dr. Ginsberg wahrend seiner Amtstätigkeit sich um die A. I. K. O. erworben hat, ist er vom Vorstand zum E h r e n p r ä s i d e n t e lt der A. I. K. O. gewählt worden. Dr. Ginsberg hat die Wahl angenommen und bleibt in diesem neuen Charakter weiterhin in ununterbrochener Fühlung mit der Organisation. Die Leitung der Geschäfte hat der zweite Vorsitzende, Kommerzienrat und Handelsrichter Gerson Simon Berlin übernommen. 4- * ' V * Ueber die jüngst vollzogenen Alliancewahlen, die bekanntlich zu einem Konflikte zwischen der Pariser Centrale und dem deutschen Bureau in Berlin führten, wird ans Frankfurt geschrieben: Bei den jüngsten Alliancewahlen erhielt die L i st e d e r D e u t s ch e n K o n f e r e n z g e m e i n s ch a f t von etwa 70Ü0 beim deutschen Bureau eingegangenen Stimmen 6024. Aus die Pariser Liste, entfielen nur 930 Stimmen, davon wurden in N ü r n b e r g 520 und in F r a n k f n r t a. M. 160 abgegeben. Außerhalb dieser Orte und Mannheims hat also die Pariser Liste eine größere Zahl von Votanten nicht anznziehen vermocht. In Frankfurt a. M. sind infolge des von uns in der letzten Nummer gerügten Vorgehens des Lokalkomitees, das sich weigerte, die Berliner Stimmzettel anznehmen. überhaupt nur 240 Stimmen abgegeben' worden, davon 80 für die Berliner Liste. Von 1114 in Berlin abgegebenen Stimmen erhielt Herr Reinach n irr 5! Auch in K ö lt i q s b e r g. M e m e l, Tilsit und anderen ostprenßischen Städten wurde Neinach g l a t t w e g g e w ä h l t. „ Vom Anslande liegen bis jetzt außer dem in letzter Nummer mitgeteilten Wahlergebnisse in Basel noch folgende Wahlresultate vor : In Z it r i ch beteiligten sich von '148 Mitgliedern der Alliance 82 an der Wahl. 43 Stimmen wurden für die Pari s e r S i ft e, jedoch mit M e r z b a ch 'statt Reinach, 31 für die Berliner Liste und nur 5 für die u n g e ä n d e r t e Pariser Liste —also mit Reinach — abgegeben. — In S t. G all e n gehörten alle Stimmen der B e r l i n e r L i st e. In Holland haben sich von 900 Wühlern nur etwa 300 für 'Paris entschieden, auch in A n t w e r p. e u erhielt dke deutsche Liste die große Mehrheit. . Soweit sich jetzt schon das Wahlresnltat übersehen läßt, hat die überwiegende Mehrheit, der , Alliancemitglieder in Deutschland für die Liste der Deutschen Konf e r e n z g e m e i n s ch a f t gestimmt. Das ist auch in denjenigen Orten geschehen, wo das Pariser Zentralkomitee einen besonderen Anhang Reinachs vermutete. Das endgültige Wahlresultat ans alle n Ländern wird erst in einigen Wochen bekannt sein. Die Alliance zählt etwa 22000 Mitglieder. Da bei so umständlichen Wahlen erfahrungsgemäß höchstens 50—600/q der Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, so müßte nach menschlichen Ermessen die Berliner Liste dnrchgedrnngen sein. Nichtdestoweniger wird damit gerechnet, daß Reinach infolge der nichts weniger als einwandfreien Wählmanipnlationen, namentlich im Orient „gewählt" wird. Aufgabe der D. K. G. wird es sein, jenen sonderbaren Wahlinnchenschaflen. näher nacbzugehen und init aller Entschiedenheit dahin zu wirken, daß nur die wirklich rechtmäßig abgegebenen Stimmen als gültig anerkannt werden. Dem H i l f.s v e rein der D e u t s ch e it I n d e n ging dieser Tage folgendes Telegramm zu: '; „Die Schikanierungen durch die Polizei,, denen die Juden in allen Provinzen Rußlands fortdauernd ansgesetzt sind, greifen nunmehr auch auf die Hauptstadt Pertersburg über. Die Polizei dringt in später Nachtstunde in die Wohnungen angesessener jüdischer Bürger ein und nimmt „Revisionen" vor, ' ob nicht irgend jemand ohne Wohnrecht sich im Hause besinde. Diese in Petersburg bisher in solchem Umfange unbekannten Maßregeln rufen unter der jüdischen Bevölkerung eine starke Unruhe hervor." ' ' *' * •: . , . ...... q- .... Gegenüber den jüngst kolportierten Mitteilungen über Paßerleichterungen' für amerikanische Inden in Rußland, bringt

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