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Die Wahrheit · 1911-06-02 · Heft 21 (2.6.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 21 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 21. Die Wahrheit Ich bin kein Gegner der gerade jetzt jubilierenden Hriedensberta und will dem männermordeuden Krieg kein zweiter Tyrtäos Lieder singen, „aber auch der Krieg hat seine Ehre" singt der Chor in der Braut von Messina. Man bedenke doch, dag ohne die ägyptische Unterdrückung vkein Moses, ja kein jüdischer Staat und jüdisches Volk möglich gewesen wären. Ohne die fortgesetzten Judenverfolgungen fehlten avohl im Buch der Geschichte die meisten der blutigsten Blätter, über auch jene, auf denen derselben Inden Opfermut, Geduld diesen Verfolgungen gegenüber, deren fromme Gottergebenheit verzeichnet stehn. Möge dies historische Bewußtsein auch bei dem .gegenwärtigen Ansteigen der antisemitischen Flut uns trösten. Vielleicht führt gerade sie zum Zusammenschluß der gelockerten .'disparaten Elemente und richtet jo einen Damm auf gegen die drohende Gefahr. 8. Vineta. Heim für mchettbare Kranke. Die Pester Chewra Kadischa übt seit Jahrzehnten die schönste Wohlthätigkeit: sie unterstützt verschämte Arme, gibt denselben 'Arbeitsmittel und Arbeitsgelegenheit und pflegt Kranke und Sieche. Während dieser Liebesarbeit wurden die Leiter der -Chewra gewahr, daß die wahrhaft Enterbten der menschlichen -Gesellschaft, die unheilbaren Kranken, in Ungarn nirgends entsprechende Unterkunft finden können. Die Spitäler können und dürfen dieselben mcht ansnehmen, in den Privathänsern kann man dieselben oft nicht halten, so daß diese armen Kranken neben ihren furchtbaren physischen Leiden schwer zu sorgen haben, wohin sie endlich einmal sorgenlos ihr allznmüdes Haupt . legen können. Als vor einigen Jahren einige krasse Fälle zur Kenntnis des Präsidiums der Chewra gelangten, faßte das Präsidium den Entschluß, ein Heim für diese Kranken zu schaffen. Mit besonderem Eifer widmete sich der raschen Verwirklichung dieser Idee Generalrat Alexander von Deutsch, der der Leiter des Baukomitees wurde und seine hervorragenden Verbindungen dazu benützte, um das Interesse für dieses zu schaffende Institut in weiten Kreisen wachzurnfen. Seiner emsigen Tätigkeit ist es .zu danken, daß die Chewra recht bald den Bau des Heimes für unheilbare Krailken beginnen konnte. Als ob Herr von 'Deutsch gefühlt hätte, daß er die Verwirklichung seiner 'Äieblingsidee mit aller Kraft beschleunigen muß, so fieberhaft betrieb er den Bau. Leider war es ihm nicht vergönnt, das Heim - fertig zu sehen, denn er wurde mitten in der Arbeit dahingerafft, .doch wird das Heim der unheilbaren Kranken stets ein Merkstein auch seiner wahren Menschenliebe bleiben. Nach dem Tode des Herrn von Deutsch übernahm das Präsidium des Bankomitees Herr Gustav G. Ehrlich, der sich ebenfalls mit viel Liebe der großen Arbeit widmete. Nun ist das Heim fertig' Architekt Bäla Lajta hat hier ein wahres Kunstwerk geschaffen. Im Heim können 184 Kranke untergebracht werden,- welche von den durch die Chewra herangebildeten Krankenschwestern gepflegt werden. Dieses Heim für unheilbare Kranke wurde am 21. Mai feierlich eingeweiht. Bei der Feier sind sämtliche Funktionäre der Gemeinde und der Chewra erschienen, ferner ließen sich zahlreiche Gemeinden und Wohltätigkeitsanstalten vertreten. Anwesend waren unter Anderen: F. M. L.. Eduard von Schweitzer, .-Oberst Her sch, der Präsident der Gemeinde Hofrat Weinm a n n, der Vizepräsident Ludwig Adle r, Reichsratabgeordueter Dr. Vaz s o n y i, Magistratsrat Dr. Franz D e r i, Manfred von Weiß, Baron Bela Dirstay. Baron Moritz H e r c z o g, .Hofrat Dr. Adolf Kohuer, Univ.-Professor Dr. B a r o n, der Rektor des Rabbinerseminars Dr. Bacher rc. Der verdienstvolle Präsident der Chewra, Hofrat Julius W i nt e r b e r g eröffnete die Festversammlnng, worauf Gustav G. Ehrlich die Eröffnungsrede hielt. Nachdem er die Gäste begrüßt hat, sagte er beiläufig das Folgende: Vorige Woche fand in der Redoute eine Versammlung -statt, in der nufere Konfession beschimpft wurde. Unsere würdige 'Antwort auf die Beschimpfung ist: Kommet her und lernt die jüdische Konfession kennen. Die Grundlage derselben ist die Nächstenliebe. Wir fragen Niemanden, welchem Glauben er angehört, wir helfen Jedem, wir nehmen uns eines jeden Hilfsbedürftigen an, mag er welcher Konfession immer angeboren. Zum Schluffe sprach der Redner dem Architekten Bsla Lajta. für dieses monumentale Werk, sowie dem Präsidenten des Heiligen Vereins Hofrat Julius W i u t e r b e r g nnd dem Sekretär Dr. Franz Mezey für deren Bemühungen um das Zustandekommen der Institution seinen wärmsten Dank ans. Sodann hielt Präsident Hofrat Winterberg eine hochpoetische Rede, deren reicher Gedankengang alle Anwesenden mächtig ergriffen hat. Die Rede lautete: Der noch auf Trümmern Zukunft profezeite, s o sprach zu uns Jeremias, der Alte: Es rühme sich der Mensch nicht seiner Weisheit, nicht seines Glück's, noch weniger des Besitzes, denn all dies wird im Vorhinein bestimmt, nur Eines rühme er sich, wenn zwischen gut und böse er richtig wählt, denn diese Wahl gab Gott der Herr ihm frei und diese Wahl entscheidet sein Geschick. Gab ihm die Wahl frei, daß er aufstrebend sich immer erhöhe und fristet dazu dem Erdgebundenen gnädig die eilende Stunde, legt in die Brust ihm das Herz nnd die mitempfindende Seele, daß er des Lebens sich freue, doch nimmer des Elends vergesse. Und Elend gibt es, da muß ein Herz mit aufschlnchzen, oder es ist von Erz und die Seele ein kantiger Leichenftein, darauf in rostigen Lettern zu lesen: Weh Jedem, dessen Angedenken mit ihm zugleich sinkt in die Gruft und weh der kalten Grabesruhe, die an des Lebens warme Unrast nicht hundert Liebesfesseln binden, daß die Erinnerung, wie ein holdes Echo, znrücktönt aus dem Land des ewigen Schweigens, um stets von Neuem nnfzuklingen. wenn Mitleid und tiefinnerer Seelenzng dem Allerbarmer Weihstätten gründen, wie diese eine ist, auf der wir stehen. So haben wir denn dieses Hans gebaut, zum Ruhme Gottes, znm Heil der Menschheit, im milden Sinne der erhabenen Dignität der Chewra Kadischa. Znm Ruhme Gottes! — Geschrieben steht, es hat der Herr das Menschenkind nach seinem Bild geschaffen, kein Kult demnach so heilig, hoch und her, so menschenwürdig und so gottgefällig, gleich d e nt, die in den Staub gestürzten Bilder empor zu heben, sie zu stützen und frisch dem Dasein wieder einzureihen. Znm Heil der Menschheit! — Denn es soll dies Haus die letzte Zuflucht für schwer getroffene Lebensinvaliden sein, für Heimgesttchte, denen kein Hoffen winkr, kein Stern blinkt; an uns ist es ein tröstendes Asyl zil bauen, licht, warm und traulich, daß sie bald inne werden, wie zärtlich Brudersorge hier gewaltet und Nächstenliebe für sie tätig war. — Und wenn des Hauses schöne Ausgestaltung weit über die kahlfrostige Notwendigkeit nnd über den öden Druck trübseliger Krankenstuben hinaus gedieh, tat dies nicht eitle unbedachte Laune, gelenkt hat uns die wohlerwogene Einsicht, daß nur ein lachend anmutendes Heim solch hart Geprüften, solch ganz nnd gar Enterbten des Geschickes, die alles Andere sonst entbehren müssen, gastfreundlich Schutz und Ruhe bieten kann. Denil dieses unabsehbar große Heer des Jammers ist waffenlos und preisgegeben, wird wie ein morsches Wrack im Lebensstnrm herum getrieben linb muß zu Grunde gehen, wenn es zur Zeit den Hafen nicht erreicht, um endlich auch am eigenen Herd zu sitzen, wo ihm ein immerwährend Feuer brennt, das Innerste der Seele zu erwärmen. Was draußen sonst der frohen Menge das bunte Leben bringt an Lust und Freude, was ihr an heiterem Genießen die muntere Stunde bietet. — für diese trübe Schaar sinkt es in graile Nebel; für sie kein Trost im Zeitenwechsel, sie siechen hin im Dunkel der Entsagung; für sie lacht kein Lenz, blaut kein Himmel, kein Traum von kommendem Glücke; kein Sonnenstrahl dringt in ihr Herz nnd umspielt es mit goldenen Bildern von Wiedergenesnug, von endlicher Rückkehr ins wogende Leben, hier bleibt ihm die Sendung versagt, gefolterte Seelen vom Banne der Schwermut zu lösen, ihr Lebensweg führt ins Dürre, in welkendes Laub, m Vernichtung, nur Eines noch kann sich

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