Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 21 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 21. Die Wahrheit haben vo lks weise aus den gleichfalls v o lk s w eis e zn v erre chnend en Abgabenleistungen, also ausschließlich nach den: Größenverhältuisse der letzteren, von den einzelnen Völkern selbst.gesondert, bestritten zu werden." Unter den „besonderen Wiener Fragen" dieser „Leitsätze" ist besonders folgendes bemerkenswert: „13. In jeglichen definitiven oder provisorischen Dienst der Stadt Wien dürfen nur deutsche Volks z u gehörige aufgenouunen werden, sowie nur an solche irgend welche städtische Lieferungen vergeben werden können." „Bei den für die Stadt geschehenden Arbeitsvergebungen ist auch die Bedingung zn unterschreiben und unter Kontrolle zu stellen, daß zur Durchführung der übernommenen Arbeiten durchwegs nur deutsche Arbeiter, beziehungsweise A nge stellte verwendet werden." Ich sandte damals, noch rechtzeitig eine Aufilärung und Warnung für die jüdischen Wähler- Währings an die „Oesterreichische Wochenschrift" vergebens ein. Durch den Ansgang dieser Wahl, in welcher der sozialdemokratische Wahlwerber die doppelte Stimmenanzahl (über 3000) erhielt als sein antiklerikaler Gegenkandidat Dr. Waber, bewogen, ließ ich die erwähnte Tatsache auf sich beruhen. Heute bilden aber meines Wissens für die Frage,, wer in diesem Wahlbezirke in die Stichwahl kommt, die jüdischen Wähler das Z'ü n g l e i n an de r W a g e. Ich besuchte daher am 23. Mai eine Wählerversannnlung in Währing (XVIII., Kutschkergasse 44), in welcher auch der Mandatswerber des 30. Wahlbezirkes Dr. Pollauf anwesend war und beide Kandidaten ihre Wahlrede hielten. Am Schluffe nahm.ich das Wort zu folgender Interpellation: „Ich ersuche den Herrn Dr. Waber, den ich seit dem Jahre 1907 kenne, mir möglichst kurz und präzise folgende Fragen zn beantworten: Steht er heute noch ans seinem Standpunkt vom Jahre 1907, was ich zu bezweifeln Grund habe, weil Herr Dr. Waber heute erklärt, im Falle der -Wahl sofort dem deutschnationalen Verbände b.e i z u t r e t e n, dessen erste Tat im Jahre 1907 bekanntlich die Boykottierung dreier jüdischer oder freisinniger Wiener Abgeordneten aus antisemitischen Gründe u war und m i t D r. Po l l a u f e i n e s -S i n n e s zu sein? - Unterschreibt er gewisse Leitsätze des deutsch-wirtschaftlichen Vereines, in denen die rechtliche und wirtschaftliche Boykottierung der jüdischen Staatsbürger gepredigt wird?" Dr. Waber wand sich in seiner nichtssagenden, weitschweifigen Antwort um meine Fragen herum und ging ans meine letzte Frage gar nicht ein. Er ist Antisemit und wünscht trotzdem die jüdischen Stimmen. Ich konstatiere, daß diese Tatsache mit Ausnahme einer kurzen Notiz in der Arbeiter- Zeitung vom 25. Mai 1911, alle anderen Tag.esblätter t o d 1 g es ch w i e g e n. Ich erwarte, daß diese meine Warnung in Ihrem Blatte Aufnahme finde, da es die Tendenz Ihres Blattes doch nicht znläßt, ruhig znzusehen, wie die Juden ihre größten Feinde selbst wählen. Um möglichen Verleumdungen vorznbengen, erkläre ich zugleich, daß ich ans dieser Betätigung meiner Staatsbürgerrechte keinerlei Vorteil habe, sondern daß mich nur mein jüdisches Solidaritätsgefühl zu diesem immerhin nicht ungefährlichen Unternehmen bewog. Es ist wohl klar, daß jeder Jude Währings unter den heutigen Verhältnissen rot wählen muß, will er nicht an kommenden russischen Zuständen mitschuldig werden, denn Christlich- Soziale und Deutschnationale werden sich im Jndeufresfeu überbieten müsseii. Aus der Woche. Betreffs der am 4. Juni stattfindenden Wahl des Zentral- Komitee der „Alliance Ist aelite Universelle" werden wir um Ausnahme folgender Berichtigung ersucht: In verschiedenen jüdischen Zeitungen ist berichtet worden, daß in der am 15. Mai in Nürnberg stattgehabten Vollversammlung der. Mitglieder, der Alliance unter warmer Befürwortung der Herren Geh. Hof- und Jnstizrat Dr. Josephthal, und Rabbiner Dr. Frendenthal einstimmig beschlossen wurde, . die Pariser Kandidatenliste zn akzeptieren und die Berliner Liste abzulehnen. Auch die orthodoxen Mitglieder' akzeptierten die Pariser Liste einschließlich Salomon Reinachs. Die Resolution soll den deutschen Lokal-Komitees und den Pariser und Berliner Bureaus zur Weiterverbreitung mitgeteilt werden. Dem gegenüber erkläre ich: 1. Es ist unwahr, daß hier eine Vollversammlung der Alliance-Mitglieder stattgefunden hat, vielmehr waren nur 14 Mitglieder des Komitees beisammeen um über die Wahl zn beraten. 2. Der Vorsitzende Herr Rabbiner Dr. Frendenthal hat nicht die Pariser Liste „warm" empfohlen, sondern objektiv berichtet. 3. Der einzige Vertreter der Orthodoxie im Komitee war ich, und ich habe nicht die Pariser Liste mit Herrn Reinach empfohlen, sondern erklärt, es ist mir unbegreiflich, wie ein Jude den Namen Reinach bei seinem Standpunkt zum Judentum auf die Liste setzen könne. 4. Es ist unwahr, daß beschlossen wurde, allen Lokal- Komitees Mitteilungen von der Nürnberger Verhandlung zu machen, im Gegenteil, ein dahingehender Antrag wurde abgelehnt. gez. A. Grünbaum. * Vom deutschen Bureau erhalten wir weiteres folgende Mitteilung: „Wir machen die geehrten Mitglieder der Alliance Jsraelitö Universelle darauf aufmerksam, daß unser französischer Kandidat Kommandant Lipmann, Versailles, seine Kandidatur im letzten Augenblick zurückgezogen hat, weil ihm von Herrn Bigart, Sekretär der Alliance in Paris, unsere ganze Aktion als eine deutschnationalistische hingestellt worden ist. Indem wir gegen . diese Insinuation protestieren, müssen wir unser Bedauern darüber aussprechen, daß Herr Lipmann sich gezwungen gesehen hat, seine Kandidatur zurückzuziehen und bitten diejenigen Mitglieder der Alliance, die ihre Stimmzettel noch nicht abgegeben haben, an Stelle des Herrn Lipmann den Oberrabbiner Jsaac Levy in Bordeaux zu wählen." £ 4- V Zur Annahme des Verfassnngsentwnrfes für Elsaß- Lothringen in der Kommission des Deutschen Reichstages macht die „Allg. Ztg. d. Indent." folgende Bemerkung: „Was uns speziell an diesem Entwurf interessiert, ist zweierlei: Die Gewährleistung voller Religionsfreiheit und die damit zusammenhängende Zusicherung, daß die Berechtigung zur Bekleidung von Staatsämrern jeder Art unabhängig ist von dem religiösen Bekenntnis. Und ferner die Bestimmung, daß in der ersten Kammer auch ein Vertreter der israelitischen Konsistorien Platz zu nehmen berufen sei. Eine der ersten ähnliche Bestimmung ist freilich den Inden in Preußen schon im Jahre 1812 aus dem Papier gewährt worden, hoffentlich wird sie in den Reichslanden mehr als eine papierene sein. Dazu ist gute Hoffnung vorhanden, denn das Elsaß besitzt bereits einen jüdischen Landgerichtsdirektor und an der Universität Straßburg sind mehr jüdische Ordinarien angestellt als in sämtlichen deutschen Universitäten zusammen. Die letztere Bestimmung bezeugt eine offizielle Anerkennung.der jüdischen Organisationen, wie wir sie in keinem anderen deutschen Staat mehr finden. Denn, wenn auch in Preußen gelegentlich einmal ein Jude ins Herrenhaus berufen wurde, so geschah dies der persönlichen Ehrung halber, nicht aber ^um damit einen Vertreter der Jndenheit der hohen Kammer einzugliedern." * Jeder, der sich mit dem Lebensgang und der Lebensauffassung des.Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar- Eisenach (1818^-1901) beschäftigt, muß ohne weiteres annehmen, daß diesem edlen Fürsten, dem Bruder der ersten deutschen Kaiserin, der unter den Augen Goethes herangewachsen ist, und der immer bemüht gewesen war/ die hohen Traditionen des weimarischen Herrscherhauses aufrechtzuerhalten. die . Unduldsamkeit gegen Andersgläubige ein Gegenstand des Abscheus ge-