Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-06-09 · Heft 22 (9.6.1911) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 22 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063594--07312-3074386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 8. ' Die Wahrheit. „ Nr. 22. wiedergebe. Sie lautete: „Unsere traditionellen Melodien sind in drei Hauptgruppen einzuteilen. Die erste Gruppe bilden diejenigen Melodien, die dem modernen System angehören. Sie wurden und werden : noch immer seit dem vorigen Jahrhundert von den Juden in Deutschland gesungen. Sie sind die einfachsten aber auch die profansten von allen und. bezeichnen ungefähr die Stufe, auf welcher auch der Kircheugesaug im 16. Jahrhundert stand, als das Konzil von Trient seinen vernichtenden Tadel über die damalige mit nnheiligen Liedern vermischte geistliche Musik aussprach und Palestrina mit der Reform derselben beauftragt wurde. Nur mit dem Unterschied, daß die Melodien in der Kirche durch den Kontrapunkt künstlich verdeckt nud dadurch .dem Wahrnehmen des Laien fast ganz entzogen wurden; während unsere Melodien immer einstimmig gesungen, jedem Empfänglichen leicht zugängig waren. Eine zweite Gruppe bilden, die Melodien, die weder einem neuen noch einem alten Tonsystem, soweit unsere Nachforschungen reichen, angehören. Die bei weitem größere Zahl derselben verdankt ihre Entstehung wahrscheinlich den unter slavischen Völkern lebenden Juden. Wie alt sie sind, ist schwer zu sagen; allein, mögen sie nun einem orientalischen, vielleicht gar einem mit den Griechen nntergegangenen enharmouisch-chromatischen Klanggeschlecht entsprungen sein, oder mögen sie im Abendlande unter dem Einfluß des slavischen Nationalgesauges entstanden sein, so viel ist gewiß, daß eine fortschreitende Entwicklung in ihnen nirgends wahrzunehmen ist und daß sie alle auf der gleichen Stufe des Naturgefanges außerhalb aller rhythmischen, modulatorischeu und harmonischen Gesetze stehen. Eine drifte Gruppe endlich bilden die Synagogal-Jntonationen „Chasonns". - Diese scheinen am meisten zu der irrtümlichen Ansicht verleitet zu haben, daß wir es in unseren Nationalmelodien mit den Kirchentonarten zu tun haben und in der Tat mögen sie ursprünglich aus diesen hervorgegangen fein; allein ihre jetzige Gestalt beweist gur Genüge, daß sie im Laufe der langen Zeit zum Teil vergessen'worden sind. Wenn der Kircheugesaug sich Melodien und Intonationen aus den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung bis auf die neuste Zeit erhielt, so war dies ihm nur möglich geworden durch die engen Grenzen, welche durch gegebene Formate und geregelte Tonarten ihm vorgezeichuet wurden, die er nie überschreiten durfte. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wie«. Sonntag, den 28. v. M., fand im Schullokale IL, Malzgasse 16, die Prüfung der Schüler und Schülerinnen der Bibelschule des Vereines „A d a ß Iißroel" (Schiffschul) statt. Anwesend waren: Herr Rabbiner Fürst und Herr Rabbiner Baumgarten, die Vorsteher Herr W. P a p p e n h e i m und Herr Bondy, als Vertreter der Kultusgemeinde Herr Dr. Mark. Spitzer, Herr Amtsvorsteher und Bibelschulinspektor I. Brau», Herr Schulinspektor Pros. Kanitz und die Eltern der Schüler. — Unter der Leitung eines Lehrers begann die Prüfung, die ein schönes Zeugnis von dem erfreulichen Wißen der Kinder gab. Diese übersetzten und lasen nicht nur fehlerlos aus Gebetbuch und Bibel, sondern zeigten sich auch in hebräischer Grammatik, jüdischem Kalenderwesen. Gebetsordnuug rc. recht bewandert. Hierauf erfolgte unter dem bekannten Jubel der Kinder die Verteilung der Schulausweise und Herr Inspektor I. Braun hielt zum Schlüsse eine wirkungsvolle Ansprache an die Kinder. Ueberhaupt lag in dem Ganzen ein solcher Zug von wahrer Jüdischkeit, daß es jeden unwillkürlich freuen mußte und jeder der Anwesenden empfand ein dankbares Gefühl für jene Männer, die in so stuchttragender Weise für die jüdische Erziehung unserer Kinder Sorge tragen. - Wien Vorigen Donnerstag abends hielt der Amtsnachfolger des vor kui^em verstorbenen Rabbiners Aron Fried mann in der Schönlaternschnl, Herr Sigmund Benedikt, im Beisein der Familienmitglieder des Verewigte» und in Gegenwart des Vereinsvorstaudes, wie auch zahlreicher Mitglieder und Gäste, einen ergreifenden „Hesped", in welchem die wahre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit des Dahingeschiedenen rühmlichst hervorgehoben wurde. Karlsbad. Im Alter von 94 Jahren starb in Pollerskirchen der böhmische Rabbiner Dr. Philipp Po latsch ek, ein. Kreisrabbiner des Czaslauer und Chrudimer Kreises, mit dem Sitze in Polna, ein Mann hervorragenden Geistes und edler Charaktereigenschaften. Im Jahre 1848 an der Prager deutschen Universität zum Doktor der Philosophie promoviert, wirkte er während eines halben Jahrhunderts in obiger Eigenschaft mit seltener Hingebung und tolerantem Sinne. Er hinterläßt einen Sohn, den bekannten Karlsbader Kurarzt Dr. Arnold Polatschek, eine Tochter Frau Therese Czapek in Pollerskirchen, während eine zweite Tochter. Frau Mathilde Hitschmanu, Gattin des Nachoder Fabrikanten Herrn Hermann Hitschmann, ihm vor drei Jahren im Tode voranging. Budapeft. (Eine altägyptische Juche ngemeiu d e.) Jlft der zweiten Kläffe der Ungarischen Akademie der-Wissenichaften hielt da^ korrespondierende Mitglied Eduard Mahler' einen Portrag' über die aramäischen Papyrusdokumente aus Assuan und Elephantine. Diese Dokumente stammen aus dem Y. Jahrhundert:vor u g. Z-, und das zweifache Datum. derselben (nach ägyptischem und jüdischem, Kalender) gibt uns Aufklärung über die Zeitrechnung der Juden, ferner über Fragen, die sich auf das Eheleben, die Vermögensverhältnisse der Ehegatten, die Scheidungs¬ und Erbschaftsprozesse und andere Familienangelegenheiten beziehen. Nachdem das jüdische Datum mit den« babylonischen Kalender übereinstnnmt> ist-der Vortragende der Ansicht, daß die Jndengemeinde, die wir aus diesen Papyruffen kennen, zu denjenigen gehöre, die nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 687 v. n. G. Z. zersprengt wurden. Die Juden haben zahlreiche Kulturinstitutionen in Babylonien kennen gelernt und von hier nach Aegypten mitgebracht. Bisher war man der Meinung, daß die jüdischen Gemeinden gewiffe eingeschränkte Rechte ans dem Gebiete der' Justizpflege besaßen, und zwar soll die Elephantineer Priesterschast mit der Ausübung dieses Rechtes betraut gewesen sein. Diese Annahme wird durch die Dokumente nicht bestätigt. Die Assuaner und Elephantineer Jüdenbildeten wohl eine geschlossene religiöse Einheit, doch waren sie keine selbständige politische Körperschaft. Hamburg. (K o n f e s s i o n e I l e E in i g n n g). - In Hanl-' bürg herrscht, wie wir erfahren, in Sachen der Religion löbliche Eintracht^ als ob es im 18. Jahrhundert niemals eine Fehde zwischen Lessing unddem Hanptpastor Goeze gegeben hätte. Der bekannte israelitische Kanzelredner Rabbiner Dr. Leimdörfer hält nn Gemeinde-Verein von St. Pauli- Hamburg, deffen Protektor der Pastor Clemens Schultz ist, einen Vortrag überdie „Humanität der Bibel". Den Ausführungen des Vortragenden' zufolge normiert sich alles soziale Verhalten und alle Sittlichkeit an der' Religion, dem rechten Verhalten der Menschen zu Gott. Mit einem Hinweis auf Lessings Humanitätsdrama „Nathan der Weise" mahnte Doktor- Leimdörfer zum Schluß zur Einigkeit, die in der Liebe das gemeinsame Moment der verschiedenen Konfessionen betonen müsse. Tags darauf richtete Pastor Clemens Schultz nachstehende Zuschrift an seinen Amtsgenoffen- „Hochverehrter, lieber Freund! Ich kann doch nicht erst in die ernste Arbeit des Tages eintreten, ohne Ihnen noch einmal von ganzem Herzen zu danken. Sie haben uns viel, sehr viel gegeben, vielleicht mehr, als wir' beide selber ahnen. In unserer Zeit der Zersetzung, des Kritizismus nnd des bis znm Egoismus gesteigerten Individualismus tut positive Arbeit, die auf historischem Verständnis ruht, so namenlos not. Es tut so not zu zeigen, daß das Gute, welches der moderne Sozialismns will, nicht neuist, daß aber das Neue, was er will, nicht gut ist, ohne historischen Zu-, sammenhang in der Lust schwebt und in seinen Wirkungen den Seifenblasen gleicht. Es tut so not, immer wieder zu zeigen, wie aller Sozialismüs- und Ethik, i. e. das richtige Verhalten der Menschen untereinander sich' normiert an der Religion, i. e. an dem richtigen Verhalten der Menscherr zu Gott. Und es tut so not, immer wieder ans das Gemeinsame hinzuweisen und nicht das Trennende, zu betonen. Das Alles haben Sie unsgestern Abend gegeben neben so vielen praktischen Hinweisungen und Erörterungen. Ich bin deffen sicher, daß alles lebt und wirkt in den Seeleir unserer einfachen Männer und Frauen und macht sie bestimmt skeptisch' gegen alles elende Phrasentum, das heute durch Verwirrung so große Macht hat. Darf ich als Fachmann und Kenner noch etwas sagen? Und nehmen Sie es dem Freunde auch nicht übel? Welch ein gottbegnadeter' Redner sind Sie! Wie steht Ihnen neben dem Wissen und Kennen das Können zu Gebote! So bedeutend bin auch ich in der Kunst zu reden, daß ich es beurteilen kann, wie groß Jbre Kunst, und Gabe ist und daß' ich Sie neidlos bewundern kann . . . Ich reiche Ihnen im Geiste 'die Hand nnd verbleibe Ihr dankbarer, getreuer Gesinnungsgenosse untr Arbeitskollege. Gott zum Grnß. Ihr Clemens Schultz." Kiteratnr. Johann Peter Lyser. Der Dichter, Maler, Musiker. Von Professor- Friedrich H i r t h. München 1911, Georg Müller. Preis 15 Mark. Der Verfasser schildert in seinem 596 S. gr. 8" umfassenden Buche, einen Freund Heines aus deffen Hamburger Zeit. Wie sehr Heine- Lyser schätzte, geht aus manchen seiner Briefe und den „Florentinischen Nächten" hervor und es ist ein großes Verdienst Hirths, nunmehr Lysers- Leben und Werke, deren es mehr als 800 gibt, beschrieben zu haben. Mair lernt aus dieser textlich und illustrativ gleich wertvollen Publikation in Lyser eine sehr intereffaute Persönlichkeit kennen, mit der sich lebhaft zu b'eschäftigen, wohl der Mühe wert ist. Denn Lyser stand zu allen dichterischen und musikalischen Natabilitäten des 19. Jahrhunderts in'Beziehungen und hat darüber wertvolle Nachrichten hinterlaffen. Namentlich sein Briefwechsel mit Robert Schumann nnd L. A. Frankl, den Hirths Buch voll-' ständig bringt, verdient höchste Beachtung. Sechzig reizende Bilder Lysers. der ein sehr geschätzter Maler namentlich von Karrikatnren war, sind dem' Buche beigegeben,. das ein Prachtwerk ersten Ranges ist, dem man weiteste' Verbreitung wünschen darf. 1 Ernst Otto Manz. Unsere Zeitgenossen. Wer ist's.? Biographien nebst Biographien. Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf, Werke, Lieblingsbeschäftigungen^ Parteiangehörigkeit, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Adreffe. Andere Mitteilungen von anderem Interesse. Begründet, redigiert und herausgegeben von Herrmann A. L. Degener. Y.'Ausgabe. Vollkommen neir bearbeitet und wesentlich erweitert. Leipzig,? Verlag von'H.-A. Ludwig- Degener 1911. Mark 10.—.. " Seit dieses Werk im Jahre 1895 znrä erstenmale erschien, ist der Herausgeber in mühevoller und ausdauernder Arbeit seinem'Ziele wie eigewünscht hat immer näher gerückt; nämlich -^ein mnstergiltiges, in bi*.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.