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Die Wahrheit · 1911-05-12 · Heft 18 (12.5.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 18 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 18. Seite 6. In sehr energischer Weise sprach sich Rabbiner Dr. Werner- München gegen die Kandidatur Reinachs aus. In Paris ist, so führte er aus, der von der Deutschen Konferenzgemeinschaft und dem Lokalkomitee-Berlin gemeinsam angenommene Vorschlag/ Herrn Reinach bei den nächsten Wahlen' zmn Zentralkomitee nicht aufzustellen, abgelehnt worden. Wir können aber in unserer Eigenschaft als Juden einen Mann nicht zur Wahl stellen, der, mag er noch so bedeutende Verdienste um die Wissenschaft sich erworben haben, dem Judentum gegenüber eine Stellung einnimmt, die es in seinen heiligsten Gefühlen verletzen muß. Es ist selbstverständlich, daß in unserer Alliance jeder Jude willkommen ist. Wenn aber einer erklärt, für mich ist das Judentum weder Religion, noch Volk, noch Rasse, so faiin er sicher eine würdige und bedeutende Persönlichkeit sein, unserer Meinung nach aber niemals der Lxiritrw rsvtor einer jüdischen Vereinigung, die sich jüdisch nennt, jüdisch sein will und jüdisch sein soll. Wir würden es niemals verantworten können, wollten wir einen solchen Mann vielen Tausenden von Juden zur Wahl empfehlen. Ein Mann, der in der Heilighaltnng des Sabbats und der Speisegesetze eine Minderwertigkeit erblickt, ein Mann, der in dem Ihnen bekannten Brief im Frankfurter Familienblatt in kränkender Weise, über Judentum und Juden sich äußert, gehört nicht au die Spitze unserer Alliance. Ihm darf nicht ein solcher Einfluß eingeräumt werden, wie ihn Herr Reinach ausznüben hat. Wir fragen nicht nach der religiösen Richtung eines jeden Zentralkomitee-Mitgliedes. Alle Richtungen können und sollen rm Zentralkomitee vertreten sein, von der äußersten Orthodoxie bis zum äußersten linken Flügel. Aber die Vertreter der Juden an der Spitze der Alliance müssen vor allem das Judentum auch respektieren, und von seinen Geboten, und Einrichtungen nicht in so gehässiger, verunglimpfender Weise sprechen. Aber, meine Herren, hier handelt es sich nicht darum, ob wir vom theoretischen Standpunkte die Wahl dieses Mannes ablehnen müssen. Es können und müssen praktische Konsequenzen hieraus folgen. Bedenken Sie, meine Herren, die Alliance hat 160 Schulen im Orient. Mehr denn 40.000 Kinder sollen in diesen Schulen im jüdischen Geist erzogen werden. Ihnen soll die Liebe zur jüdischen Religion, zur jüdischen Geschichte, zu. den jüdischen Traditionen beigebracht werden. Und nun soll an der Spitze dieser Justitntiou ein Mann stehen, der es offen und klar ausspricht, für mich ist der größte Teil der elf Millionen Juden rückständig, weil sie mit unglaublicher Strenge den Sabbat halten und die absurden Speisegesetze. Welches Vorbild soll-er für die Lehrer und Leiter der Schulen sein? Aber noch mehr! Denken Sie, es würde einmal unseren Gegnern eiufalleu, in irgend einem Lande das Schächten zu verbieten und dadurch Tausenden von Juden der Möglichkeit berauben, sich wie andere Menschen zu ernähren, oder den Juden gar den Sabbat zu verbieten. In diesem Fall würde es öoch gerade Pflicht unserer Alliance sein, nach unseren Staturen, in denen es heißt, denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, wirksame Hilfe angedeihen zu lassen, energisch einzugreifen. In diesem Fall müßte doch ein Mann wie Herr Reinach trotz seiner Stellung als stellvertretender Vorsitzender der Alliance, konsequenter Weise sich auf die Seite unserer Feinde stellen, da ihm die Sabbathaltung und die Speisegesetze absurde Archaismen sind, die ausgerottet zu werden verdienen. Da muß ich sagen, daß nur den Berliner Herren dankbar sein müssen, daß sie die Anregung zur Ablehnung des Herrn Reinach gegeben haben, und Herr Geheimrat Landau hätte geradezu seine Pflicht verletzt, wenn er uns diese Anregung nicht übermittelt hätte. Auch von anderer Seite wurde die Kandidatur Reinachs bekämpft und schließlich der Beschluß gefaßt, Herrn Reinach abzulehnen und an das Zentralkomitee in Paris das Ersuchen zu richten, an Stelle von Reinach, „den die Deutsche Kouferenzgemeiuschaft aus den dem Zentralkomitee bekannten Gründen als Kandidaten zu nominieren ablehnt", einen anderen Pariser Herrn für die Wahl in Vorschlag zu bringen. Uebrigens wurde die Pariser Kandidatenliste angenommen. Einen sehr breiten Raum nahmen ferner die Debatten ein, die sich an die Verlesung des Briefwechsels über die Wahlangelegenheit knüpften, der zwischen dem Pariser Zentralkomitee einerseits und der Deutschen Konferenzgemeinschaft. wie den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees geführt worden ist. Ans diesem Briefwechsel wie ans den darüber geführten Debatten ergab sich, daß der vor kurzem erst geschlossene Friede, zwischen Paris und Berlin noch immer kein gefestigter ist, die Unstimmigkeiten noch fortdauern. Schuld, der deutschen Abteilung ist das nicht. Das Pariser Zentralkomitee hatte sich nämlich unter völliger Umgehung des Präsidiums der. Konferenzgemeinschaft in der Wahlangelegenheit direkt an die einzelnen Mitglieder gewandt und dem Präsidium nicht einmal von diesem Briefwechsel Kenntnis gegeben. Paris bestreitet den deutschen Mitgliedern der Alliance überhaupt das Recht, selbst die Kandidaten in Deutschland zu nominieren. Danach handelt es sich jetzt gar nicht mehr um Personalfragen, sondern um ein bedeutungsvolles Prinzip, um eine prinzipielle Frage, die das Recht der deutschen Mitglieder der Alliance tangiert. Nach einer mehrstündigen Debatte nahm die Versammlung folgende Resolution an: „Die zu Berlin am 25. April zu einer ordentlichen Tagung vereinigte „Deutsche Konferenzgemeinschaft" billigt nach Kenntnisnahme des gesamten in der Wahlangelegenheit zwischen Paris und Berlin gepflogenen Briefwechsels das Vorgehen ihres Präsidenten und spricht ihm ihr volles Vertrauen aus." Gleichzeitig wnrde ein von Dr. Apfel eingebrachter Antrag einstimmig angenommen, dem Präsidium.die weitere Wahlarbeit und die Feststellung der definitiven Liste zu überlassen. Die Inden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft nnd als Forscher, Entdecker und Erstnder. (Fortsetzung.) , Der verstorbene berühmte Nervenarzt R o m b erg wurde, wie Geh. Med.-Rat Prof. Eulenburg erst dieser Tage in eiuer Berliner Montagszeitung schrieb, seinerzeit als „König der Nerven" gefeiert. Die meisten dieser Herren gelten nicht nur in Fachkreisen als Autoritäten ersten Ranges, sondern sind auch in der breiten Oeffentlichkeit wohlbekannt. So Albert Reißer in Breslau, der vom Deutschen Reiche 100,000 M. für seine Reise nach den Sunda-Jnseln zur Erforschung der Syphilis erhielt, Prof. Israel, der den Präsidenten Castor erfolgreich operierte, Prof. S e n a t o r, der Leiter der Universitätspoliklinik. Berlins, dem anläßlich des 100. Gründnngsjahres der Berliner Universität der Rote Adlerorden II. Klasse verliehen wurde. Einer der berühmtesten Pharmakologen war der kürzlich verstorbene Prof. Oskar Liebreich. Ostprenße von Geburt, wurde er 1872 ordentlicher Professor der Heilmittellehre an der Universität Berlin und gleichzeitig Direktor des dortigen Pharmakologischen Instituts. Mit zwei großen Entdeckungen ist der Name Liebreichs dauernd verknüpft: einmal ' fand Liebreich die einschläfernde Wirkung des Chloralhydrats, und dann hat er das Lanolin eingeführt, diese in der ganzen Welt bekannte und geschätzte Salbe. Große Verdienste hat sich der Verstorbene auch um die „Balneologische Gesellschaft" erworben, der er durch Rat und Tat zu ihrer heutigen Beden-' tung verholfen hat; unter den Förderern der wissenschaftlichen Bäderkunde steht er mit in der vordersten Reihe. Auch unter den amerikanischen A n s ta n sch Professoren befanden sich Juden. So wnrde 1908 bis 1909 Prof. Dr. Felix Adler von der Columbia-Universität nach Berlin delegiert, wo er Vorlesungen über ethische Probleme in Amerika,, n. a. die Negerfrage, die Frage der Einwanderung aus dem Osten usw. behandelte. Auch in - der „Nobel-Garde Ihrer Majestät der Wissenschaft", d. h. unter den Männern, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, finden wir eine Reihe von Juden, deren Namen freilich schon lange in der ganzen Welt bekannt waren und die nicht erst der Vergoldung durch den Nobelpreis bedurften.

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