Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 19 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion n»d Administration: Wie», II/, Novaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Aduttiilsirakiou 4938/11. ft. t. österr. Nostsparkaisa» «qect-ftonio Nr. 100.918. Inserate: Die viermal gesvalteue Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jniertkonöbetröge sind in 'Arien zahlbar nnd klagbar. Hnabhängige Hertschrist für Mische Interessen. Erscheint jeden Kr ei lag. Mott«: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Gerngspeek»: Ganzjährig.Kl* *.— Halbjährig.K 7.— Für jtultttsbeauite: «a„„zi>ihrig.K 10. — Für Ausland: «Aanzjädrig.8 Mark 6 Nudel oder I« Frc». Ur. 19. Wien. 19. Mai 1911. Inhalt: Aus der Woche. — Leopold Löw. — Juden uud Judentum in der Darstellung Werner Sombarts. — An» der Wiener Knllusgemeinde. — 38. Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien. — Die übernatürlichen Erscheinungen in der Natur nach der wissenschaftlichen . . Anschauung. — Die Inden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft und als Entdecker und Erfinder. — Feier des 80. Geburtstages des Vizepräsidenten Friedrich Pollak im Mariahilfer Tempel. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Ein Apikores. — Austritte ans dem Jndentume. Ans der Woche. Das Wohltnn ist uns Juden so in Fleisch und Blut Übergegangen, daß dabei oft das Herz die Oberhand über den .Verstand erhält. Wir geben, ohne viel zu fragen, und lassen uns leicht durch das Aushängschild täuschen. Diese Schwache unseres Volkscharakters, die von unseren Gegnern schon wiederholt selbst für judeufeindliche Zwecke ansgenntzt wlirde, zeigt sich, allerdings noch mit einer anderen Schwäche gepaart, in bedenklicher Form bei jenen jüdischen Frauen mib Mädchen, die sich glücklich schätzen, wenn sie in arischen Komitees Mitwirken können, welche wohl das Geld der Juden nehmen, aber mit dem Erlös ihrer Veranstaltungen noch niemals eine jüdische Träne getrocknet haben. Eine neuerliche Bestätigung der nach dieser Richtung gemachten Erfahrungen brachte auch der jüngst arrangierte Wiener Blumentag, der wohl unter der Flagge allgemeiner Wohltätigkeit inszeniert wurde, aber als es zur Verteilung der Erträgnisse kam, sich in seiner wahren Gestalt als eine Propagandaaktion für klerikale und christlichsoziale Institute zeigte. Diese Täuschung des Publikums rief natürlich bei allen anständigen Menschen berechtigte Entrüstung hervor, nur das „Deutsche Volksblatt" und ihre ehrenwerten Patrone waren befriedigt. Und als die öffentliche Meinung in Wien, die „für Brüskiernng der Juden sonst nicht sehr empsindlich ist, allgemein das Vorgehen des Komitees verurteilte, da war das Antisemitenblatt, das für jede Schändlichkeit, wenn sie nur gegen Inden gerichtet ist, eine Entschuldigung findet, sofort mit der Lüge zur Hand, die Jüdinnen, die beini Blnmentage mitwirkten, hätten das gesammelte Geld eingesteckt. Vielleicht wird diese infame und schamlose Verdächtigung für die jüdischen Frauen und Mädchen eine heilsame Lehre für die Zukunft sein und ihnen znm Bewußtsein bringen, daß es auch jüdisches Elend gibt, das zu lindern sie zunächst berufen wären und dem sie mit größerer Aussicht aus Dankbarkeit ihre charitative Tätigkeit widmen könnten. * * * Es ist nicht ohne Reiz, die Aeußernngen zweier stramm antisemitischer Blätter über die parteipolitischen Zustände in Oesterreich znsammenznstellen und zu vergleichen. Das Münchener „Deutsche Volksblatt", dessen Herausgeber jahrelang Geschäftsführer des Bundes der Landwirte in Bayern war, schildert au der Hand eines Artikels des Wiener „Deutschen Vvlksblatt" den Liberalismus der siebziger und achtziger Jahre an der Herrschaft, natürlich nur als abschreckendes Beispiel, um zu zeigen, wie „der Kapitalismus in seinen blutigsten Auswüchsen durch den Liberalismus gefördert" wurde. Es werden dann wahre Schauergeschichten über die liberale Mißwirtschaft und- Korruption in Staat und Gemeinde ansgetischt. An demselben Tage behandelt nun auch die „Deutsche Tages-Zlg.", das Hauptorgan des Bundes der Landwirte, dieses Thema, aber nicht für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart. In einem an leitender Stelle veröffentlichen Rückblick auf die Wahlbewegung in Oesterreich (7. 5.) lesen wir denn zu unserer stillen Erheiterung: „Die Versumpfung des politischen Lebens in Oesterreich droht als» auch den Christlich-Sozialen verhängnisvoll zu werde», und es macht eine» tragikomischen Eindruck, daß eine ganze Reihe führender Persönlichkeiten dieser Partei, die einstmals auszog, um den Drachen Korruption zu bekriegen, die mit Recht den Liberalen ihre Gier nach einträglichen politischen Remtern. fetten Pfründen und Berwaltungsratsposten vorwarf, eine unverhältnismäßig große Menge von Aemtern und Mandaten in ihren Händen vereinigen, Banken gründen, welche Bodeuwncher rreibeu und dabei dreißig Prozent Dividende abwerfen, kurz und gut, um kein Haar besser sindals die Liberalen vor ihnen. Die Wähler aber werden mir bloßen Versprechungen gefüttert, und es ist für die zu Amt und Würden gelangten Christlichsozialen höchst bezeichnend, daß sie sich wohl davor hüten, auch nur den geringsten Versuch zu machen, eine der Hauptforderungen des Programms, die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten-des öffentlichen Lebens, zu verwirklichen. Die Fahne des Antisemitismus wird nur dann entrollt, wenn es gilt, der Wählerschaft bei der Erstattung der sogenannten Rechenschaftsberichte Sand in die Angen zu streuen." Tout comme chez ncras! * # $ Die Teilnahme an den italienischen Jubelfestlichkeiten gibt einem deutschen Beobachter Anlaß zil nachstehenden zeitgemäßen Betrachtungen: Anläßlich der italienischen Jubelfestlichkeiten und der Turiner Ausstellung sind die Augen auch sehr vieler Deutschen auf Italien gerichtet. Wir möchten unseren Antisemiten und den Antisemiten der ganzen Welt empfehlen, einen kleinen Rückblick auf die Entwicklung des verbündeten Staates zu werfen. In Preußen sind die Juden bald hundert Jahre emanzipiert, in Italien erst ein halbes Jahrhundert. Aber bei uns ist die Emanzipation der Inden in nur zu vielen Punkten nicht durchgeführt, in Italien vollständig. Die Juden Italiens haben vor der Proklamierung des neuen Königsreichs es sehr schlecht gehabt, namentlich in Rom, wo kein Jude außerhalb des Ghettos einen Laden austun durfte, und überhaupt im Kirchenstaate, aber auch in Venedig, im Königreich Neapel ufw. Aus Nacht zum Licht kamen die Juden mit der Proklamiernng des geeinten Königreichs vor fünfzig Jahren. Wie gründlich die Emanzipation durchgesührt worden ist, das wird am besten bewiesen durch die Tatsachen,