Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 23 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wien, il/, Rvvaragasse. 27 Telephon: Nedaktion 5107/VIII. Unabhängige Zeitschrift für jnöische Rerngspreis: lÄanzjährig.K 14.— Halbiähiig.K 7.— Administraiiou 4938/11. - * - ff. k. öfterr. Postsparkaisa- Scheck-ffonio Nr. 100.918. Interessen. (Vik Stiiltnöbeamte: <A»iizjavri,i.K 1». - Inserate: Die viermal geivaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kr eitag. Für A»Stand: Aboiinkmenlönnd JnsertionS- (üiiiijiiitniti.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegöl Gottes, ist Wahrheit!“ ft iltubei oder lft Frei». Ar. 23 Wien. 16. Inni Inhalt: Aus der Woche. — Juden und Deutschtum. — Verbot christlicher Namen für Juden in Rußland. — Dürfen alle Synagogenmelodien modern harmonisiert werden? — Verschiedene Nachrichten. — Literatur — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Der 13. Juni war ein äis8 L6ta8tri8 für die christlichsoziale Partei. Von den 20 Wiener Reichsratsmaudaten, die sie bisher innehatten, tonnten sie nur 2 im ersten Wahlgange wiedergewinnen, ein Teil ihres bisherigen Besitzes ist endgültig verloren und um den Rest werden sie in 8 Tagen mit teilweise ganz geringelt Aussichten einen neuerlichen Kampf führen müssen. Und das Bemerkenswerte an dieser niederschmetternden Niederlage ist die Tatsache, daß gerade die Führer von derselben betroffen wurden. Biehlowlawek ist gefallen, Geßmann, Liechtenstein, Weißkirchner, Bürgermeister Nenmeyer und Vizebürgermeister Hierhammer müssen ein zweitesmal um ihre Mandate ringen und es ist höchst fraglich, ob das Wahlglück ihnen gnädig sein wird. Wien ist wieder zu Bewußtsein gekommen und sucht die Partei von sich abzuschütteln, die den Frieden zerstört, das gesellschaftliche Leben vergiftet und das Volk zuerst betörte und dann verraten und verkauft hat. Wohl haben die Christlichsozialen in der WienerStadtverwaltnng und im niederösterreichischen Landtage noch mächtige Positionen, aber da ihr parlamentarischer Einfluß im Reichsrate so tieferschüttert ist, werden auch die anderen Bollwerke ihrer Macht vor dem Unwillen des getäuschten Volkes nicht mehr lange standhalteli. Und so wird diese Partei, die durch fast ein Vierteljahrhnudert wie ein schwerer Alp auf Wien und dem ganzen Reiche gelastet hat, endlich von dem Schicksal erreicht werden, das es schon lange verdient hat. sfc . * Zur Geschichte der politischen Karriere des eben aufs Haupt geschlagenenen Dr. Geßmann bringt die „Sonn- und Montags-Zeitung" folgenden interessanten Beitrag: Wer denkt heute daran, daß der klerikale Politiker, der Vertrauensmann der Geistlichkeit und der Agrarier, der Geheime Rat und Minister a. D. Albert Geßmann seine politische Karriere als Demokrat begonnen hat? /Und doch ist es so. Als die demokratische Bewegung in Wien sich ausbreitete und die Gründung des demokratischen Vereines im Zuge war, erschien eine Deputation der Proponenten bei dem Begründer dieser Zeitung Alexander Scharf, um von ihm eine Subvention zu erbitten. Diese Deputation bestand ans Dr. Kronawetter und Albert Geßniaun. Alexander Scharf gewährte die Subvention, bemerkte aber, er hoffe nicht, daß man mit seinem Gelde etwa gegen die. Jndeli etwas unternehme, worauf Geßmann auf das energischeste betonte, daß ein solcher Gedanke der demokratischen Bewegung vollkommen ferne liege. Geßmann ist dann bald ans der demokratischen Bewegung und aus dem politischen Leben verschwunden. bis ihm Dr. Lueger den Weg in dieses Leben wieder eröffnete. Der ehemalige Demokrat ist ein böser Antisemit geworden. -ir Der vorige Woche in Baden verstorbene Private, Herr- Jacob Adle r, der bis vor wenigen Jahren in Wien gelebt hat, hat in seinem Testamente die „I s r a e l i t i s ch e Ä1 l i cr n z zu Wien" zum Erben seines gesamten immobilen Besitzes, der auf lVi Millionen Kronen bewertet wird, eingesetzt. Diese, munisizente Spende ist in der Geschichte der Wiener Allianz einzig dastehend und liefert den erfreulichen Beweise daß auch den österreichischen Juden das großzügige Interesse für allgemeine jüdische Zwecke nicht abgeht. Möge dasselbe baldigst eine neuerliche Bestätigung finden. * * Ein hervorragender Staatsmann gab jüngst in einem Gespräche mit einem ungarischen Abgeordneten folgende überaus bemerkenswerte Charakteristik des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand: „Macht doch aus dem Thronfolger kein Rätsel. Wenn Ihr ihn so aus unmittelbarer Nähe beachten fonuter, wie es mir vergönnt war, so würdet Ihr mit Eurem Urteil sehr rasch fertig sein. Gestatlet mir die Bemerkung: Erzherzog Franz Ferdinand ist einer der liebenswürdigsten und charmantesten Menschen, und wer das Glück hat, in den Kreis seiner Person gelangen zu können, findet alsbald, daß das Urteil, welches rnan über ihn gang und gäbe füllt, ein ungerechtes ist. Ihr befürchtet, daß er Ungarn gegenüber eine Antipathie hege. Das ist nicht wahr. Er will nur seine Sympathie nicht offen zeigen, weil er befürchtet, damit irgendwelche Empfindlichkeiten wachznrufen. Ihr behauptet, er sei klerikal gesinnt. Es ist nicht wahr. Jawohl, er ist fromm und religiös, aber kein Mucker. Wie haben wir alle gelacht, als er Tage lang unseren gemeinsamen Freund 3£. für einen Juden hielt, und als er erfuhr, daß er keiner ist, sagte: Schade, denn er ist ein so lieber, anständiger Mensch!" * * * Viktor Jstoczy, der Löwe des antisemitischen Ungartums, dem die Geschichte das Aufrollen der Ritualmord-Hetze ,des Jahres 1883 zu danken hat, agitiert zu eignem Nutz und Frommen, für die Gründung des antisemitischen Preßfonds und fordert zur Bildung der sozialpolitischen Parteikoalition ans. Mit dieser Gründung kann eine neue Aera im politischen, wie in seinem Leben beginnen. Hauptsache bei ihm bleibt das abgedroschene Schlagwort „Nieder mit den Juden," zu der Fokah den einzig ausschlaggebenden Kommentar liefern muß. Und