Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 23 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 23. vor allen Dingen braucht er- Geld, um die gähnende Leere seines Parteisäckels zu füllen. „Der Löwe -- meint das Pester Journal — dem die Zähne ausgefallen sind, hat nichts zu beißen." - ' * „Adevernl" berichtet, daß in den aördlichen Gegenden der Moldau seit Wochen eine maßlose Agitation gegen die Inden' betrieben wird. Die Stimmung in diesen Gebieten sei dieselbe; wie vor Ausbruch der blutigen Jndenexzesse des Jahres 1907. In das Dorf Raguslui laut ein gut gekleideter, unbekannter junger Mann, der gemeinsam mit dem Lehrer in die Dorfschule eine Versammlung einberief und dort die Bauern zu einem Pogrom, aufforderte. Auch in andern Dörfern werden ähnliche Versammlungen abgehalten-. , Die Bevölkerung Jassys nimmt gegen die Juden eine immer drohendere Haltung an. Die Erregung wird von gewissenlosen Agitatoren geschürt. Charakteristisch für die Stimmung ist folgende Episode:'Der Bürgermeister ließ am 26. Mai den hochangesehenen jüdischen Bankier Wachtel, zu sich bescheiden und stellte ihn in'erregtem Tone zur Rede, weil sich die Juden in jüngster Zeit zu viel auf der Straße zeigen. Es wäre, so meinte der Bürgermeister, besser, wenn die Inden, da die Bevölkerung gegen sie so ausgeregt ist, in ihren Häusern blieben. # q- Das Großherzogl. Oldenburg'sche Staatsministerium hat auf Grund eines Berichtes von seiten des Großh. Landrabbiners Dr. Mannheimer die Entscheidung gefällt, daß jüdische Kinder, welche am christlichen Religionsunterrichte ihrer Schule teilnehmen, trotzdem verpflichtet sind, sofern sie Angehörige der jüdischen Konfession bleiben, die jüdische Religionsschule zu besuchen. Diese Entscheidung ist von großer Tragweite für die Zukunft des Judentums im Lande Oldenburg, da neuerdings einige jüdische Familien ihren Kindern den Sonntag Vormittag, an welchem der jüdische Religionsunterricht stattfindet, durch Beteiligung am christlichen Religionsunterrichte retten wollten. Gegen die verhängte Geldstrafe wurde von den Betroffenen Beschwerde beim Groß-Staatsministerium eingelegt, allein die Entscheidung stel zu Gunsten des Schulinspektors Dr. Mannheimer aus, der den Standpunkt vertrat, daß bei aller Toleranz eine reinliche -Scheidung in Sachen der Religion herrschen müsse und daß die Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Religionsunterricht doch in den Äugen der Christen als eine Charakterlosigkeit erscheinen dürfte und geeignet sei, das Ansehen des. Judentums herabzusetzen. ' * * Der russische Finanzminister K o k o w z e w wurde von dem Petersburger Korrespondenten der „New-Iork Times" über die Lage der russischen Juden interviewt. „Die Russische Korrespondenz" berichtet über den Verlauf dieses Gespräches: Kokowzew sagte, daß nach seiner Auffassung der gegenwärtige Moment ungeeignet sei, irgendwelche Milderungen in der Lage der russischen Juden durchzuführen. Das Verhalten der Juden zur §kriegs-und Revolutionszeit hätte ein scharf prononziertes Nationalgefühl gegen sie hervorgerufen, weshalb Aenderungen zu ihren Gunsten gegenwärtig unmöglich seien. Man müsse in dieser Hinsicht warten. - Der Interviewer-warf hier ein: „Wie erklärt es sich .aber, daß die Juden offenbar als die einzigen neuen Drangsalierungen ausgesetzt werden, zur Strafe dafür, daß sie zusammen mit anderen das neue Regime mit herbeigeführt Haben?" Daraufhin erklärte. Kokowzew alle Nachrich t e n über ite u e Drau gsalternngen und Beschränkungen der Juden für fal s ch. Diese Behauptung Kokowzews wird von der „Russischen Korrespondenz" aufs entschiedenste bestritten. „Nie", so führt sie ans, „war die Lage der russischen Juden so schlecht wie jetzt." Jetzt ist neuerdings einer Reihe von Judeukategorien, deren Wohn-, recht auf Entscheidungen der obersten Instanzen basierte, dieses. Privileg entzogen worden, und die vorhandenen Beschränkungen erfahren Interpretationen, welche die Zeiten Plehw es in den Schatten stellen. Kein Jude Rußlands fühlt sich hellte mehr in seinem Domizil sicher.- Aus den verschiedensten Gegenden, aus K i e il), R i g a, S m o len s k und anderen Orten, kommen Nachrichten über die Allsweisung von Juden, die seit Jahrzehnten dort ansässig wären. Die Kinderausweisuugen aus Moskau, die so viel Staub aufgewirbelt haben, sind noch nicht zum Stillstand gekommen. Augenblicklich wird ' den in P e t e r s b u r g ansässigen Inden der Sommeraufenthalt in der Umgebung der Stadt verwehrt. Dieses Beispiel Petersburgs hat bereits in anderen Städten des Reiches. Nachahmung gefunden. Besonders bedauernswert ist . auch die Lage der jüdischen jungen Leute, die durch eine von den Oktobristen als ungesetzlich erklärte Zirkularnote vom Abitnrientenexamen znrückgewiesen wurden. * * *. Die „Zionistische Vereinigung" versendet, folgende Zuschrift: Vor einigen Tagen hat in der türkischen Deputiertenkammer anläßlich derDebatte über das Budget auch der Zionismus wiederum Stoff zu einer größeren Diskussion gegeben. Dabei sollte, wie es anfänglich hieß, der neue türkische Minister des Innern eine Erklärung gegen den Zionismus abgegeben haben. Wie wir nun einem in der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau" erschienenen ausführlichen Bericht über die Debatte-entnehmen, hat der Minister sich über die Inden und die jüdischen Ansiedlüngen im Orient sehr freundlich ausgesprochen und nur gesagt, was ja selbstverständlich ist und was natürlich der Zionismus'auch nicht erstrebt, daß die türkische Regierung keine Ansiedlungen dulden werde, die eigene politische Ziele verfolgen. Diese Erklärung mußte der Minister abgeben, weil von den Gegnern der Regierung der Zionismus als eine der Türkei gefährliche separatistische Bewegung dargestellt worden war. Die Reaktionäre hofften so aus dem von ihnen verfälschten Zionismus der Regierung einen Strick drehen zu können. Im übrigen wurde in der Debatte von verschiedenen Abgeordneten hervorgehoben, welchen großen Nutzen'die jüdischen Ansiedlungen in Palästina dem Lände brächten. Es wurde' zahlenmäßig därgetan, wie rasch die Staatseinkünfteans den vor .zwei Jahrzehnten gegründeten' jüdischen Kolonien von Jahr zu Jahr in die Höhe gegangen sind. Von einem bulgarischen Deputierten, der die Verhältnisse eingehend studiert hat, wurde noch besonders' betont, daß es einen Gegensatz zwischen jüdischen und arabischen Bauern überhaupt nicht gebe,, daß sie vielmehr in vollkommenster Eintracht und Interessengemeinschaft leben. * * * - Aus Jaffa wird berichtet: Ein angesehener Moslemischer Bürger unserer Stadt, Selim Effendi El-Salahi, veröffentlichte bereits vor einiger Zeit in der hiesigen arabischen Zeitung „Philistin" einen Artikel über die jüdische Kolonisation Palästinas, in dem er sich sehr lobend über die jüdischen Kolonisten und den vielfachem Nützen, den sie dem Lande bringen, ansspricht. Dieser Tage erschien nun auch in der vielgelesenen Jerusalemer arabischen Zeitung „Eu-Nasir" ein längerer Aufsatz aus der Feder El-Salahis, worin er den Angriffen gegen die jüdische Kolonisation, wie'sie neuerdings in einem Teile der christlich-arabischen Presse erhoben worden sind, in sehr energischer Weise entgegentritt. El-Salahi schreibt in dem betreffenden Artikel unter anderemwie' folgt: ’ „Meine Ausführungen in Nr. 13 des „Philistin" haben gewissen übelwollenden Journalisten unseres Landes nicht gefallen, obwohl sie selbst ganz genau wissen, daß die jüdische Bevölkerung ihre arabische Nachbarschaft weder in politischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht beeinträchtigt. Die Beschuldigung, als ver- . folgten die jüdischen Kolonisten separatistische Bestrebungen, ent- . behrt jeder tatsächlichen Grundlage. Die Wahrheit über die jüdische Kolonisation liegt für jeden klar zutage, der sich die i Mühe nimmt, einmal jüdischen Kolonien wie Sichron-Jakob, Rosch-Pinah, Milhamie, Jemma nsw. einen Besuch abzustatten. - Was. waren mll diese Ortschaften, bevor die Inden kamen und i sie der Kultur , erschlossen? Oder mögen die judenfeindlichen -Herren bei den arabischen Nachbarn der jüdischen Kolonien Pethach-Tikwah nnd Rischon-Le-Zion Umfrage halten und. ans