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Die Wahrheit · 1911-05-19 · Heft 19 (19.5.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 19 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seite 9. bares Verfahren znr Herstellnng farbiger Photographien Lnr Anwendung brachte. ‘ Ferner erhielt den Nobelpreis Prof. Loeb, der bekannte amerikanische.Naturforscher, dem in seinem deutschen Vaterlande 'konfessionelle Unduldsamkeit die Lehrkanzel verschloß und der in dem Laboratorium der kleinen kalifornischen Universität in 'Berkley Entdeckungen machte, die die ganze Welt in Erstaunen setzten. Ist es ihm doch gelungen, das Geheimnis der ersten Entwickelung der Lebewesen zu lüften. Er brachte mit Hilfe ganz eigener, aber einfacher chemischer Prozeduren das Ei des Seeigels znr Entwickelung und bewies das, was die Wissenschaft bereits in das Reich der Mythe verwiesen, die Parthenogese, mit dem Experiment. Ans dem Budapester Aerztetag von 1909 berichtete er über seine Erfindung. Er ist von drei europäischen lUniversitäten zum Ehrendoktor ernannt worden. Die Tragweite seiner Entdeckung, die die ganzen bisherigen Grundlagen der Biologie über den Haufen wirft, sind heute noch gar nicht zu ckbersehen und bieten der Wissenschaft noch ein weites Feld der Betätigung. * * * $ Auf dem Grenzgebiet zwischen Spiel nnd Wissenschaft liegt das „königliche Spiel". Man kann, ohne zu übertreiben, behaupten, daß die Meister des Schachbretts ^zn neun Zehntel Juden sind. Die Namen L a s k e r, T a r r a s ch, S l e i n i tz, H o r w i tz unb Zuckertort stehen oder standen auf jedem größeren Schachturnier an der Spitze der Hauptkämpeu. Ferner haben sich einen Ruf als Schachküustler erworben: Rubinstein, Winawer,' Schottländer, Gnnsberg, Janowski, Weiß, 'Forgacs, W. Cvhn, Erich Cohn, H. Wolfdie Liste föuute noch um das dreifache verlängert werden. * 2- . , * . Alls dem Gebiete der Chemie haben außer den bereits 'Genannten sich noch ganz hervorragende wissenschaftliche Verdienste erworben: Geh. Rat Prof. L i e d e r m a mi - Berlin, Geh. Rat Prof. 'G a b r i e l-Berlin. Prof. D a r m st ä d t e r- Berlin. Geh. Rat Prof. I a 77 6 - Königsberg, Geh. Rat Prof. L a d e n b 11 r g - Breslau, Prof. I. W. B r ü h l - Heidelberg, Geh. Rat Richard Meyer-Branuschweig, der kürzlich verstorbene Hofrat Dr. Heinrich C a r 0 - Mannheim, ferner Prof. .Habe r-Karlsruhe, der als Leiter an das neue kaiserliche Forschungsinstitut nach Berlin berufen worden ist, das nebenbei bemerkt zum größten Teil der Munifizenz jüdischer Donatoren -seine Entstehung verdankt. An. der Universität in Zürich 'lehrten und wirken zum Teil noch als hervorragende Vertreter -der Chemie: Bamberg e r, W i l l st ä t t e r, B r e d i g, Heinrich Golds ch m i d t, in Florenz Prof. Hugo Schiff. * * Wir haben nns auf den vorstehenden Blättern bemüht, .ein anschauliches Bild von den Leistungen und der Bedeutung ljüdischer Männer auf den Gebieten der Technik, der Knuste .und der Wissenschaften zu geben. Wir wissen sehr wohl, daß dieses Bild kein vollständiges ist, daß es sogar viele Lücken anfweist. Mancher wird vielleicht den einen oder den andern 'Rämen vermissen, der seiner Ansicht nach auch verdient hätte, hier.genannt zu werden. Im Rahmen einer knappen Revue eine artch nur anltähernd ^vollständige Liste der kulturellen Leistungen von Männern jüdischer Abstammung zu geben, ist aber unmöglich. Wollten wir es versuchen, so würde ein dickleibiges Buch dabei heranskommen, und auch dieses würde nnvollständig bleiben und den Gegenstand nicht erschöpfend da unsere Zeit schnell vorwärtsschreitet, die 'Erfindungen und Entdeckungen sich überstürzen und jeden Tag fast neue Namen anftauchen. .Feier des 80. Geburtstages des Vizepräsidenten Friedrich Pollak im Mariahilfer Tempel. In überaus würdiger und erhebender Weise beging der Mariahilfer .Tempelverein am vergangenen Samstag in dem festlich geschmückten Tempel in der Schmalzhofgafse den 80. Geburtstag seines verdienstvollen Vizepräsidenten und allverehrten Seniors Herrn Fabriksbesitzers Friedrich P 0 l l a k. Zu dieser Feier hatte sich der ehrwürdige Präsident der Änltusgemeinde, Herr Dr. Alfred S t e r n, eingesunden; als offizielle Vertreter der Kultusgemeiude waren die Herren Gemeinderät F r a n k und Knltusvorsteher Lemberg er. ferner der Präsident der Chewra Kadischa, Herr Knltusvorsteher Salo Cohn, Herr Vizepräsident Dr. Markus Spitzer, Knltusvorsteher Sam. Steiner und Grünwald erschienen; man sah ferner die Präsidenten K 0 h n nnd Straßberg und Vertreter fast sämtlicher Wiener Tempelvereine sowie den Gesamt-Vorstand des Mariahilfer Frauen-Wohltätigkeits-Vereines unter Führung der Präsidentin Strauß, den Vorstand des Humanitäts- Vereines mit Präsidenten Dr. Carl L ö w y, sämtliche Vorstandsmitglieder und zahlreiche Vereiilsmitglieder des Tempelvereincs u. v. A. Nach dem Vortrage des „Halleluiah" von Sulzer durch Oberkantor D ü n m a n n mit dem vecstäckcen Tempelchor wurde der Jubilar in feierlicher Weise vor die Thora gernsen, wobei ihm sämtliche Vereins- Vertreter, Präsident Dr. Stern und die Vertreter des KnltusvorstandeS das Geleite gaben, und rezitierte mit lauter, eine erstaunliche Rüstigkeit bekundender Stimme die Brache, woraus ein von Oberkanror Dünmann verfaßter und für Solo, Chor und Orgel komponierter Mischeberach zum Vortrage kam und von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Tag licht ein sorinvollendetes, stinuunngsvolles deutsches Gebet verrichtet wurde. Der Jubilar und die anwesenden Familiemmtglieder spendeten bei diesem Anlässe bedeutende Summen für wohltätige Zwecke. Nach Schluß des Gottesdienstes versammelten sich die Festgäste im blumengeschmückten Zeremouiensaale des Vereines, in welchem Herr Vereins- Präsident Kulrusvorsteber Dr. Jakob Engel nach schwungvoller Begrüßung des Herrn Präsidenten Dr. Stern, dem er für die Ehre seiner Anwesenheit im Namen des Jubilars und des Vereines sowie der übrigen Festteilnehmer wärinstens dankte, folgende Ansprache an den Gefeierten hielt: Hochverehrter Herr Vize-Präsident! Liebwerter Freund und Kollega! Wollen Sie es nicht als eine Ueberhebung meinerseits ansehen, wenn ich Sie mir dem trauten Worte Freund anspreche. Aber der Umstand. daß wir durch nahezu ein Bierteljahrhundert vereint in unserer Korporation Schulter an Schulter kämpfen, verleiht mir hiezu, trotz des Altersunterschiedes, die Legitimation. Nach der synagogalen Feier habe» wir uns nun hier versammelt, um Sie anläßlich Ihres 80. Geburtstages herzlichst zu begrüßen und zu beglückwünschen. Ich erscheine vor Ihnen nicht nur als Ihr Freund, nicht nur als Präsident unseres Vereines, sondern auch als Rechrsfrennd. welchem seitens des Vorstandes der ehrenvolle Auftrag 511 Teil wurde, mir Ihnen einen Vertrag zu schließen, welcher Sie ans weitere 20 Jahre an diesen unseren Verein bindet. Da der Sabbath es verbietet, geschäftliche Auszeichnungen zu machen, so schließen wir den Vertrag mündlich, und da es am Sabbath nicht gestattet ist, über Geld auch nur zu sprechen^ so halten wir die Regelung Ihrer künftigen Bezüge einem späteren Zeitpunkte bevor. Es dürste nicht Wunder nehmen, wenn Nichreingeweihte die Frage an mich richten sollte», wer ist wohl der Mann, mir dem man trotz seines hohen Alters .noch einen Dienstvertrag auf weitere 20 Jahre schließt. Diesen antworte ich mit der Geschichte unseres Vereines, und in derselben steht mit goldenen Lettern eingeschrieben, daß Sie, hochverehrter Freund, seit dem Jahre 1865 dem Vorstände desselben angehören. 46 Jahre! Welch ein ungeheuerer Zeitraum in dem Leben eines einzelnen Menschen! llnd während dieser ganzen Frist sind Sie nicht ein einziges Mal fahnenflüchtig geworden, sind Sie mit Herz und Hand für die Interessen unseres Vereines eingestanden. Sie waren es. welcher die erste große Widmung machte, znsolge desien mein Amtsvorgänger daran gehen konnte, aus dem von Ihnen angekauften Grunde unseren herrlichen Tempel zu erbauen. In Ihren verschiedenen Stellungen als Schriftführer, Kassier, Hausverwalter und Vizepräsident haben Sie sich stets in außerordentlicher Weise bewährt. Sie haben gleich Ihrem ausgezeichneten, von uns hochgefeierten Namensbruder, kaiserl. Rat Friedrich Pollak, wie Säulen in unserem Vereine emporgeragt, als feste Stützpfeiler desselben, und als fester Stützpfeiler desselben mögen Sie anch bis in die entferntesten Zeiten wirken. Und wenn ich über diese Ihre Tätigkeit eine Kritik abgeben soll, so glaube ich dies nicht besser tun zu können, als daß ich Ihnen jenen Titel verleihe, welchen unser größter vaterländischer Dichter einem seiner herrlichsten Dramen als Titel vorangesetzt: „Ein treuer Diener seines Herrn." Ein treuer Diener unseres Tempelvereines, als Dienstherr» gedacht, ein treuer Diener Gottes, des Herrn der Heerscharen, der die Geschicke der Menschheit lenkt und leitet. Soll ich nun meinen Dank in viele Worte kleiden? Die Sprache ist zu arm dazu. Deshalb ersasie ich Ihre Hand und drücke sie und rnse Ihnen zu: Vergelts Gott» Herr Vizepräsident! Vergelts Gott! Aber Eines ließ sich der Tempejverein nicht nehmen. Er bringt Ihnen als Angebinde zu Ihrem Gebnrtsfeste ein kleines Geschenk, das ich Ihnen hier überreiche. Alls diesem Prunk-Pokal erscheint an der Stirnseite unser schönes Ternvelgebände ersichtlich gemacht, und auf der Reversseite ist die Widmung von allen Vorstehern gefertigt enthalten.^ '/Widmen Sie diesem Angebinde ein bescheidenes Plätzchen in Ihrem prächtigen Heim, und so oft Ihr Blick wohlgefällig auf diesem Pokal ruht, erinnern Sie sich an diese Stunde, in welcher eine treue Schar von Freunden sich liebevoll Ihnen näherte und Ihnen durch meinen Mund den aus tiefstem Herzen und innerster Seele quellenden Wunsch zuries mit dem ich schließe: Gott erhalte Sie uns und Ihrer Familie gesund und stark bis 100 Jahre! Diese Rede, mit Wärme und Schwung wirkungsvoll vorgetragen, machte aus alle Anwesenden tiefe» Eindruck und wurde lebhaft akklamiert. Gleichen Beifalles erfreute sich die nun folgende Ansprache des Herrn kaiserl. Rates Friedrich Pollak, der den Jubilar als zweitältesteu Vorstands-Kollegen besonders warm begrüßte.

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