Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 23 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063595--07322-3074397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 7. *' Nr. 28 Die Wahrheit Gar vieles, über das mau bei uns klagt und den Juden Hur Last legt, hat viel mehr mit dem Amerikanismus als miit dem Semitismus zu tun. Die meisten der unangenehm empfundenen Neuerungen im geschäftlichen Leben sind durchaus nicht jüdischen Ursprungs, höchstens haben die Juden früher als. Die germanischen Geschäftsleute die mehr oder weniger große Berechtigung der Neuerungen erkannt und sind darum von ihrer ---Einführung nicht zurückgeschreckt. Was hat man, um nur eins zu erwähnen, früher, der große Carlyle an der Spitze, nicht rüber Shoddy geschmäht. Als man aber Carlyle die Vorteile Der Shoddyfabrikation erklärte, war er ehrlich genug einzugestehen daß er von dieser Seite es gar nicht betrachtet hätte, und er -war gerecht genug, das Schmähen eiuznstelleu. So weit wir auch spähen und blicken, nichts finden wir. 7was einer inneren, geistigen und kulturellen Verschmelzung der Juden mit den Deutschen im Wege zu stehen brauchte, nichts -absolut nichts In der Tat hat wahrend der drei Geueratioueu "feit der Judenemanzipation in Preußen und ganz besonders in den letzten drei Dezennien diese Verschmelzung ganz bedeutende Hortschritte gemacht. Die Inden haben ihre Pflichten dem deutschen Vaterlaude gegenüber stets erfüllt, wollen und werden sie -auch weiter erfüllen. Ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft hindert sie daran nicht im allergeringsten. Die Verschmelzung mit dem Deutschtum aber wird um so mehr Fortschritte machen, je weniger man die Juden als Nichtdentsche behandelt. "Die .Verschmelzung braucht dann nicht einmal besonders gefördert zu werden. Fara da se. Das Derbst christlicher Damen fiir Inden in Rußland. Dberrabbiner Dr. Güdemann richtet an die „Neue Freie Presse" folgende' Zuschrift: . - „Geehrter Herr Redakteur! Das „Verbot christlicher Namen für Juden in Rußland'', wovon ein Telegramm in Ihrer heutigen- Morgeunnmmer Mitteilung macht, errinuert daran, daß /die preußische Regierung Anfang der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts ebenfalls die Absicht hatte, ein derartiges Verbot .zu erlassen, aber von der Ausführung dieser Absicht dadurch abgehalten wurde, daß ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Posen, das von der Vorbereitung des erwähnten Verbotes Wind bekommen hatte, seinem eingeborenen Sohne den hebräischen Rainen Jesus erteilen zu wollen erklärte. Die Episode gab Zunz Veranlassung zllr Abfassung der berühmten Schrift „Namen der Juden" (1836), worin nachgewiesen wird, daß es keine christlichen Namen gibt (denn selbst Christus ist nur die griechische Uebersetznng des hebräischen Messias), aber auch keine jüdischen, da die..Inden in Persien persische, in Palästina griechische, in Spanien arabische und spanische und ebenso slavische, deutsche ,u. s. w. Vornamen geführt haben. Die jetzigen sogenannten jüdischen Vornamen sind nur Verstümmelungen oder archaistische Formen uns verschiedenen Sprachen. Hochachtungsvoll Oberrabbiner G ü d e m a n u. Dürfen alle Synagogemelodien modern st arm mustert werde»? Von kaiserlichen Rad Singer, Wien. (Schlußärtikel von Nr. 22.) . In dem Eingangsartikel vorliegender Arbeit versuchten wir Den Nachweis zu erbringe!!-- in welch, anerkennenswerter Weise unsere altvordern jüdischen Kantoren bemüht waren, die -künstlerische Idee gewisser Kirchentonarten dadurch zu festigen, daß sie nicht allein dem theoretischen Prinzips der betreffenden Tonart, beziehungsweise dem jeweiligen Jntervallenverhältnisfe derselben treu blieben, sondern sogar bestimmte Gruppen, je nach ihrer charakteristischen Jntervallenfolge. mit hebräischen Gebetsbenennuugen versahen, (ein adonoj molöch*@tßiger; mögen .otvarts-Steiger; os bsLol-Steiger rc.) und hiedurch gewissermaßen nebst der rühmenswerten Bermannigfaltigung des Gesangsstoffes doch auch eine einheitliche Gesetzmäßigkeit festigten, welche die Glanbeusbrüder entfernter Gegenden so nahe an einander brachte. Man dürfte einwenden, es bedeute keine so außerordentlich künstlerische Heldentat — da es ja noch überhaupt keine anderen als Kirchentonarten gab und unsere uralten Kantoren gewissermaßen veranlaßt waren, von der bestehenden Form Besitz zu ergreifen. — Wir anerkennen diesen Einspruch von einer historischen Nötigung als den Tatsachen entsprechend, vollständig, erlauben uns jedoch nur den Gegeueiuwand, weshalb die damaligen judenfeiudlichen Mitmenschen sich bezüglich der Duldsamkeit nicht gleichfalls „historisch" genötigt fühlten, uns Juden gegenüber die gleiche Milde walten zu lassen, wie unsere altvorderen Kantoren dieselbe rückhaltslos den christlichen Kirchentonarten gegenüber bekundeten. Rein, nein! Gestehen wir es nur ruhigen Gewissens zu, daß diese spontane Anwendung der Kirchentonarten im Rahmen des Synagogengesanges seitens unserer noch in frommer Einfalt lebenden mittelalterlichen Chasanim, schon mit Rücksicht auf die fremdnatiouale Gepflogenheit ('in nprr) als eine überaus löbliche Tat bezeichnet werden mu§. *) Inmitten einer Gesellschaft lebend, welche dem Judentnme, seiner Religion, seinen Gebräuchen, seinen Gesetzen rc. geradezu die Signatur des Schmachvollen und des Abscheues aufdrückte, fühlten sich dessen Religionsdiener (n-’jtn) jener Periode dennoch veranlaßt, die musikalische Gepflogenheit ihrer Widersacher in ihren Gotteshäusern. die ja doch den Inbegriff ihres gesamten geistigen und künstlerischen Lebens ansmachten, anfzuuehmeu. Dieser Vorgang muß zumindest, einerseits als auffallend, anderseits jedoch als rühmenswert anerkannt, doch mit Rücksicht auf die frühere und weitere Eiktwicklung des Synagogengesanges, auf das natürliche Maß zurückgeführt werden. Um diesen überaus wichtigen, historischen Entwicklungsgang erschöpfend nachznweisen, müßten wir notgedrungen ein bedeutsames Stück alter und ältester Musikgeschichte zu Rate anführen, wozu im Rahmen dieses Aufsatzes selbstredend kein Platz ist; soviel muß jedoch an dieser Stelle konstatiert werden, daß, wie dokumentarisch nachweisbar, schon die ältesten Juden inmitten ihrer Zeitgenossen (Griechen, Inder, Aegypter, Chinesen rc.) als so weit m der Kultur fortgeschritten bezeichnet werden, daß sie bereits die Bedeutsamkeit ihrer Musik in der Messung des Jntervallenschrittes bekundeten.**) Nach solchen geschichtlichen Feststellungen dürfte es nunmehr nicht so auffallend erscheinen, daß die alten Chasanim. die ihnen im allgemeinen nicht sehr sympathischen Kirchentouarten für syuagogale Zwecke verwendeten, indem sie beit künstlerischen Erscheinungen der Zeit huldigten, jedoch auch hiebei der künstlerischen Entwicklung des Synagogengesanges vollauf Rechnung trugen. Ein bedeutsamer Anhaltspunkt für diese Anschauung ergibt sich aus der Tatsache, daß die damaligen wun sich mit der einfachen Uebernahme gewisser Kirchentouarten (rnau p»-Steiger — aeolisch; "pa -"-Steiger — mixolydisch) — nicht begnügten, sondern dem musikalischen Charakter der uralten Tempelgesäuge entsprechend (Pajet iiuö Jozer) eine ganz eigenartige Skala konstruierten, deren von den bereits bestehenden Kircheuronarten ganz verschiedene Jntervallenfortschreitung dieselbe als jüdische Skala kennzeichnete. Nach Kundgebung dieses Hinweises auf die wissenschaftliche Behandlung der Musik und des Gesanges seitens der alten Juden kann wohl gefolgert und auch an der Hand der Geschichte nachgewiesen rverden, daß die Hervorragenden unserer altvordern 2-nn von dazumal bis auf unsere Tage redlichen *) Auch Dr. Z u n z in seinem Werke „Gottesdienstliche Borträge der Juden" äußert dieser Gedaukengang, wenn auch in negativem Sinne, indem er S. 437 sagt: „An Maßregeln zum Besten der Juden dachte niemand; man wußte ihnen nichts, als die Seligkeit der Taufe auzubieten u. s. w., so, daß es nicht besremden darf, wenn den so planmäßig Ausgesonderten, der deutsche Buchstabe ein Schrecken; wenn ihnen Europas Wissenschaft ein Fremdling und sein Christentum ein Gräuel wurde" — **) Siehe Musikgeschichte S. 211.