Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 21 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 21. ' Oesterr.-ungar. Dürfen alte Synagatzemeladien modern lsarmoniftert merden? Von kaiserlichen Rat Singer, Wien. „Eine müßige Frage" hören wir uns entgegenrnfen und sicherlich neigten auch wir uns dem Gedankeugange dieser Anschauung zu und ließen diesen Artikel ungeschrieben, begegneten wir nicht allenthalben bei unseren zeitgenössischen Synagogen» Komponisten der.wirklich absonderlichen Erscheinung, — ausgesprochen, alte Melodie n, mode r u harmonisiert z u finden. Die Leser der einstigen Kantorenzeitnug erinnern sich vielleicht noch der lebhaften Polemik, die der nunmehr verewigte Herr- Professor Dr. Steinthal anbahnte, in welcher . öffentlich aufgefordert wurde, sämtliche v o r h a n denen, alten S y n a g o g e m e l o d i e n z u s a mmel n; jedoch nach einem wom Schreiber dieser Zeilen dargelegten Warnungsrnfe — u vorder st einen G r a d m e s s e r d a s n r, was alt gen a n n t werden k a u it festsetzen n itj) e r st ans der Basis dieser Fe st st e l l u n g eine S a m m l u n g .von Melodien einznleiten — sich mit ganzem Herzen dieser Anschauung zuneigte. Das künstlerische Ergebnis jenes heiligen <Streites war die Systemisiernng der Synagogentonarten (Steiger) und hiedurch auch die Erbringung des Nachweises, daß die uralten Synagogenmelodien, die ja zumeist in die katholische .'Kirche übergingen, nach einem strenggefügten Jntervallsystem gebaut waren, — dessen Theorie im Laufe der mannigfachen 'Drangsal- und Knechtschaftsjahrhnnderte einfach abhanden gekommen sein mag. Daß jedoch irgend ein Mnsikgesetz obwaltete, ist mit Zuversicht ans gewissen Vorkommnissen zu entnehmen. Wir brauchen nur ans die allgemein bekannte Tatsache hinznweisen, daß noch heute einzelne Texte des altjüdischen Gottesdienstes wie -Binp — Sanctus, mbbn — Halelnja, 12-12 Benedictus, jöK Amen zc. bei dem modernsten christlichen Gottesdienste in Anwendung sind, daß demnach auch die melodische, oder .präziser gesagt, musikalische Gepflogenheit des altjüdischen Gottesdienstes auf die Neugestaltung des jnngchnstlichen Gottesdienstes einen gewissen Einfluß geübt haben müsse. Zur Erhärtung unserer Annahme, daß der Stil der alt- -jüdischen Tempelgesänge und nicht etwa der dazumal blühende griechisch-heidnische Mnsikstil, auch für den Charakter des nenchristlichen Kirchenstiles von hervorragendem Einfluß gewesen sein mußte, gestatten wir uns nur, noch eines, zur Klärung der Angelegenheit, bedeutsamen Erlasses Clemens von Alexandrien -(190 nach Chr.) zu erwähne», welcher ausdrücklich besagt, bei Neugestaltung des jnngchristlichen Gottesdienstes die Musikinstrumente Kithara, Trompete, Psalter und Harfe, als im damaligen Jndentnme allgemeine übliche, religiöse Instrumente;gtt verwenden; jedoch Pfeifen und Flöten als ausschließlich heidnische Tempelinstrumcnte zu verwerfen seien. Nun denn! wenn schon von der Uebernahme ausschließlich heidnischer Te mp el i n st r n m en t e in den Gottesdienst der jnngchristliche Kirche gewarnt wird, um wie viel eher dürfte daher ein Perhorreszieren des in den heidnischen Tempeln eingeführten Gesangstiles angenommen werden. Wir sind in der 'Lage, Hunderte von Anführungen für diese unsere Annahme zu erbringen; da wir jedoch an dieser Stelle keine Geschichte des -Kirchengesanges zu schreiben gedenken, so begnügen wir uns, diejenigen, die sich für den Stoff interessieren, ans die einschlägigen Anordnungen des Bischof Ignatius von Alexandrien. des Diakonns Ephraemn zu Edessa, hauptsächlich jedoch, auf die für uns Inden überaus wertvollen, den Gegenstand behandelnden, Mitteilungen des jüdischen Schriftstellers Philo zu verweisen. Ans diesen wie aus ähnlichen historischen Nachrichten ist. erschöpfend zu ersehen, daß in den allerersten christlichen Kirchen jüdische Sängesart gepflegt wurde, die bei der Weiterentwickelung der Kirchentonarten zumindest als Kunstbasis gedient haben müsse. Allein, verlassen wir diesen, jedem denkenden Musiker ^plausiblen Standpunkt, der uns etwa als einseitiger Lieblings- Standpunkt angeschmeichelt werden könnte, und verfügen wir uns für einen Moment in das Lager derjenigen, die da be- Kantoren-Zeitnng_Seite 11. hanpten, die späteren Kirchentonarten seien nicht die natürlichen Kinder der altjüdischen Mutterreligion, sondern entstammen dem heidnischen Boden des Griechentums, allwo doch bekanntlich Musik und Gesang, beziehungsweise deren theoretische Pflege schon im grauesten Altermme in hellster Blüte stand. ' Von diesem Gesichtspunkte ans können wir zuversichtlicher auf die geradezu mächtige Wandlung Hinweisen, die die Musikknuft seit dem Beginne der Kirchentonarten durch die vielen Jahrhunderte, unter Mitbetätigung allererster Knnstgrößen, wie Bischof Ambrosius (374—897); Papst Gregor I. (570); Hncbald (840 bis —480) rc. bis hinauf zu Joh. Seb. Bach nnd G. F. Händel (1685) bis zur Knnstepoche Mozarts, Beethovens rc., genommen. Wer sich eines Eingehenden hierüber belehren lassen will, der möge die einschlägigen Werke ans Cassiodor, Remigius bis Guido von Arezzo. Glarian rc. zu Rate ziehen, und er wird alsbald zur Einsicht gelangen, daß die leichtfertige Einverleibung eines leiterfremden Intervalls in diese oder jene Tonart zu jahrzehntelangen, heißen Kämpfen anerkannter Kunstgrößeu führte, ja daß mit Hintansetzung persönlicher und verwaudschaftlicher Beziehungen gekämpft wurde, bis endgiltig festgestellt werden konnte, welches Intervall zulässig und welches zu eliminieren sei. Wären die damaligen, maßgebenden Persönlichkeiten, namentlich die bedeutendsten Kirchenkomponisten des 16. Jahrhunderts, ebenso gleichmütig einer beliebigen Intervall-Einverleibung gegenüber gestanden, wie es leider bei so vielen, unserer zeitgenössischen Synagogenkomponisten konstatiert werden muß — wer weiß, ob der Aufschwung der allgemeinen Musik jene erhabene Stufe erreicht hätte, wie es bis in die Gegenwart hinein tatsächlich der Fall ist. Die seinerzeitigen Kirchenkomponisten hatten ja gleichfalls das Bestreben nach Mannigfaltigkeit, erachteten es jedoch als allererste künstlerische Errungenschaft stilrein zu bleiben. So schuf der geniale Heinrich Schütz (geb. 1585) zu dem Psalmliede „Allein Gott in der Höh' sei Ehr", 44 verschiedenen Kompositionen, u. zw. 5 nach der dorischen, 10 nach der hypodorischen, 2 nach der phrygischen, 6 nach der mixolydischen, 11 nach der aeolischen. 7 nach der jonischen, und 3 nach der hypojonischen Skala, sämtliche Kompositionen streng nach der fixierten Tonart gearbeitet, ohne nur einen, nicht zur Skala gehörigen Ton in Anwendung zu bringen. Man nannte und nennt noch heute jene Zeit mit Achselzucken die „Zopfperiode", nun denn! sei es auch so, wir begrüßen die Schöpfungen jener Meister als entschiedene Uebergangsperiode zu den späteren Cantatennnd Oratorien- Schöpfnngen unserer großen Oratorienkomponisten Händel. Bach, Haydn u. A. Allein auch das Judentum mtb namentlich die Chasanim jener Zeit beteiligten sich mit ganzem Herzen an der Mnsikeutwicklung jener bemerkenswerten Epoche. In ihrer znm Himmel hinauf gellenden Bedrängnis und Zitrückgedrängtheit lauschten sie diesen, ans dem Alltagsleben bis in das Ghetto hineinschallenden tonlichen Wandlungen jener Tage nnd machten dieselben mit Feinsinn und künstlerischem Geschmack für ihren Synagogengesaug dienstbar. Ja wohl! Die braven Chasanim jener Periode sangen in den Synagogen allenthalben n a ch K i r ch e n t 0 n a r t e n; denn, wie wir bereits wiederholt nachgewiesen, war der Mvgeu-owans Steiger aeolischen nnd der Adonaj-rnolocIi-Steiger mixolidischen Gepräges; oder sollte etwa auch hier der Kirchengesang von dem, jedenfalls älteren Synagogengesaug entlehnt haben? Sei dem, wie es sei, soviel kann mit Seelenruhe konstatiert. werden, daß unsere altvorderen 2'nn des 16. und 17. Jahrhunderts itud selbst später, es als bedeutungsvolle Errungenschaft erachteten, „woil" zu singen. Dieses „Woilsingen" gipfelte unter anderem in dem geradezu ängstlichen Bestreben, bei ihren gesanglichen Vorführungen dem Beispiele der Kirchenkomponisten entsprechend, ausschließlich leitereigen d. h. dem jeweiligen Steiger entsprechende Intervalle zu verwenden und es geradezu als Sacrilegmm erachteten, durch leiterfremde (st'eigerfremde) Intervalle, den Stil zu verunglimpfen. (Schluß folgt.)