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Die Wahrheit · 1911-06-16 · Heft 23 (16.6.1911) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 23 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«Seite S. Die Anteil an der jeweiligen Weiterentwicklung der allgemeinen Musik genommen; daß ihnen hinlänglich bekannt war, wie man Jahrhunderte hindurch um die Zu- und Weglassung gewisser Intervalle blutig kämpfte, ja, daß eigene Meisterstellen znr Beurteilung der jeweiligen Musikvorführungeu eingesetzt waren (Meistersinger); daß sie auch au dem Aufkeimen und der Ausgestaltung der Mehrstimmigkeit vom einstimmigen Gesänge bis zur heutigen Vielstimmigkeit redlich Anteil nahmen; daß sie dennoch vollständig zum Bewußtsein gelangten, wie sehr man frevelt, wenn man leichtfertig in der Anwendung beliebiger Intervalle zu Werke geht. Somit wären wir -bis zum Kernpunkte der vorliegenden Besprechung gelangt, und zwar zur Erkenntnis der Unstatthastigkeit der Ausgestaltung traditioneller Melodien durch gewaltsame moderne Harmonien mit ihrem den alten Melodien ganz entgegengesetzten Jutervallengefüge. Nach Kundgebung dieses Ausspruches könnten wir beruhigt die Feder hinlegen und diesen Aufsatz für beendigt erachten, indem mit Fug und Recht vorausgesetzt werden kann, daß die oben angeführte Unstatthaftigkeit von jedem Musikvertrauten als selbstverständlich erachtet werden dürfte. Allein die Rücksichtnahme auf ein a l l g e m e i n e s Verständnis legt uns noch die Pflicht auf. Nachfolgendes anznführen: Der geradezu weltbewegende Aufschwung der heutigen Mehrstimmigkeit in der Musik hat seine jahrtansende lange Leidens- und Kampfesgeschichte durchgemacht. Seit der Uebernahme der griechisch-heidnischen Tonarten durch das Christentum wurde, selbst noch in den letzten Jahrhunderten des ersten christlichen Jahrtausend, zwischen Geistlichen und Gemeinde oder auch zwischen hohen und tiefen Stimmen autiphonisch (abwechselnd) einstimmig gesungen, und zwar in der Weise, daß die hohen Männer- oder Frauenstimmen bei strenger Einhaltung der Jntervallenfolge einer fixierten Tonart eine Melodie in Oktaven vertrugen, welche die tiefen Stimmen um eine Quarte oder auch um eine Quinte tiefer oder höher nachahmteu. Diese Art des autiphonisch mehrstimmigen Gesanges dünkte jedoch dem gelehrten Mönch H u g b a l d (840—930) etwas zu monoton und er versuchte es, den oben angeführten Wechselgesang nicht hintereinander, sondern'mitein ander singen zu lassen, und zwar wurde die sogenannte Kirchenmelodie (Cantus firmus) von den hohen Männerstimmen, als den Trägern des Hauptmotivs, übernommen und erhielt dafür die Bezeichnung Tenor; die tiefere Männerstimme, welche der Tenorstimme gleichsam als Basis diente und auch sehr lange B a s i s h i e ß, wurde nach und nach in die allbekannte Benennung Baß umgewandelt; da jedoch noch eine dritte Stimme, und zwar in einer höheren Tonlage als der Tenor, sich geltend machte, so erhielt dieselbe die Bezeichnung alta voce, d. h. hohe Stimme, später leichtweg altus oder alt genannt; schließlich machte sich jedoch noch eine Stimme bemerkbar, welche einen von dem Hauptmotiv oder der Hauptmelodie (Cantus) ganz verschiedenen Gesang führte, daher dieser Verschiedenheit entsprechend, die Benennung Discantus erhielt. Diesem Vorgänge gemäß fand später für die Frauen- und Knabenstimme die Benennung Discant und Alt sowie für hie Männerstimme die Bezeichnung Tenor und Baß allgemeine Aufnahme. Die auf solche Grundlage geschaffene Sangesweise muß entschieden als Urbegiun der in späteren Jahren sich mächtig ausgestaltenden Mehrstimmigkeit erachtet werden; da jedoch für dieselbe keinerlei nennenswerte Gesetze bestanden, so waren die Harmonien der freien Phantasie der Sänger überlassen, indem sie den Cantus ürrnus harnionisch zu unterstützen beabsichtigten, die Harmonien aus dem S t e g reif erfi n d e n mußten, und zwar, wie bereits oben erwähnt, durch Nachahmung des Hauptmotivs auf einer höheren oder tieferen Stufe*). *) Wer von uns wird hiebei nicht an jene mittelalterliche Gepflogenheit der O'N-NVv dem NN gegenüber unter der Bezeichnung „Z uhalten" erinnert? Und wer von uns hat es -nicht-schön in der eigenen Praxis erfahren, daß durch diese, der freien Phantasie jedes einzelnen Wahrheit. Nr. 23. Diese melodische Nachahmung auf einer anderen Stufehatte unwillkürlich die Entstehung des-Kanon zur Folge; man gelangte allmählich zur Erkenntnis der Selbständigkeit jeder einzelnen Stimmgattung und dieser Erkenntnis entstammten nach und nach die vielen Gesetze der Harmonielehren, hauptsächlich der Quinten- und Oktaven-Verdoppelung; indem mall zur Einsicht gelangte, daß die in Quinten und Oktaven begleitenden Stimmen - nichts anderes, als eine Verdoppelung des Cantusfirmus sei, kam man auf die Einrichtung, auch die anderen Intervalle zur Harmonisierung heranzuziehen. Nun war das Felb von der Lehre der Dissonanzen und Konsonanzen und weiteren Aufstellung der Gesetze für eine regelmäßige Harmonisierung geschaffen, welches Verdienst in allererster Reihe Guido von Arezzo (1010—1050) und seinen Schülern zugeschrieben wird. Wir sehen uns veranlaßt, diese kurze, musikhistorische Tatsache, hauptsächlich wegen des am Anbeginne der Harmonisierungsbestrebung sich erwiesenen Vorkommnisses lvon der iit freier Phantasie jedes einzelnen Mitsängers erfundenen Mehrstimmigkeit aufzurollen, um ' den interessanten Nachweis zu erbringen, daß unsere mittelalterlichen mit ihren a^-nr«» das- Gleiche taten, sich demnach in anerkennenswerter Weise dem dazumal üblichen Musikgesetze willig unterwarfen. < Daß ihre Epigonen sich durch viele Jahrhunderte an denk allgemeinen Ausbau der Musik bis auf unsere Tage in ganz, ausgezeichneter Weise beteiligten und noch beteiligen, beweisen die vielen Hunderte von weltberühmten jüdischen Komponisten, die sich an der Ausgestaltung des heutigen M u s i k g e d a ir k e n s redlich bemühten. Wir meinen mm,' auch in ihrem Sinne zn handeln, wenn wir den Ausspruch tun, daß. so wie es keinem christlichen Komponisten im Hinblicke auf die in.der Gegenwart znm Unterschiede der in früheren Jahrhunderten gehandhabten ganz verschiedenen Harmonisierung luden Sinn käme, eine in einer Kirchentonart gedachte Melodie mit einer modernen Harmonie zu versehen, auch unsere Herren Synagogenkomponisteu nunmehr davon Umgang nehmen mögen, eine traditionelle Synagogenmelodie durchein e m o d e r n e H a r m o n i s i e r u n g z u v e r u n g l i m P f e n. NN1VV anheimgestellte Harmoniegestaltung eine chaotische Mannigfaltigkeit der Harmonien zutage trat und bei Anwendung dieser barbarisch-mittelalterlichen Gepflogenheit auch heute zutage tritt, die dem Kantor nicht allein die erhoffte Unterstützung nicht verschafft, sondern ihn vielmehr in Verlegenheit bringt. Heutzutage haben es ja unsere Kantoren wahrlichnicht nötig, zu diesem längst abgetanen, mittelalterlichen Behelf des „Zuhalten", d. h. zu der von den-Chorsängern nach eigener Eingebung zuerfindenden harmonischen Begleitung zn greifen; falls eine solche erwünscht, so wird dieselbe einfach in Noten fixiert und alle Schwierigkeiteir¬ und mißliebige Eventualitäten sind beseitigt. Widmung der aufgelösten Abendbörse für Lehramtskandidaten. Anzahl der Plätze: Einer im Betrage von K 100.— Bewerbungsberechtigt sind: israelitische Lehramtskandidaten. Gesuchsbeilagen: Geburtsschein, Armutszeugnis, Studienzeugnisse, Frequentationszeugnis. Letzter Tag der Einreichungsfrist: 30. Juni 1911. Einreichstelle: I., Seitenstettengasse 4, II. Stock (Einreichungs- Protokoll). Näheres in den von der Einreichstelle unentgeltlich zu beziehenden Gesuchsbögen. Der Vorstand Wien, 1. Juni 1911. der Israel. Kultusgemeinde Wien. „Israelitische Allianz zu Wien“. Der Verein bezweckt: 1. Die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung, oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern; 2. Israeliten, wo sie ihres Glaubens-, wegen zu leiden haben, eine wirksame Stütze-zu. bieten. Durch* Leistung eines Jahresbeitrages von mindestens 6 Kronen wird, man ordentliches, durch einmalige Zahlung von 200 Kroner lebenslängliches Mitglied des Vereines. Anmeldungen zum Beitritt werden erbeten unter der Adresse:. - „Israelitische Allianz zu Wien“, ~ ' II., Untere .Donaustrasse 38, II. Stock. Telefon 19374

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