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Die Wahrheit · 1911-06-02 · Heft 21 (2.6.1911) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 21 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 21. Doch weil es gerad' vor den Wahlen ist, Ist Fritzens Bemühen recht kritisch. Man fühlt sich als Antiliberalist Und wählt d'rum antisemitisch. Lieb^ Fritzchen, du lerntest doch Wechselrecht, Laß* endlich das Spritzen mit Geiser, Glaubt mir, auch der Leser fährt dabei nicht schlecht! Besserer Dinge ist würdig dein Eifer. Flavins. ßm ApiKores. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Wie denn nicht? Man sieht es Ihnen doch beim ersten Anblick an. Doch Sie, der Menschensrennd, bilden eine Ausnahme." „Da höre ich das Weib ans dem Volke sprechen, welches denjenigen Juden, von dem sie irgend etwas Gutes empfangen, oder der sie nicht geschädigt hat, als Ausnahme bezeichnet. Merkwürdig! Jede niedere Handlungsweise oder auch nur Denkungsarteines Menschen, der zufällig aus dem jüdischen Volke stammt, wird von euch dem ganzen Judentume in die Schuhe geschoben, muß die ganze Judenheil büßen, während Ihr eine gute Tat, von "einem Juden begangen, als eine Ausnahme bezeichnet." Irma biß sich auf die Lippen. Sie war verlegen geworden, daß sie daraus nichts entgegnen vermochte. Er enthob sie dessen, indem er sortfuhr: „Ihr verewigter Gatte dürfte auch so eine Ausnahme gewesen sein. Denn für gewöhnlich wird nicht auf Dankbarkeit gerechnet—er aber hatte diese von Ihnen erwartet, und darum hat ihn die bittere Enttäuschung, die ihm geworden, in ein elendes Leben und schließlich in den Tod getrieben." „Er hvt mich nie geliebt." „Wie kam es denn, daß er Sie geheiratet, nachdem er Sie zum Glaubenswechsel veranlaßt hatte?" „Es war nur ein flüchtiger Sinnesrausch gewesen. Im Herzen hegte er die Liebe zu einer schönen Glaubensgenossin. Ihr Bild lag in einem Fache seines Schreibtisches, und ich überraschte ihn einstmal dabei, als er es hervorgezogen, lange innig angeblickt und dann geküßt hatte." „Wer wäre das gewesen?" „Ich habe niemals ihren Namen erfahren, selbst als das Bild einst in meine Hand kam. Als ich darnach fragte, so antwortete er mir, ich sei nicht würdig, daß dieser Name in meiner Gegenwart ausgesprochen werde. Sie sei ein Heilige.' Als ob es beim Juden auch Heilige gäbe." Der Doktor führte die junge Witwe in ein Restaurant, woselbst sie warteten bis es elf Uhr geworden war und er mit ihr in die Wohnung seiner Braut gehen konnte. Daselbst wurde er erwartet, weil er gewöhnlich um diese Zeit seinen Morgenbesuch zu machen pflegte. Die Wohnung befand sich trotzdem nicht iu gewohnter Ordnung, denn es war nur wenige Tage vor der Hochzeit und die Braut sowohl als deren Mädchen mit Räumen und Einpacken beschäftigt. „Ich bringe Dir einen Gast, Martha, meine gewesene Reisebegleitern!." Mit diesen Worten führte er die beim Anblicke Marthas tief, erschrockene Irma zu seiner Braut. Martha war erblaßt. Was führte diese Frau hieher? .Sollte sie nicht ganz so ungefährlich sein, wie Ludwig sie bezeichnet? Wie wäre es ihr eingefallen, ihm bis hieher zu folgen, gerade wenige Tage vor der Hochzeit? Sollte sie Ansprüche an ihn haben, welche' sie jetzt, knapp vor seiner Hochzeit geltend machen wollte? Es schien der schon einmal Hartgeprüften nicht anders zu sein, als griff eine eiskalte Hand in ihr jüngst noch Hochklopsendes Herz und holte daraus den letzten Rest von Frieden. Auch Irma konnte sich vor Aufregung kaum ans den Füßen halten. Der Doktor blickte verwundert von einer der Damen auf die andere, deren sichtliche Aufregung ihm ein Rätsel war. Sie hatten sich nie vorher gesehen, kannten sich kaum dem Namen nach, und doch starrten sie sich gegenseitig an, säße, statt dem schön frisierten Köpfchen ein Medusenhanpt auf deren Schultern. Er bot der Fremden einen Sitz an, und uni die peinliche Situation zu beenden, wandte er sich an seine Brautmit der Frage: ' - „Ist Leo zu Hause?" „Er spielt im- Garten." - „Bitte sehr, liebe Martha, lasse ihn rufen." Während sich Martha entfernt hatte, um den Knaben zwholen, beugte sich der-Doktor zu Irma und frug sie: „Was ist Ihnen, Irma? Fassen Sie sich. Sie dürfew vor der Hand nicht verraten, daß Sie Leos Mutter sind." (Schluß folgt). Israelitischer Bethausverein „Am Bollert" Kaiser Franz Josef I. Huldigungs-Tempel. Aufruf! Die ärmste jüdische Bevölkerung der Leopoldstadt entbehrt schon seit langem hiues würdigen Gotteshauses. Von Jahr;u Iahe wiederholen sich die berechtigten Blagen, daß an den hohen Feiertagen der Gottesdienst in einigen Bezirksteilen in Lokalen abgehalten wird, die durch ihre sonstige Verwendung unwürdig erscheinen» %ux Stätte des Gottesdienstes;u dienen. Diesem, dxm Ansehen der Wiener Judenschaft abträglichen Zustande will der gefertigte Bethausverien;um Teile wenigstens abhelfrn, indem er nunmehr daran geht, auf einem in unmittelbarer Nähe der Baiser Josefstraßy gelegenen, bereits erworbenen Baugründe ein würdiges Gotteshaus;u errichten, das mit Allerhöchster Genehmigung den Ehrennamen „Kaiser Aranz Joses I. Kuldigungs-Jempel" tragen soll. Der gefertigte Bethausverrin geht an diese große Aufgabe iu dem vollen Bewußsein. daß er ein gottgefälliges und menschenfreundliches Werk vollführt, das derFörderung aller Glaubensgenosten würdig ist. Denn mehr als dem Kranken die körperliche Heilung, ist oft dem 'armen Juden, dem fast nichts geblieben ist, als sein Gottesglaube, eine Andachtsstättr; stärkender als manches Heilmittel, das Gebet, aus dein er die Kraft schöpft, schirr alles zu ertragen. Und so richten wir denn an alle unsere begüterten Glaubensgenosten die innige Bitke, dieses im wahrsten Sinne des Wortes wohltätige Werk durch Sprndenbeiträge zu fördern. Der israelitische Bethausverein „Am Volkert" Adolf Schramek, Obmann. Geldsendungen werden erbeten an die Adresse des Obmannes Herrn' Adolf Schrame! II., Novaragasse 21, oder durch die Postsparkasse - (Konto Nr. 56048.) Spendenbeiträge zum Baue des Kaiser Franz Zoseph-Hnldigungstempels. Von: S. M. von Rothschild EL 25.000, Adolf Schrame! 10.000,- Gebrüder Gutmann 4000, Samuel Adler 3000, Friedrich Allina 2000, EI kan Bauer 1000, Dr. Max Landau 1000, Moriz Edlen v. Kuffner- 1000, kais. Rat Leopold Langer 1000, Moriz B. Eißler 1000, k. k. Hosrat S..Ritter von Hahn 1000, Ferdinand Bloch 1000, Brüder Boschan 600, Julius Wois(.500, A. Herrn. Frankl Söhne 500. Alfred Pollitzer 500/ David Allina 500, Betty Spitzer und Bruder 500, Brüder Fischer 500,- Dr. Felix Katzau 500, kaiserl. Rat Leopold Sachs 500, kaiserl. Rat Adolf Weng er 600, Michael Glogau 500, Bardach & Reumann 500, kais. Rar Oskar Berl 600, Carl Lemberger 300, Joses.Bruckner's Söhne. 300, Wilhelm Deutsch 300, Moriz'Waldmann 300, Hermann Ehrenfeld 300, Jakob- Singer 300, Gottlieb Bettelheim 300, Herrn. Bäck 300, Friede Karbach» 300, Ernst Hirsch 300. '

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