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Die Wahrheit · 1911-06-02 · Heft 21 (2.6.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 21 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion nnd Administration: Wien, 11/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIIl. Anakhängige Hertfchrift für jnöifche tUanzjährik.N 1* *.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938/11. K. f. öftere. Vostsparkasia- Scheck-Konio Rr. 100.818. Interessen. Für SfnlhiSbeamte: — Olanzj,ihrig.K 10. - Inserate: Di« viermal gesvaltene Nonpareille-Zeiie 25 Heller. Kr sch ei nt jeden Kr e ring. Für Ausland: Abonnementstind JnsertionStÄanzjäyrig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder l» Frc». Ar 21 Inhalt: Zur Wiener Wahlbewegung. — Aus der Wvche. — Gespräche Kaiser Wilhelms mit einem englischen Künstler. — Heim für unheilbare Kranke. — Verschiedene Nachrichten. — Eine wahre Geschichte. — Feuilleton: Ein Apikores. — Aufruf. — Dürfen alte Synagogenmelodien modern harmonisiert werden? — Austritte aus dem Judentum. Zur Wiener Wahlhemegnng. Knapp zwei Wochen trennen uns von dem Tage, an dem über die zukünftige Zusammensetzung des österreichischen Abgeordnetenhauses.entschieden werden wird, und wenn die Anzeichen nicht trügen, werden die beiden Parteien, die mit vollen Segeln in das erste Volkshans des allgemeinen Wahlrechtes einzogen, die sozialdemokratische und die antisemitische, bei dem bevorstehenden Wahlgange manche Einbuße erleiden. Insbesondere in der Gefolgschaft der antisemitischen Partei zeigen sich höchst bedenkliche Symptome der Widersetzlichkei gegen die früher allmächtige Parteileitung und verstünde das freisinnige Bürgertum die Situation ansznnützen, so könnte manche durch die antisemitische Stnrmstut niedergerissene Position wieder aufgebaut werden. Allerdings bedürfte es hiezu einer aufrichtig liberalen und zielbelvußten Organisation und gewiß auch der Männer, die im Volke den fast abgetöteteu Glauben an die Lebensfähigkeit des fortschrittlichen Gedankens wiedererwecken. Vor allem tut Einigkeit not, und leider vermissen wir diese auch in beit beiden Wiener Wahlkreisen, in denen sogenannte jüdische Mandate zu vergeben sind. Im Quaiviertel dürfte die Spaltung kaum eine ernstliche Gefährdung des Mandates zur Folge haben, wiewohl Hofrat Kuranda in Folge der Kandidatur des Dr. Hein möglicher Weise einer Stichwahl sich wird unterziehen müssen; aber im I. Leopoldstädter Wahlkreis steht die Sache etwas bedenklicher. „Hie Ofner!u „Hie Mittler!" ertönt der Schlachtruf ans zwei Lagern, die wohl gemeinsame Ziele und gemeinsame Interessen haben, aber infolge der Absonderlichkeiten Ofners mit erhobenen Waffen einander gegenüberstehen. Wir wollen all die schon wiederholt angeführten Momente, die vom jüdischen und bürgerlichen Standpunkte gegen die Kandidatur Dr. Ofners sprechen, heute nicht neuerdings aufzählen; sie sind ja unseren Lesern zur Genüge bekannt und führen zu dem logischen Schluffe, daß Dr. Ofner wohl ein Kandidat für einen -Wahlbezirk mit starker sozialdemokratischer Färbung, gewissermaßen ein Kompromißkandidat zwischen Sozialdemokraten und .fortschrittlichen Bürgern sein könnte, aber uns nicht geeignet erscheint als Vertreter des I. Wahlkreises der Leopoldstadt, in dem die Majorität der Wähler als Juden und nach ihrer bürgerlichen Schichtung das'sozialdemokratische Programm bekämpfen müssen. Darum sind wir für die Kandidatur Dr. Mittlers eingetreten und hoffen, daß das Gros der jüdischen Wähler am Wahltage für ihn stimmen wird. Der Kamps zwischen den Freiheitlichsozialenund denBürgerlich-Fortschrittlichenim„Donanklub" muß endlich einmal ausgefochten werden, aber wenn er schon, gerade im Interesse des Friedens, unvermeidlich ist, daun möge er mit reinen Waffen geführt werden, aber nicht, wie es in den letzten Tagen seitens der Ofnerpartei geschehen ist, mit Verdächtigungen und Eingriffen in das Privatleben des Gegners. Diese Kampfesweise sollen Juden gegeneinander nicht üben und den Antisemiten den Ruhm überlassen, mit gemeinen Mitteln ihre Ziele anznstreben. -i- * -i- Zur Wahlbewegung in Währing wird uns folgendes geschrieben: Hochgeehrte Schriftleitung l Bekanntlich ist es diesmal in Währing (29. Wahlbezirk) ausgeschlossen, daß Prinz Liechtenstein sofort im ersten Wahlgange gewählt werde, denn die deutschnationalen und sozialdemokratischen Wähler zusammen übertreffen die Zahl der christlichsozialen Wähler. Der Finanzkommissär Dr. Leopold Waber, welcher bekanntlich schon im Jahre 1907 seinem Gegenkandidaten Prinz Liechtenstein die Hölle heiß machte, ist auch gegenwärtig sein Gegenkandidat. Im Jahre 1907 kandidierte Dr. Waber noch aus ein liberales Programm, nach welchem er erklärte „für die rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen aller Beamten und Angestellten, sowie Gewerbetreibenden ohne Unterschied der Nation und Konfession" ein treten zu wollen. Er vereinigte dadurch damals auch die jüdischen Wahlstimmen seines Wahlbezirkes znm größten Teile zu Gunsten seiner Person, obgleich es damals schon bekannt war. daß er im „Deutsch-wirtschaftlichen Wählerverein" bei dessen Erstgründung in Währing (Gersthof) zusammen mit Dr. Schubert und Dr. Pollaus eine wichtige Rolle gespielt hatte. Im Jahre 1908 war Dr. Waber gelegentlich seiner Bewerbung unr das Landtagsmandat bereits von seinem liberalen Prinzipe abgerückt, denn ich erhielt damals die „Leitsätze" des „Deutsch-wirtschaftlichen Vereines" zugesendet, in denen sich unter anderem auch folgende Sätze finden: „19. Die Semitenfrage ist als eine R a f s en f r a g e, das Semitentnm selbst aber in allem als ein besonderes Volkstum anzusehen, dessen ungesundes Ueberwnchern über die altangestammten deutscharischen Wirtschaftsinteressen entschieden zu beheben ist." „Jnsbesonders ist der dauernde Aufenthalt a u sländischen Semiten in Zisleithanien, sowie deren Aufnahme in den österreichischen Staatsbürgerverband nicht zu gestatten." 21. Alle Kultur- und Wirtschastsbedürfnisse, sowie alle Staats-, Landes- und arideren öffentlichen Auslagen überhaupt

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