Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 22 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063594--07308-3074382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 22. sind. Für den heutigen Wahlkamps gelte das Wort eines preußischen Königs über Meyerbeers „Hugenotten", der sagte, in dieser Oper kämpfen Katholiken und Protestanten und der Jude macht die Musik dazu. Zu diesen Worten des Prinzen Liechtenstein kann man nichts anderes als eine Paraphrase schreiben. Sie lautet: In der christlich s.ozialen Partei sind alle Ni ed erträch t i gkeiten v erd i-ch tet, deren Menschen fähig sind. Vom „Schußgeld" auf Juden, über den Bluthund von „Polna" und der „Strecke" des Herrn Tomola im Bunde mit dem Teufel geht es bis zu „den Niederträchtigkeiten" des Prinzen Liechtenstein in einer hübschen Steigerung. Welcher anständige Wiener kann solchen Menschen bei den Wahlen seine Stimme geben?. * * * Der alte Erfahrnngssatz, daß die schlimmsten Judenfeinde sich aus den Reihen der Judeustämmlinge rekrutieren, sindet au dem au Stelle Silberers von der antisemitischen Partei für den zweiten Leopoldstädter Wahlbezirk aufgestellten Reichsratskandidaten Dr. Viktor Kienböck jun. neuerliche Bestätigung. Dieser Dr. Kienböck, der wie die „Sonn- und Montags-Zeitung" mitteilt. von Inden abstammt — seine Großeltern m ü t t e rl i ch e r sei t s. na m e n s S a n d o r, wäre n In d e n, seine Mutter ist eine Jüdin — verpflichtete sich in einer Hetzrede, die er jüngst hielt, ' gegen den „jüdischen" Wllcher, die jüdische Ausbeutung und jüdische Verhetzung zu kämpfen. Allerdings sage das Sprichwort: „Juristen sind schlechte Christen", aber heute müsse man froh sein, wenn man überhaupt einen a rischen ch r istl i ch e n I u r ist e u findet. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen bezeichnete er die Juden als die unversiegbare Quelle alles Unheils, das im Laufe der Jahrzehnte über Oesterreich hereingebrochen sei. Die Juden, sagt Dr. Kienböck haben im Jahre 4866 unser Volk dem Feind ausgeliefert, 1867 wurden wir von ihnen in schmählichster Weise an die Ungarn verraten und im Jahre 1870 an das Messer der Börsespekulanten gebracht. Gibt es eine bodenlosere Gemeinheit, als den Versuchder jüdischen Bevölkerung Oesterreichs, die stets mit der treuesten Liebe an diesem Staate gehangen ist, die keine Opfer gescheut hat, diese Liebe und Treue zu betätigen, Vaterlandsverrat vorzuwerseu, nur um sich bei dem Abhub der Bevölk e.r u n g beliebt zu machen?. Wie tief steht aber diese Gemeinheit, wenn sie von einem verübt wird, in dessen Adern jüdisches Blut stießt! * * Angesichts des Beschlusses der Wiener Börsekammer, dem Lueger-Denkmalsond einen Beitrag zuzuwenden, kann man dem harten Urteil der „Welt" über die Vertreter des „jüdischen Kapitals" in Wien nur beipstichten. Das genannte Blatt schreibt : Die Wiener Börsenkammer hat dieser Tage in ihrer Sitzung als Spende für das Dr. Karl Lueger-Denkmal den Betrag von 1000 Krön eu notiert.. Derselbe Lueger, der sich zu Lebzeiten als erbitterter Feind der Börse gezeigt hat, bie er dem „jüdischen Kapital" entreißen wollte, derselbe, der sie in ihrer Funktion geschädigt und gehässig zur skrupellosen Ausbeutung seiner reaktionären Politik benutzt hat, — wird nach dem Tode von der Börsenleitung ausgezeichnet! Lueger und sein politisches Programm, die Feinde der Industrie und des Fortschrittes, der finanziellen Entwicklung und des wirtschaftlichen Aufschwunges, erhalten ein Denkmal, das sich als Dankeszeichen der Wiener Börse erheben wird. Inden der gleichen Gesinnung, die ihrer liefsten Trauer bei Luegers Hingang Ausdruckgegeben haben, drucken ihre Dankbarkeit und Bewunderung für den Erzfeind durch eine Denkmalsspende aus. Wie perversdoch Leute sein, können! Die Einführung der Effektenumsatzsteuer und ihre spätere Erhöhung aus das fünffache sind Luegers Geist und das Ergebnis des Mißbrauches seiner politischen Macht, .hi seinem Ver-- nichtnngskrieg -gegen das Judentum, nicht -zu sprechen von den finanziellen Aktionen, die einen schweren Schaden bedeuten für' den allgemeinen Wohlstand, und den tausenden von ruinierten jüdischen Existenzen, die auf dieses Konto zU buchen sind. Was schert das aber bie 99°/0 Juden und getauften-Irrsten, die die' Börsenkammer repräsentieren? Ihr Geschäft blüht, sie haben ihr' Schäfchen im Trocknen. Und Ehre? Was kauft man sich dafür? Die ehrenwerten Herren im Rate der Börsenkämmer, mögen sie wie immer heißen, sind wohl, die, auf welche die Sätze in Herzls „Börsenelend"geschrieben wurden:^,Sie empfinden nichts vom schlechten Geschäftsgang, ja nicht einmal vom Antisemitismus, den sie erzeugt haben. Sie finden schon Mittel und Wege, um sich von den Angriffen der jndensresserischen Radanpresse loszukaufen. Wir haben das empörende Schauspiel vor uns, wie diese Herren ihr alle Moralbegriffe beleidigendes Vermögen ausbeuten, gleich den Theaterdirnen, die auf schamloser Brust den glänzenden Schmuck ihrer Prostitution tragen. - ■ * * In der letzten Sitzung, die das ungarische-Abgeordnetenhaus vor den Pfingstferien hielt, wendete sich der Abgeordnete Samuel Bakonyi (Jufthpartei) gegen die Ausführungen des Abgeordneten Rakovszky, der in seiner vom einseitig konfessionellen Gesichtspunkte geleiteten Kritik dem Abgeordneten gegenüber, gegen den er polemisierte, dessen Konfession nnd Rassenattgehörigkeit znm Ausgangspunkt seiner zügellosen Polemik' gemacht habe. Hier ist jeder Abgeordnete — sagt Redner —- ob Jude oder Katholik, Vertreter der Nation und darf die Verhandlnngsgegenstände nur vom Gesichtspunkte des allgemeinen öffentlichen Interesses znm Gegenstand einer Kritik machen.^Den Bestrebungen, im Lande beit konfessionellen Frieden zu untergraben, steht der.Gedanke der nationalen Einheit hemmend im Wege. Hier im Hanse können derartige bedauerliche Erscheinnngen vielleicht zu Worte kommen, in den breiten Schichten der Bevölkerung finden diese Tendenzen keinerlei Boden.--(Beifall.) Redner betont die stets bewährte patriotische Gesinnung der ungarischen Judenschaft und wünscht die einheitliche Organisierung der israelitischen Knltnsgemeinden, zu welchem Behnfe ein Kongreß einbernfen werden soll. Schließlich tritt Redner in beredten Worten für den Ausbau des einheitlichen ungarischen Staates ans Grnnd der Mitwirkung aller Bürger des Staates ohne Unterschied der Konfession ein. '' ■ „ ' . ... Eine Deputation der Temesvärer israelitischen Neologen-- gemeinde erschien jüngst bei dem Bischof Glattfelder, um ihn zu begrüßen. In seiner an die Deputation gerichteten Rede bemerkte der Bischof unter anderem, daß es einen Punkt gebe, an dein sich die beiden Kollfessionen begegnen: die Zehn Gebote Mosis. Diese sind auch den Christen heilig, weil der Geist der Liebe sie erfüllt. Der Deputation der Orthodoxengemeinde, die den Bischof ebenfalls' begrüßte, legte er die Pflege ihrer^ religiösen Gesetze ans Herz. Die Orthodoxen mögen sich von den antireligiösen Strömungen nicht beeinflussen lassen und stets bestrebt sein, die Grundlagen des Glaubens zu festigen. - ' 4- * . * , . Der Washingtoner Korrespondent der' „Times" meldet folgendes: Die Nachricht, daß die russische Regierung von nun an allen amerikanischen Juden ohne Beschränkung Pässe gewähren wird, welche Rußland zu Geschäftszwecken besuchen wollen, ist hier mit' der größten Genugtuung ausgenommen worden. Wie es scheint, ist stie Maßregel vorläufig ans amerikanische Inden beschränkt, doch wird sie später für Juden aller anderen Staaten erweitert werden. Die Konzession ist zweifellos die Folge der langjährigen Vorstellungen des Staatsdepartements, welche vor kurzem nachdrücklicher' geworden sind,, da es wahrscheinlich war, daß die beiden Hänser des Kongresses beschließen würden,' den Präsidenten zu beauftragen', den Vertrag von 183:2 zu kündigen. Aehnliche Beschlüsse sind schon früher gefaßt worden, aber diesmal schienen doch infolge der demokratischen Stimmung des Depntiertenhauses und bestimmter politischer Rücksichten im Senat ernstere-Schritte bevorznstehen. . . . Inden und Indentmn in der Darstellung Werner Sdmdarts. ' (Schluß.) ' ' ' '' Diese Zweckbedachtheit und auch die Behauptung Sombarts, daß die Juden die unschätzbarsten Dinge in den- Kreis geschäftlicher Erwägung ziehen und auch die Verheiratung ° ihrer Kinder