Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 22 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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■ Redaktion nnd Administration: Wien, XI/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion ölOV/Vlll. Dnabhängige Aertfchrift für jnöifche Rerng»prek»: tNanzlähria.K 14.— Halbiähria -.K 7.— Administration 49S8/H. _ St.,t. üsterr. Postsparkasias>che<t«Ko»io Nr. 1VÜ.8l8. Antennen. Für Zkilltusbeuiute: Olanziähria..K 10.— - Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitng. Für Ausland: Abonnements- und Jniertions- <8»»zj>iyrig.S Mark betrage sind in Wien zahlbar nnd klagbar. , Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ fi Rn bei oder lfi Frc». Ur. 22. Wien 9. Inn» Inhalt: Aus der Woche. — Juden und Judentum in der Darstellung Werner Sombarts. — Die Katastrophe von Saffed. — Förderung des Schulunterrichtes in Galizien. — Mociz Deutsch, s. A. — Verschiedene Nachrichte»». — Literatur. — Feuilleton: Ein Apikores.— Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Je näher der Wahltermin heranrnckt, desto greifbarer wird die Gefahr, daß trotz des unleugbaren Zerfalles in der antisemitischen Partei und trotz der begreiflichen Abneigung der bürgerlichen Kreise, sich im Reichsrate durch eineu sozialdemokratischen Abgeordneten vertreten zu sehen, der erste Wahlkreis in der Leopoldstadt, in welchem die jüdischen Wähler einen so hohen Prozentsatz bilden, an einen Antisemiten, oder was vom jüdischen Standpunkt aus nicht weniger'bedauerlich wäre, an einen vom Judentum abgefallenen Sozialdemokraten verloren gehen kann. Angesichts dieser Eventualität darf es keinem. jüdischen Wähler, um etwa seinem Unmut über die Spaltung im jüdischen Lager Ausdruck zu leihen, einfallen, einen leeren Stimmzettel abzngeben .— er muß unbedingt entweder den Namen Dr. Ofner oder Dr. Mittler auf den Stimmzettel schreiben. Für uns ist es klar, daß nur durch die Ausschaltung des ersteren der Friede und die Einigkeit unter den jüdischen Bürgern des Bezirkes hergestellt werden wird, und darum sind wir auch für den letzteren mit allem Nachdruck und aus vollster Ueberzeugung eiugetreten. Für jene aber, die wankend sind, möchten wir ein in den letzten Tagen gefallenes Wort einer hervorragenden und allgemein beliebten jüdischen Persönlichkeit kolportieren. Auf die Frage eines Verwandten, wem er seine Stimme geben solle, antwortete dieser: „Wenn ich dem Freundschaftsgefühle nachgebe, wähle ich Dr.-O frier, wenn ich aber dem B e r st a n d e folge, daun wähle ich Dr. Mittle r". Nun denn die Wahl in den Reichsrat ist keine Gefühlsduselei, sondern eine Sache ernster politischer Raison, und darum hoffen wir, daß die Mehrzahl der jüdischen Wähler in der Leopoldstadt sich am '13. Juni für Dr. Alfred Mittler entscheiden wird. - * q- Vom fortschrittlichen Wahlkomitee in Fünfhaus erhalten wir folgenden Aufruf: An die freiheitlich-gesinnten Witöürger! Dem Bezirke Fünfhaus droht eine große Gefahr: Eine maßlose gehässige Agitation will uns den Herrn Ernest Schneider als Abgeordneten aufdrängen! Einen Ernest Schneider, dem jedes Gerechtigkeitsgefühl fremd ist und der nur einen einzigen Programmpnnkt kennt: das Schußgeld auf Inden! Ernest Schneider war bereits Mitglied des Parlaments, aber von dieser rühmlosen Parlamentstütigkeit ist nichts'anderes, geblieben als die Ritnalmordlüge, die durch Ernest Schneider nach Oesterreich verschleppt wurde. Diese Schmach muß abgewehrt werden l Eine bürgerliche freiheitliche Kandidatur war dermalen leider in Fünfhaus nicht möglich, und so bleibt für einen ehrlichen fortschrittlichen Wähler nur die einzige Ehrenpflicht: am 13. Juni 1911 zuverlässig am Wahltage zu erscheinen und feinen Stimmzettel wie folgt anszufüllen: August Iorstner, Sekretär Wien, XV., Herklotzgasse 26. Keinen leeren Stimmzettel abgeben! Jeder leere Stimmzettel fördert die Wahl Ernest Schneiders! Lasset Euch durch andere Wahlaufrufe nicht verleiten!! * * * Die christlichsozialen Reichratskandidaten und selbst jene, die auf höherer Gesellschaftsstufe stehend aus Achtung vor sich selbst zu einer gewissen Reserve verpflichtet wären, suchen durch einen Appell an die niedrigsten Volksinstinkte ihre im Schwinden begriffene Popularität etwas aufzufrischen. Wohl zieht die Judenhetze nicht mehr so prompt wie ehedem, aber was versucht man nicht alles, wenn man in Nöten ist, und so hat nicht nur^ Prinz Liechtenstein wieder sein antisemitisches Herz entdeckt und macht dem Radauantisemiten Schneider Konkurrenz, auch der berüchtigte Tomola, ein Jngendbildner ganz besonderer Art, macht in blutrünstigem Antisemitismus. Er verkündet die Heilslehre, wie den Christlichsozialen aus ihrer jetzigen Not geholfen werden kann; das Rezept ist sehr einfach. Man höre, wie er sich die Lösung des Problems denkt: „Ebenso wie in Bayern muß auch jetzt in Oesterreich dem Judentum der Garaus gemacht werden. So lange dieses zersetzende, staatsgefährliche Element, und sei es auch mit des Teufels Hilfe, nicht zur Strecke gebracht ist, gibt es keinen nationalen Ausgleich." Die Herren Cristlichsozialeu, bemerkt hiezu die „Sonn- und Montags-Zeitung", betrachten den Juden stets, wenn sie in Not sind, als Jagdtier. Haben sie kein Geld, so geht es ans die Taschen der Juden, sind sie in Wahlnöten, dann zielen sie auf das Leben der Inden. Noch blutrünstiger und niederträchtiger hat sich Prinz Liechtenstein expektoriert. Als Haupt der Christlichsozialen glaubt er offenbar, er muffe nicht einen Tomola sondern auch einen Schwer und einen Schneider übertrumpfen. In der jüdischen Nation, erklärte er, seien alle Niederträchtigkeiten verdichtet, deren Menschen fähig