Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 21 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 21. „Der Dreißigjährige Krieg," sagte er, „hat Deutschland auf dem Wege der Zivilisation um hundert Jahre znrückgeworfln. Jetzt sind wir mit Euch nahezu auf einem Niveau. Wo wären wir, wenn wir statt des Dreißigjährigen Krieges dreißig Jahre Frieden gehabt hätten? Solange ich im Rate Europas eine kontrollierende Stimme habe, soll zu meinen Lebzeiten kein Schuß abgefeuert und kein Schwert gezogen werden." Er ist ein Schüler von Thomas Early le. dessen Studie über Friedrich, den Großen eines der größten Bildungselemente für den deutschen Kaiser gewesen ist. Auch in Gesprächen über K n n st betonte der Kaiser, daß die Deutschen noch manches nachzuholen haben. Einen alten Leuchter des berühmten englischen Architekten und Dekorations- Künstlers Adam emporhebend, sagte er: „So etwas haben wir noch nicht zustande gebracht. Der Dreißigjährige Krieg hat uns zurnckgeworfen, aber wir werden euch jetzt einholen." Soweit die Aeußernngen des Kaisers. Bevor darauf eingegangen wird, sei es gestattet einige einleitende Bemerkungen vorauszuschicken. Wir sagen noch immer: „Die Sonne geht auf", „sie gehl unter", obwohl wir wissen, daß sie ein Fixstern ist und unserer Erde gegenüber den Standpunkt nicht verändert. Die Würdigung der spezifischen Bewegung des Leben und Wärme spendenden Gestirnes und ihres gesamten Systems gehört als irrelevant nicht hierher. — Wir denken und sprechen also noch dergestalt, wie die lange Reihe unserer Altvordern; die geozentrische Theorie behauptet im gewöhnlichen Leben siegreich ihren vorkoperuikanischeu Rang. Die heliozentrische Lehre kommt nur in den seltenen Fällen zur Geltung, in denen man sich mit Astronomie beschäftigt. > Auch die kolossale umstürzende Steigerung unserer astrovhysischen Kenntnisse, das bis zum höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit reichende Analogon, die beinahe bis zur Gewißheit emporgehobene Tatsache des Erfülltseins zahlloser Welten mit organischen und intelligenten Lebewesen gleich uns, oder intelligenteren: sie vermögen die heutigen Gläubigen nicht. im Mindesten in ihrer traditionell-religiösen Anschauungsweise zu stören. Der Andächtige wendet sich in Bedrängnis und Fährnissen nach wie vor an Gott und fleht wie der königliche Psalmist um dessen Beistand — unbekümmert darum, daß der Kreis der Schutz- und Pflegeheischenden nicht nur Menschen, sondern Myriaden von wer weiß was für gestalteten Geschöpfen umschließt. Im Grunde ist dies auch nicht notwendig, denn ein unendliches Wesen kann nach Spinoza auf unendliche Art sich betätigen. Die Omnipotenz bewältigt ohne Schwierigkeit auch mehr, als mau bishin vorausgesetzt. Wir denken also in naiver Weise noch immer anthropozentrisch und egozentrisch, ja sind zum Teil sogar berechtigt dazu; können wir doch niemals ans dem Bannkreis unserer Subjektivität, aus unserer Haut hinaus. Wo und wie uns Geburt. Zufall und Erziehung wachsen ließ, da wurzeln wir mit allen Fasern, wie die Pflanzen. Sucht mau uns in fremden Geisteszonen einheimisch zu machen, soakklimatisieren wir uns wohl oder übel, behalten aber den Grundzug unseres Wesens bei. Diese dem Menschen innewohnende Neigung sich selbst und sein kleines Ich in den Mittelpunkt des Weltalls zu setzen und fernerhin von seiner Religion, Abstammung, politischen Glaubensbekenntnis nicht loskommeu zu können, könnte man am besten und anschaulichsten mit dem Tun der Spinne vergleichen. Dieses möchte ich — fürchtete ich nicht der Sprache Gewalt anzutun — so recht arachneozentrisch nennen. Die entlegensten Punkte verbindet die Spinne mit ihren Fäden, unverdrossen webt sie sie aufs Neue, wenn sie zerstört werden und die Kreuzspinne, stellt ihr Gespinnst nicht ein kunstvolles Gebilde von konzentrischen Ringen dar, in dessen Mittelpunkt ihr Standplatz sich befindet? Man merkt nun, wo 'ich hinaus will. Sollte indes jemand mein Gleichnis zu Tode hetzen und etwa bemerken: „Sieh einer diese jüdische Kreuzspinne! Statt ruhig in ihrem Judäozeutrnm zu sitzen und sich an der Beute zu delektieren, die ihr ins Netz fällt, verläßt sie dasselbe und spinnt Fäden in töricht weite Fernen". „Die Worte des Kaisers liegen doch außerhalb aller Spinnennetze und haben mit hem Judentum nichts gemein". ' „Unmittelbar wohl nicht" müßte ich da antworten, „aber ich würde dir spinnefeind werden, du Spinnenfeind, wenn Du Dich vor der Tatsache verschlössest, daß auch ein Windhauch, ein fremder Körper, also nicht immer ein Insekt das Netz in Schwingung versetzen , kann, Allerdings! Judentum und die oben wiedergegebenen Kaiserworte sind toto generis verschiedene Dinge; aber hast Du noch nie der tiefen Wahrheit nachgesonnen, daß alle Dinge dieser Welt miteinander verwandt sind?" Sind die Auslassungen des Kaisers von allgemeiner Geltung, so kann mau leicht die Probe auf deren Richtigkeit machen, denn die gegebene Größe „Deutschland" muß sich in diesem Falle durch jede andere substituieren lassen; versuchen wirs also ob sich kein Widerspruch ergibt bei folgender Statuierung!: Der zweitausend Jahre und länger dauernde ununterbrochene Kriegszustand, in dem das Judentum sich befindet, die blutigen Verfolgungen, denen es noch jetzt ansgesetzt, die Parsorzejagden, mit denen es gehetzt wurde, haben es um Jahrhunderte zurückgeworfen. Wo wären wir. wenn wir statt des mehrtausendjährigen Krieges einen eben so langen Frieden gehabt hätten? Nun zweifellos! Wir wären ein Uebervolk, jeder einzelne Jude ein Napoleon und Cromwell und alle Nichtjuden Vasallen geworden. Alle anderen Nationen, unsere sogenannten Wirtsvölker, hätten ja dann nur ans gesundem Instinkt und Selbsterhaltungstrieb uns, die Parasiten, nach Möglichkeit drangsaliert, damit wir nicht aus ihren Knechten zu ihren Herren würden. Mich dünkt, diese Ungeheuerlichkeit und fratzenhafte Verzerrung des Natürlichen genügen. Kaiser Wilhelm ad absurdum zu führen. Carlyle ist gewiß einer der Größten der Weltliteratur, aber Einseitigkeit in der Lektüre rächt sich. Der Philosoph Hegel hat von seiner einstigen — man kann ruhig sagen —europäischen Wertschätzung noch lange nicht soviel eingebüßt, als daß es verzeihlich erschiene an Sätzen, wie den folgenden achtlos vorüberzugehu, an Sätzen, die in Berlin gesprochen wurden, und zwar gerade über die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges und dessen Einfluß auf Preußen und Friedrich den Großen. Der Prophet Hegel galt bei seinem Leben sowohl im Vaterlande, als in der Welt, soll er nach seinem Tode nicht einmal im Vaterlande gelten? Der Dreißigjährige Krieg hatte freilich Jammer im Gefolge, besitzt jedoch auch kulturelle Bedeutung. Frankreich kann den Ruhm für sich beanspruchen, dem Kontinent politische Freiheit gebracht zu haben. Worauf könnte sich Deutschland berufen, wenn nicht wenigstens auf die kirchliche Revolution? . Soviel steht auf alle Fälle fest, ein protestantischer König von Preußen und Verehrer Friedrichs des Großen darf nie und nimmer im Dreißigjährigen Krieg nur das Ueble allein erblkcken, da er vielleicht diesem allein es verdankt, stolz von einer kontrollierenden Stimme im Aeropag Europas sprechen zu können. Von Hegel sei einiges zitiert: „Durch den Westfälischen Frieden ist die protestantische Kirche als eine selbstständige anerkannt worden zur ungeheuren Schmach und Demütigung für die katholische." „Weiter aber und später hat die protestantische Kirche ihre politische Garantie darin vollendet, daß einer der ihr ungehörigen Staaten sich zu einer selbstständigen europäischen Macht erhoben. Diese Macht mußte mit dem Protestantismus neu entstehn: es ist Preußen, das am Ende des 17. Jahrhunderts anftretend in Friedrich dem Großen sein, wenn auch nicht begründendes, doch fest und sicherstellendes Individuum und im Siebenjährigen Krieg den Kampf dieser Fest- und Sicherstellung gefunden hat. Zwar war der Siebenjährige Krieg kein Religionskrieg, aber er war es dennoch in seinem definitiven Ausgange, in der Gesinnung der. Soldaten sowohl, als der Mächte. Der Papst konsekrierte den Degen des Feldmarschalls D a ii u und der Hauptgegenstand der koalitionierten Mächte war, den preußischen Staat als Schutz der protestantischen Kirche zu unterdrücken." '