Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 22 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheil >Leite 5 Nri 22. als Geschäft betrachten (156), will ich durch ein typisches Beispiel beleuchten. - . ■ ' . Vor kurzem kamen zwei Wiener Gelehrte durch einen glücklichen Fund in die Lage, eine hochinteressante Sammlung von Privatbriefen aus dem Jahre 1619 der Oeffentlichkeit vorzulegeu. In einem dieser aus Prag nach Wien gerichteten Briefe, die. nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt sind und darum den treuesten Ausdruck der Deukweise der Schreiber bilden, spricht ein Vater seinen Kummer und seine Mißbilligung darüber aus, daß der Sohn, der nach Wien geheiratet hat, nicht dem „Lernen" sondern Geschäften seine Zeit widmet. Dazu, habe er ihn nickt erzogen. Wenn er nicht lernen werde, müßte er wieder nach Prag znrückgehen, uni dort unter Aussicht des Vaters dem Studium zu obliegen. Das Lernen müsse er noch einige Jahre betreiben, dann erst könnte er an Geschäfte denken. ^) Lernen, um zu lernen, wird im Judentum als heiligste Pflicht angesehen. Der Lernende dürfte sich auch nicht von der Ambition, als Gelehrter zu gelten, leiten lassen. „Der Mensch sage nicht: Ich will lernen, damit man mich einen Weisen, einen Rabbi nenne."9 10) 2)ie)e (ohne Tacblis) lernenden Juden stören das Sombartsche Gefüge. Er weiß auch hier Abhilfe, indem er wieder einmal eine Sache in ihr Gegenteil umkehrt. „Wie sehr die Zweckbedachtheit tief im jüdischen Wesen eingesenkt ist, können wir besonders deutlich bei den Juden wahrnehmen, in denen gerade alle Rücksichten auf bie praktischen Zwecke des Lebens abgestorben sind, wie bei den Chassidim, die, weil es doch „keinen Zweck" hat, für das tägliche Brot zu sorgen, ihre Familien hungern lassen und sich lieber dem Studium der heiligen Bücher widmen" (321). Das ist Sombartsche Logik. Sie arbeiten nicht und hungern, weil sie von der Zweckbedachtheit besessen sind. Geschäft, besonders das Geldgeschäft, sagt S., haben die Juden seit jeher betrieben. „In den Talmudtraktaten — namentlich natürlich in den verschiedenen Babas — spielt nächst dem Thorastudium nichts eine so große Rolle, wie das LeihgeschÜft. Die Vorstellungswelt der Rabbanen ist ausgefüllt mit Geldgeschäften. Jedem nnbefangeuen Leser ergibt sich aus der Lektüre des Talmud der deutliche Eindruck, in dieser Welt wird viel Geld geliehen" (372). Nllr wer vom Kapitalismus so erfüllt ist wie S., wird das aus dem Talmud heranslesen. Der Talmud hat zum größten Teil theoretische Erörterungen zum Gegenstand und sucht auf Grund der Bibel die Norm fürs praktische Leben festzusetzen. Nach S. müßte jeder Gesetzgeber, der die Geldleihe zu ordnen unternimmt, ein Geldgeber sein. Der Talmud hat 63 Traktate, einige davon behandeln das Geldgeschäft, folglich steht der ganze Talmud — nach S. — unter dem Banne des Geldes. Wenn nun jemand über die Opfer im Altertum eiu Buch schreiben wollte, müßte er nach Sombarts Vorgang, da etwa acht Traktate die Opfervorschriften behandeln, die Behauptung aufstellen, die Vorstellnngswelt der Rabbanen sei mit Opfern ausgefüllt. Wie S. die Quellen mißhandelt, um sie seiner These dienstbar zu machen, ist durch folgendes erwiesen: „Die Entscheidung des Rabina (B. M. 71a) in Sachen des Fremdenzinses klingt geradezu wie die Erklärung eines Wuchermonopols für die Rabbanen" (371). Nun sprechen die Rabbinen dort gegen das Zinsennehmen überhaupt. Der Satz: „Wer seinen Reichtum durch Wucher und Uebermaß mehrt, sammelt für den, der Arme beschenkt" (Spr. 28, 8), bezieht sich nach dem Talmud auch auf das Zinsnehmen von Fremden.n) „Es heißt doch aber in der Mischna, man dürfe ihnen Zinsen < zahlen und von ihnen Zinsen nehmen?" Darauf antwortet R. Chija, „man dürfe nur so weit Geldgeschäfte betreiben, um sein Leben zu fristen, aber durch Zinsen Reichtum erwerben, das sei verboten." Rabina sagt: „Das Zinsnehmen ist verboten. Die Erlaubnis in der Mischna bezieht sich nur auf den Gelehrten. Warum? Der Jude soll mit dem Fremden keine Geldgeschäfte machen, damit er nicht durch den Verkehr mit den Fremden deren Gewohnheiten an¬ 9) Landau und Wachstem, Jüdische Privatbriese aus dem Jahre 1619. "Meäarim 62 a n'JlXap'P ffiWK Ü2N '21X7p'v *OpK B7X avX' xbü ») Bab. mez. 70 b '1221 man J'2*n xbx rO“i2tt fcb nehme, bei dem Gelehrten jedoch ist die Nachahmung bösen Beispiels nicht zu befürchten."n) Hieraus, wo die Geldleihe überhaupt als ungehörig bezeichnet wird, ein Wuchermonopol heranszulesen, ist wahrlich ein starkes Stück. Die Juden, sagt S>, waren ein Wüsten- und Wandervolk und sind es Jahrtausende hindurch geblieben. „Der Schluß: „In Palästina wurde im Altertum Ackerbau getrieben, die Juden haben Palästina in jener Zeit bewohnt, also sind sie Ackerbauer gewesen," ist doch ein wenig klapprig in seinem Gefüge" (408). S. kümmert sich nicht darum, daß die Bibel eine Fülle von Bildern dem Ackerban entlehnt, daß sie eine io große Anzahl von Vorschriften für Bodeubtsitz uud Bodenbearbeitung enthält. Für die Lebensweise eines Volkes sind seine Feste besonders charakteristisch. Wie kommt es nun, daß die Feste dieses „Wüstennnb Waudervolkes agrarisch orientiert sind? Sie. sind Feste der Ernte, der Erstlingsfrüchte, der Weinlese, das Prssachfest zur Zeit des „Aehrenmonals." „Das Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Arbeiten, was dn gesäet auf dem Felde, das Fest der Einsammlung beim Ausgang des Jahres, wenn du eiusamuielst deine Arbeiten vom Felde" (Exvd. 23, 16—16). Man müßte die halbe Bibel zitieren, wollte man alles, was auf den Ackerbau Bezug hat, herausichreibeu. Dasselbe gilt vom Talmud, denn auch in der Diaspora wird der Ackerbau als die naturgemäße, würdigste und deglückendste Arbeit uachdrücklichst hervorgehoben. Es seien hier nur einige Beispiele angeführt. Sebulon beklagt sich darüber, daß seine Brüder Felder und Weinberge besitzen, ihm aber nur Berge und Täler, Flüsse liub Meere zugeeignet sind.") „Wer das Brot von seinem Acker ißt, gleicht einem Kinde, das an der Mntterbrnst genährt wird. Wer das Korn kaufen muß, gleicht dem Kinde, dem die Muttergestorben, und mit dem man nun an den Türen betteln müsse, damit eine fremde Mutter ihm die Brust reiche." u) Abraham kommt auf seinen Wanderungen durch Mesopotamien und Syrien, da sieht er Menschen, die sich dem Müßiggang und Genuß hingeben. „Hier möchte ich nicht wohnen," ruft er aus. Als er aber bei der Tyrnsleiter anlangte und die Bewohner bei der Arbeit, beim Graben und Hüten sah, das sprach er: „O, möchte mir doch dieses Land zum Wohnsitz bestimmt sein."") Daß die Juden nomadisierende Viehzüchter waren, folgert S. aus dem Satze: „Weiß sind seine Zähne von Milch" (Gen. 49, 12). Die erste Vershälfte: „Die Augen rot von Wein" wird verschwiegen, weil sie danach Weinbauer sein müßten. (Es sei hier bemerkt, daß die Uebersetzung des angeführten Verses nicht richtig ist. Die Zähne werden vom Milchtrinken nicht weiß. Richtig muß es heißen: Röter als Wein sind seine Augen, weißer als Milch ferne Zähne). Bibel und Talmud sagen, daß die Inden Ackerbauer waren. S. sagt: „Soviel aber auch in der Bibel von Ackerbau die Rede ist, waren die Juden doch ein Nomadenvolk, haben nie ihre Felder, wenn sie überhaupt eine Ackerbanperiode hatten, selbst bearbeitet." Den Beweis ist S. schuldig geblieben. Die Inden mußten eben Nomaden sein, sie Hütten sonst nicht den Kapitalismus begründen können. Hingegen waren nach S. die Germanen, trotzdem nach den Berichten Caesars Jagd und 12) Baba mez. 71 a. Xavv p'pay Q'QBN n'Bbna xan -ick X2'2a .1'VVLv aiab' xb Kirr asn a'abna;i'2i tcjjbb XBV pan ain 'NB Das Zinsnehmen gilt nicht nur in der Misckna als verpönt, es wird auch in den späteren Jahrhunderten als ungebührlich und auch als verderbenbringend bezeichnet. Besser ist es, mit seinem wenigen Gelde Warenhandel zu treiben und sich so seinen Unterhalt zu verschaffen, als das Geld ans Zins zu leihen. Ein Sprichwort sagt: Wer aus Zins leiht, richtet sich und den anderen zugrunde. "Wajikra rab. JII. B’ainr aatffy 17 CE? ’B 2D spira pnax xbnaa fn'aaa mbi pbiav ’BB jaa aiaanai sriiri XD121 ..-rbn xbm n’bn aaxa,Tirana 13) Megilla 6 a. mpan ann na: 'bi B'Biai aiac nnb na: 'arrb iiC.anna a’B' an: 'bi aiaarr anb an: 'arrb M) Abotb d. B. Nathan 31. by baanan pirnb non ib»a baixn pTiaai iax nnaw pirnb nan rria nab pusa ja arriaa apibrr ,iax nar .anarr nip'ra. 'aaa by inirr 1S) Gen. rab. c. 39. aarra *f?na aaaarr TNV ayva 'ib n aare ’7fKT rrb 'Kib.a aax cmiai a-aivi a'bairr pnx .arra am: aarrai ana: aytra ca'2n ppiay jnix arra aia b» aabiab inas? jrai arria paxa pbn .arria paxa ’pbn xa' 'xibn aax aimyn nstrn arrya C3':n