Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 19 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 19. Seite 4. daß ein Jude Kriegsmiuister, ein anderer Ministerpräsident geworden ist nnd nicht minder ist es ein Beweis des vollständigen Wechsels, der eingetreten ist, daß ein Jude als Bürgermeister in Rom fungiert, wo sie vor nur vier Jahrzehnten ganz rechtlos waren. Dem Senat wie der Kammer haben sehr viele Juden angehört und zahlreich sind die Juden in anderen hohen Stellungen, staatlichen wie kommunalen usw. Hat Italien nicht aus politischem und wirtschastlichem, auf militärischem wie wissenschaftlichem Gebiete außerordentliche Fortschritte gemacht, obwohl überall Juden mitgewirkt haben?-Beklagt man sich in Italien über „Verjudung"? Hat man es dort für nötig gehalten, antisemitische Vereine zu gründen? Auch eine Gegenprobe können wir machen. Welches-ist der zurückgebliebenste, der demoralisierteste Theil des jungen Königreichs? Offenbar doch Sizilien und ganz Süditalien.' Aber hier gibt es, außer in der Stadt Neapel selbst, so gut wie gar keine Juden. Seit mehr als vier Jahrhunderten, seitdem sie durch spanischen Fanatismus vertrieben worden sind, sind diese Landesteile judenfrei. Sind sie darum besonders sittenrein? Das gerade Gegenteil ist der Fall. Es gibt da keine Inden, wohl aber die Maffia, die Camorra und eine zum Himmel schreiende Unbildung, tvie man sie in keinem „jndenverseuchten" Teile der Erde wiederfindet. Seht nnd lernet in Italien, Ihr Herren Antisemiten, nnd wenn Ihr Euch schon umschaut, dann seht auch, daß in Rom ein durch einen Juden ins Leben gerufenes Institut existiert, das den Landwirten der ganzen Welt zum Nutzen gereicht. * Die „N. I. K." berichtet von einer Sitzung des zionistischen Aktionskomitees, die Ende April in Köln stattfand. Nach einer Besprechung der Lage des Zionismus in der Türkei, im Anschluß an die jüngsten, zionistischen Debatten in der türkischen Kammer, wurde folgende Resolution gefaßt: „Das Aktionskomitee hat sich eingehend mit der Lage des Zionismus in der Türkei und mit den Berichten, die es von dort erhalten hat, beschäftigt. Es ist dabei znr Ueberzeugung gelangt, daß die in der letzten Zeit gegen den Zionismus erhobenen Anklagen nur auf. einer mangelhaften Kenntnis des wahren Charakters des Zionismus nnd auf einer unrichtigen Auffassung seiner Bestrebungen und seiner Ziele beruhen. Das Aktionskomitee ist fest überzeugt, daß die zionistischen Bestrebungen in vollem Einklang mit den Interessen des ottomanischen Reiches üeheu und betrachtet es als seine Aufgabe, seine Bemühungen in der Türkei dahin zu richten, daß der wahre Inhalt und die Ziele der zionistischen Bewegung richtig erfaßt werden." * * * Das „Journal Officiel de la Republique francaise" berichtet über die Aufnahme der jüdischen Deputation ans Gabes anläßlich der tunesischen Reise des Präsidenten wie folgt: Den Abschluß der Empfänge bildeten die Rabbiner und israelitischen Notabeln, von denen manche weit vom Süden gekommen waren. Präsident Fallieres betonte mit besonderem Nachdruck, daß das französische Protektorat sich auf die gesamte Bevölkerung in Tunis erstrecke. „Wir machen gar keinen Unterschied in den religiösen Bekenntnissen," sagte der Präsident „und nufer Bestreben ist, daß alle unsere Schützlinge ohne Ausnahme mit Güte und Gerechtigkeit behandelt werden." Ein Dolmetscher übersetzte den Juden die Worte des Präsidenten, deren Sprecher in arabischer Sprache ihre volle Anerkennung und Dankbarkeit für das Berbälten der französischen Beamten ihnen gegenüber zum Ausdruck "brachte. , '• * * - ,i> * - lieber /sp an ische Verhältnisse macht folgende Notiz die Runde, durch die Zeitungen: Entgegen der vielfach verbreiteten Meinung, als sei der jüdische Kultus von dem Toleranzdekret vom 10. Juni 1910 nicht betroffen worden, verdient eine, kleine Notiz wiedergegeben zu werden, die dieser Tage die Runde durch die hiesigen Blätter machte, was allein schon beweist, daß der an sich belanglosen Begebenheit eine gewisse Bedeutung beigelegt werden darf. Die Meldung, die wir absichtlich dem klerikalen „ABC" entnehmen, lautet: . . .. '■ ' . Sevilla, 10. April. Heute wurde, in der Svnagöge die Konfirmation des jungen Israeliten Salomon Sabal gemäß dem Ritus derjüdischen Religion gefeiert. Alle hiesigen nnd eine Anzahl eigens zugereister Israeliten nahmen an dem Akt teil, bei dem der Knabe, in den rituellen Mantel gehüllt, , vordem Rabbiner Salomou Coen einen Abschnitt ans dem allen Testament sowie einen Lobgesang auf seine Religion und das spanische Vaterland rezitierte. Unter den zahlreichen Mitgliedern der Sevillaner Gesellschaft, die der Feier beiwohnten, befanden sich auch der Bürgermeister, mehrere Stadträte und der ehemalige Minister Borbolla. Man sieht, daß die Feier durchaus den Charakter der Oeffentlichkeit hatte, den das erwähnte Dekret den nicht katholischeu Kulten zugestand. Bemerkt sei schließlich noch, daß die von anderen Blättern mitgeteilten Namen israelitischer Festteilnehmer fast durchweg, wie ja auch, der des Konfirmanden selbst, auf spanischen Ursprung schließen lassen. * 4- * Infolge des wirtschaftlichen Krieges gegen die Inden und der ihnen unausgesetzt zngefügleN moralischen Leiden zeigte sich in den letzten zehn Jahren eine ununterbrochene Auswanderung von Inden ans Rumänien, deren Ziel hauptsächlich Amerika ist. Lant der offiziellen Statistik betrug die Zahl der jüdischen .Auswanderer ans Rumänien in diesem Zeitabschnitte über 40.000 Seelen. Im Jahre 1909 wurde die Auswanderung infolge der damaligen amerikanischen Krise schwächer, erstarkte jedoch wieder im Jahre 1910, in welchem 3500 Inden teils ans eigenen Mitteln, teils mit Hilfe der jüdischen Hilfsorganisationen Rumänien verlassen haben. Trotzdem die Geburtenziffer diejenige der Todesfälle auch bei den rumänischen Juden überwiegt, mußte sich dennoch ein stetiges Abnehmen der jüdischen Bevölkerung in Rumänien ergeben, was natürlichdie Antisemiten des Landes nicht hindert,- entgegen den Tatsachen zu verbreiten, daß die Juden Handel, Gewerbe und Industrie an sich gerissen hätten. So hat der gewesene Minister Jean Labo Vary mit Außerachtlassung der offiziellen Statistik auf die „Gefahren" hingewiesen, welche das Ueberwiegen der.jüdischen Gebürten über die Todesfälle für'Rumänien bedeutet. Aber auch die Geburten nehmen bei den rumänischen Inden ständig ab. Im Jahre 1907 betrugen sie noch 7725, sanken im Jahre 1908 auf 7498 nnd betrugen im Jahre 1909 nur mehr 7218. Die offizielle Statistik ergab im Jahre 1909 eine jüdische Bevölkerung von 266.652 gegenüber einer Gesamtbevölkerung von 6. Millionen. Heute kann die jüdische. Bevölkerung mit höchstens 240.000 Seelen angenommen werden. * * Die Resolution der D n m a k o,m m i s s i o n für Landesschntz, wonach Juden ans dem Militä rdienste ausgeschlossen werden sollen, hat, wie die jüdische Presse in Rußland meldet, unter unseren dortigen Glaubensgenossen begreiflicherweise die größte Erbitterung hervorgernfen. Viele Judengemeinden faßten Protestbeschlüsse gegen diese erniedrigende Resolution. Die kräftigste und wegen der Unterschriften, die sie trägt, auch interessanteste Protestkundgebung hat die Jndengemeinde von Kursk an den Dumadeputierten dieser Stadt, derber Nationalistenpartei angehört, gerichtet. Sie lautet: „Wir sind überzeugt, daß die Mitglieder der Kommission durch die Verleumdungen gegen die jüdischen Soldaten irregeführt wurden. Jeder treue Untertan ist verpflichtet, die schädlichen Elemente von der Armee feruzuhalten. Aber es ist die Frage, ob die Inden ein solches schädliches Element bilden. Wo sind die Tatsachen, wo die Beweise für eine solche Behauptung? Anstatt Tatsachen hören wir nur Verleumdungen. Haben die Juden nicht zusammen mit den Christen für Kaiser und Vaterland gekämpft? Sind etwa nicht genug Juden auf den Schlachtfeldern gefallen? ' Haben nicht Juden genug militärische Auszeichnungen erhalten? Mit unserem verletzten patriotischen Gefühl protestieren wir gegen die . Verleumdungen und den Schimpf, die gegen uns geplant werden. Wir können nicht schweigen, wenn man die