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Die Wahrheit · 1911-06-02 · Heft 21 (2.6.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 21 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 21. ivesen ist. Eine Bestätigung findet man in dem reizvollen Buch, das sein langjähriger Kabinettssekretär Freiherr Hermann von Egloffstem dem Andenken seines verstorbenen Herrn gewidmet hat. („Im Dienste des Großherzogs Carl Alexander", Berlin 1911). Dort heißt es aus Seite 70: „Jede Engherzigkeit war ihm verhaßt. So widerstrebte zum Beispiel nichts seiner ganzen Natur mehr, als der Antisemitismus. Seine Abneigung dagegen habe ich ihn öfters mit aller Entschiedenheit aussprechen hören." Erfreulicherweise ist es dem Großherzog Carl Alexander erspart geblieben, zu erleben, daß die Hauptstadt seines Landes im Reichstag antisemitisch vertreten ist und daß in dem von ihm -so geliebten Eisenach die Agitation des Herrn Schack und seiner Anhänger Eingang gefunden hat. Hoffentlich wird die Bevölkerung Weimars bei den nächsten Reichstagswahlen im Sinne ihres Heimgegangenen Landesherrn endgültig dem Antisemitismus den Laufpaß geben. * * * Um die Anschauungen des ersten deutschen Kaisers betreffs Verwendung der Juden im Staatsdienst zu charakterisieren, bringt der „Solinger Staatsanzeiger" folgende Reminiszenz: Wenit wir recht berichtet sind, war es im Jahre 1861, als das Staatsministerinm den. Auftrag erhielt, dem König Wilhelm I. durch ein Gesamtvotnm seine Stellung zur Frage der Anstellungsfähigkeit der Juden im Staatsdienst zu präzisieren. Damit war scheinbar das .Schlußstadium langjähriger Verhandlungen erreicht. Die Beratungen hatten sich nicht auf schriftliche Expektorationen beschränkt. Illach damaliger Sitte, die zwar nie ganz aufgehört hat, unter und seit Bismarck begreiflicherweise stark außer Hebung kam, hatte auch der König an diesen Sitzungen teilgenommen und so ein unmittelbares Interesse für die Frage gewonnen. Seiner persönlichen Initiative entsprach cher Wunsch,, die Angelegenheit zu einem würdigen Abschluß gebracht zu sehen. Das Votum des Staatsministeriums fiel, wie zit erwarten, im negativen Sinne, das heißt,- gegen die Anstellbarkeit der Inden aus. Obgleich — oder soll man auch hier sagen — weil damals sogenannte ..liberale" Minister am Ruder waren! Aber nun geschah das Wunderbare. Der König war mit diesem Beschluß nicht einverstanden. Er schickte ihn unter Darlegung seiner Bedenken an das Staatsministerium zurück und verlangte eine nochmalige Prüfung der Angelegenheit. Dazu ist es daun anscheinend nicht mehr gekommen. Infolge der immer schärfer gewordenen innerpolitischen Verhältnisse wurde die Aufmerksamkeit der Minister auf andere Gebiete gedrängt. Bald darauf verschwanden diese Herren ganz, um einem Größeren Platz zn machen, der für die theoretische Erörterung solcher Fragen nicht zu haben war. Durch die Ereignisse von 1866 und 1870 scheint dann das Interesse für das Problem völlig erloschen zu sein. Man glaubte wohl auch, einer Entscheidung ganz aus dem Wege gehen zu können, um für jeden einzelnen Fall freie Hand zu haben, was sich jedenfalls im Sinne der Regierung bis heute glänzend bewährt hat. Seitdem sind die Ministerialakten über die Anstellung der Juden im Staatsdienst in ihrem Schlummer nicht gestört worden. Es ist eine stattliche Reihe dickleibiger Bände im Justizministerium, dem naturgemäß die Führung in der Bearbeitung dieser Frage zustel. Denn damals wie heute, handelte es sich darum, den Ausschluß der jüdischen Staatsbürger von allen oder einzelnen Staatsämtern mit dem Wortlaut und dem Geist der Verfassung in Einklang zn bringen. In diesen Akten des Justizministeriums wartet reiche und lohnende Arbeit auf den Historiographen preußischer Verwaltnngsmaximen. Welcheit Dank könnte sich der Ministerpräsident verdienen, wenn er das gesamte Material zur Benutzung für einen sachverständigen Forscher freigäbe! Für ihn hätte solche Erlaubnis auch noch ein persönliches Interesse. Sein Großvater, Herr v. Bethmann Hollweg, hat als Kultusminister gleichfalls sein Votum abgegeben. Es darf hier nicht verraten werden, ob der Ahne des fünften Reichskanzlers eine von der Mehrheit feiner Kollegen abweichende Ansicht, deponiert hat. Aber wie man auch im Lichte moderner Weltanschauung über die Neinsager von damals urteilen mag, eines muß anerkannt werden: daß sie ihre Ansichten in der abgeklärtesten Form, mit dem Bestreben, die Materie nach allen Seiten mit Gründlichkeit und Vertiefung zn erörtern, abgegeben haben. In dieser Beziehung könnten viele Regierenden von heute, die sich mit den in Parlamenten über die staatsrechtliche Aehandlnng der Juden an sie ergehenden Anfragen auf ihre Art abzufinden suchen, von ihren Amtsvorgängern recht viel lernen. Wir alle aber haben den berechtigten Wunsch, urkundlich festgestellt zu sehen, daß ein wegen seiner Weisheit allverehrter Monarch auch in dieser, vor ihrer vollständigen Lösung nie zur Ruhe kommenden Frage mit herzerfreuender Unbefangenheit seinen eigenen Standpunkt eingenommen hat. Wilhelm 1. war gewiß durch und durch konservativ und ein Mann von streng christlicher Gesinnung. Aber gerade darum ging ihm Gerechtigkeit über alles. * * Unter dem Titel: „Die Wahrheit über die fremden E i n w a u d e r e r" ist in London eine Schrift erschienen, die interessantes Material über den Einfluß der jüdischen Einwanderer in die Entwicklung der englischen Städte enthält. Ans Grund anthennscher Ziffern weist die Broschüre nach, daß die jüdischen Einwanderer stets ein Segen für diejenigen Plätze waren, auf denen sie sich niederließen. In dem alten Armenviertel von London, wo die eingewanderten Juden zumeist ihr neues Heim aufschlngen. wurden im Verlaufe von wenigen Jahren über eine Million Pfund Sterling für Neubauten von Wohnhäusern und Fabriken für neue, durch die jüdischeii Einwanderer ins Leben geriifene Jndnstrien ausgegeben. Was den eingewanderteu Juden als Bürger betrifft, so weist die Broschüre nach, daß diese in kürzester Zeit ausgezeichnete, verläßliche englische Bürger werden. Im englischen Heere und in der Marine dienen gegenwärtig 1700 Inden, darunrer 152 Offiziere, von denen zumindest dreiviertel „Fremde" oder Nachkommen von „Fremden" sind. * * * Die Ritnalmordinterpellatton in der russischen Duma und die Hetze, die aus diesem Anlässe seitens der russischen Antisemiten gegen die Juden in Kiew veranstaltet wurde, bringt einen Erlaß gegen die Blntlüge in Erinnerung, beit ein Vorfahr des jetzigen Czaren publizierte und der folgenden Wortlaut hat: „Hinsichtlich der Anklagen, die gegen die Juden erhoben werden, welche in den Gouvernements wohnen, die von Polen an Rußland übergingen, wonach dieselben Christenkinder morden, um sich ihres Blutes zn bedienen, befiehlt Se. Majestät: Mir Rücksicht darauf, daß solche Anklagen schon früher wiederholt durch kaiserliche Schriftgelehrte und ehrliche Nachforschungen widerlegt wurden, sei allen Gouverneuren der Wille des Kaisers knndgetan, daß von heute ab kein Jude ohne gründliche Beweise bloß auf ein Vorurteil hin, des Christeumordes öffentlich beschuldigt werde. Sollte es jedoch einmal Vorkommen, daß ein Jude des Mordes an einem Christen angeklagt wird, so hat die Untersuchung auf gesetzlichen Grundlagen, so wie es gegen jeden anderen Menschen geschehen würde, der nicht dem jüdischen Glauben angehört, und eines Mordes angeklagt wird, geführt zu werden." Leider ist dieser Erlaß vom 10. Oktober 1817 datiert und von Alexander I. unterzeichnet. Heute, da solche Kaiserworte erst recht am Platze wären, ist man in Rußland über solche Sentimentalitäten längst hinaus ... Gespräche Kaiser Wilhelms mit einem englischen Künstler. Die folgenden Zeilen sind durch ein „Telegramm der Neuen Freien Presse" aus London vom 17. Mai augeregt worden, dem wir einige Stellen entnehmen: „Everybodys Weekly" veröffentlicht angebliche Aenßeru ngen Kaiser Wilhelms, die dieser gegenüber einem Engländer, der die; Innendekoration der kaiserlichen Jacht besorgt hat, getan haben soll. An der Spitze steht ein leidenschaftliches Fr i. e de it s b e k e n utnis des Kaisers:

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