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Die Wahrheit · 1911-05-12 · Heft 18 (12.5.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 18 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kinder tu diesen Gegenständen,' durch 'Berücksichtigung der elementaren hygienischen Förderungen, durch eine moderne rationelle Lebensweise wenigstens zum Teil aus eigener' Kraft sich wirtschaftlich heben könnten. -! '; Von diesem Gefichtsputikte - geleitet, und auf Grund eingehender Beratung mit der Leitung der Baron Hirsch-Stiftung, deren in zwanzigjähriger Tätigkeit gewonnene Erfahrungen wir dankbar benützten, entschlossen wir uns, bei der Gründung neuer Anstalten von den größeren Städten, wo eine gewisse kulturelle Entwicklung bereits besteht und die jüdische Bevölkerung sich zum großen Teil bereits daran gewöhnt hat, die Kinder in öffentliche Schulen zu schicken, zunächst abzusehen, und vorzugsweise jene ganz obskuren Ortschaften aufznsuchen, wohin kein Strahl moderner Bildung jemals'gedrungen ist, kein einziges jüdisches Kind auch nur die elementarsten Schulkenntnisse erwirbt, wo die Not die schrecklichsten Formen angenommen hat und Hilfe am allerdringendsten ist. Aus Berichten über einzelne der von uns an solchen Orten begründeten Schulen, die wir im Nachfolgenden mitteilen, ist zu ersehen, in welchen desolaten Verhältnissen die jüdischen Familien. leben, deren Kinder wir unterrichten, wie z. B. diejenigen Schüler beneidet werden, welche auch nur an einem Wochentage eine warme Speise genießen und wie — entgegen den Vorstellungen, die man über die Frömmigkeit und die Kenntnis des Hebräischen unter den galizischen Inden hat, — von 20 eingeschriebenen Schülern nur fünf hebräisch lesen konnten, während alle anderen, darunter acht- und neunjährige Knaben, noch nicht das Beten erlernt hatten. Wir haben natürlich angesichts dieses grenzenlosen Elends häufig neben der Erhaltung der Schule . auch materielle Unterstützungen zugunsten der ärmsten Schüler in das Hilfswerk eiubeziehen müssen. Obwohl derartige Unterstützungen an den Orten, wo der moderne Unterricht von den Chassidim bekämpft wird, aus pädagogischen Gründen unterlassen werden sollten, da sie häufig von der unwissenden Bevölkerung als Prämien für den in ihren Augen zwecklosen Schulbesuch aufgefaßt werden, so mußten wir doch den mit zerfetzten'Kleidern und zerrissenen Schuhen zur Schule kommenden Kindern bei notorischer Armut der Eltern Winterkleider, Schuhe und teilweise auch Wäschestücke spenden, um der verbreiteten Unsauberkeit entgegenzuwirken. Eine andere Frage, mit der wir uns zu befassen hatten, war die über das Verhältnis unserer Schulen zum hebräischen Unterricht, wo er durch private Lehrer (Melamdim) erteilt wird. Auch hier die reichen Erfabrttngen der Baron Hirsch-Stiftung anwendend, haben wir, um den rein praktischen Charakter unserer Anstalt festzuhalten und keinerlei Jngerenz auf die religiösen Anschauungen nehmen zu müssen, den theoretisch nicht einwandfreien aber durch die Verhältnisse einzig gegebenen Weg gewählt: wir haben den hebräischen Unterricht, so wie er von Alters her besteht, dem Belieben der Eltern überlassen und es abgelehnt, ihn in unseren Lehrplan aufzunehmen. Wenti wir das getan hätten, wären wir bei aller Rücksichtnahme auf die traditionellett Vorstellungen gezwungen gewesen, die unzeitgemäße Methode desselben zu ändern und ihn nach pädagogischen Grundsätzen zu gestalten, während die geringste Abweichung vom Herkommen in Bezug auf die Wahl des Stoffes, sowie jeder Versuch einer Akkommodierung an die allgemeine Unterrichtsmethode von den fanatischen Gegnern der Schulbildung als eine Verletzung der Tradition hingestellt worden wäre. An einem der Orte wollten die Chassidim, die von uns begründete Schule dadurch unmöglich machen, daß sie den in dieselbe eingetretenen Schülern den Besuch des hebräischen Cheders Untersagten. Sie rechneten darauf, daß die Eltern, so gerne sie ihren Kindern Elementarbildung verschaffen wollen, auf dieselbe verzichten werden, um nicht des in religiöser Beziehung ihnen unerläßlich scheinenden Cheder-Unterrichtes für die Kinder verlustig zu werden. In diesem Fall blieb uns nichts übrig, als dem Schnlkomitee ausnahmsweise eine aitgemessene Subvention für die Besoldung eines eigenen Melamed für unsere Schüler zu gewähren, ohne jedoch dabei diesen Unterricht organisch in unseren Lehrplan einzufügen nnd dadurch auf seine Gestaltung, den Inhalt und die Methode Einfluß zu nehmen. Wir erachten es nicht für überflüssig, in Bezug auf unsere Aktion in Galizien eine allgemeine Bemerkung über unser Verhältnis zu den anderen von Wien aus in jenem Lande wirkenden Korporationen einzuschalteu, da wir konstatiert haben, daß in weiten Kreisen unserer Freunde hierüber Unklarheit herrscht und an unseren Sekretär bei feinem Besuche verschiedener Ortsgruppen gleichmäßig darauf bezügliche Fragen gestellt würden. Außer unserem Verein befassen sich mit der kulturellen, bzw. wirtschaftlichen Hebung der 'Inden in Galizien einerseits die bereits erwähnte Baron Hirsch-Stiftung, anderseits der „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien." Die „Stiftung" bat mit dem ihr seinerzeit zur Verfügung gestellten Kapital bekanntlich eine große Anzahl segensreich wirkender Schulen in Galizien geschaffen. Sie ist aber mit ihren erziehlichen Unternehmungen an die Grenze ihrer Mittel gelaugt. Sie fand sich in beit letzten Jahren gezwungen, fernere Gesuche und Anträge aus Galizien an nuferen Verein abzulreten, von welchem sie vor Jahrzehnten die Schulaktion übernommen hatte. Ein volles Einvernehmen mit der Stiftung war für uns bei der Fortführung dieses Hilfswerkes umso leichter, als unser Präsident zugleich Präsident des Kttratoriums der Stiftung ist und außerdem drei Mitglieder nuferes Vorstandes dem Kuratorium derselben angehören. Es ist selbstverständlich, daß die Leitung der Stiftung uns in jeder Beziehung die Gründung neuer Anstalten erleichterte und daß wir unsererseits sowohl bei der Wabl der Orte, wie bei der Anstellung der Lehrer nnd bei allen Fragen des Schulbetriebes die Anträge und Ratschläge der Stiftung in erster Reihe berücksichtigten. Daß wir uns überhaupt entschlossen haben das Werk der Stiftung wieder fortzusetzen, geschahnicht, weil unser Verein hiefür größere Mittel zur Verfügung hat, da im Gegenteil unsere Vereins-Einkünfte im Verhältnis zll den Erfordernissen einer solchen Aktion ganz minimal sind, sondern weil wir als Verein, als offene Hilfsorganisation, das Recht und die Pflicht haben, an die hochherzige Mitwirkung aller besser sitnirteu Glaubensgenossen ju appellieren und weil wir das feste Vertrauen haben, daß die Freunde nnd Götiner unseres Vereines, in dem Maße als sie die Notwendigkeit der Aktion erkannt haben werden, uns mit gewohnter Freigebigkeit bei derselben unterstützen würden. Ans d rrDentscheilKonferenzGem ciuschaft der Allianre Ifr. Universelle. Am 25. April fand in Berlin die zehnte Tagung der „Deutschen Konferenzgemeinschaft" statt, die sich vornehmlich mit den bevorstehenden Wahlen für das Zentralkomitee beschäftigte nnd den großen, in einem vorangegangenen Briefwechsel bereits zutage getretenen Widerstreit zwischen den Anschauungen in Paris nnd Berliit neuerdings offenbarte. Nach einem kurzeit Berichte des Geschäftsführers Dr. Apfel referierte der stellvertreteitde Vorsitzende Geheimrat Prof. Dr. Landau in ausführlicher Weise über den Gang der Verhandlungen über die Alliancewahlen. Es ergibt sich daraus, daß die „Deutsche Kouferenzgemeinschaft" trotz mancher Bedenken den Pariser Herren doch soweit nachgegeben hat, daß bei den bevorstehenden Alliancewahlen nicht, wie es satzungsgemäß.wäre, zwei Dritel, sondern nur ein Drittel der Zentralkomitee-Mitglieder ausscheiden und der Neuwahl unterworfen werden sollen. Da nach dem «Statut alle drei Jahre ein Drittel des Zentralkomitees auszuscheiden hat, die letzten Wahlen aber 1905 stattgefunden haben, so wäre bereits 1908 ein Drittel und jetzt 1911 ein weiteres Drittel neu zu wählen gewesen. Auch mit dem Wahltermin, der nunmehr eigentlich ziemlich ungünstig in die Bade- und Reisesaison — auf den 4. Juni, einen Tag nach Schebuoth, definitiv festgesetzt ist, hat sich die Konferenzgemeinschaft einverstanden erklärt. Auch inbeztig auf die aufzustellende Wahlliste wäre es wohl zu einer Verständigung mit Paris gekommen, wenn die Herren dortselbst nicht mit aller Zähigkeit darauf beständen, daß Herr Salomon R e i n a ch wieder aufgestellt werden solle. Um diese Kandidatur des bisherigen Vizepräsidenten der „Alliance" drehte sich hauptsächlich die Debatte.

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