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Die Wahrheit · 1911-05-12 · Heft 18 (12.5.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 18 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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werden über den Hänfen geworfen. Der Kaufmann wird ans seiner Behäbigkeit aufgerüttelt.. Während bisher, in der vor-, kapitalistischen Zeit, das Ausmaß des Absatzes und der Preis sestgelegt waren, um dem. Kaufmanne ein entsprechendes Einkommen zu sichern (naturale Zwecke), ist jetzt der Tauschwertder Erwerbszweck vorherrschend. Das Vorwalten der Geldiuteressen, Kundeneroberung, Reklame, Herabdrückeu der Preise und der Qualität der Waren — das ist die jüdische Wirtschaftsgesiuuung. Dem Traditionalismus, dem Nahrungsideal, der Idee der gesicherten Abgrenzung in der vorkapitalistischen Zeit steht nun diese jüdische Wirtschaftsgesinnung entgegen, die freie Konkurrenz, Freihandel, ökonomischer Rationalismus, der rein kapitalistische Geist. Jüdischen Ursprungs sind die Warenhäuser, die Abzahlungsgeschäfte, die Kreditsvermittlung. Dies ist in großen Zügen der Inhalt des ersten Abschnittes, von dem ich bloß sagen kann, daß manche Einzelerscheinung verallgemeinert wird und die Prämissen für manche Schlüsse nicht genügend fundiert sind. Eine eingehende Kritik muß dem Wirtschaftshistoriker Vorbehalten bleiben. Ich wende mich den folgenden zwei Abschnitten zu, in denen S. von der jüdischen Religion und der jüdischen Eigenart spricht. Von dem, der eine Widerlegung seiner Behauptungen versuchen wollte, fordert S.. daß er nur von der empirisch historischen Tatsächlichkeit ansgehe, dort Jrrtümer Nachweise, wo bestimmte Wirklichkeiten behauptet wurden, oder Trugschlüsse aufdecken in jedem einzelnen Falle, wo es unternommen wird, eine solche Wirklichkeit ursächlich zu begreifen. S. betont seine Objektivität so oft und so nachdrücklich, daß der Leser ihm wohl glauben muß. Aber bei einer sachlichen Prüfung seiner Erschließungen wird man doch zu der Annahme gelangen, daß er vieles durch eine gefärbte Brille gesehen und von dem Grundgedanken, den er zu beweisen hatte, beherrscht, manche Berichte und Tatsachen einseitig beurteilt habe. Daß auch Sombart von seiner These ganz erfüllt ist und daß alles, was weiterhin in sein Bewußtsein eindringen willh durch diesen herrschenden Gedanken hindurchgehen muß, auf diesem Wege beeinflußt wird rmd eine Umdeutung erfährt, das soll in folgendem erwiesen werden. Man müßte ein umfangreiches Buch schreiben, um alle Unrichtigkeiten Ss. zu widerlegen. Zu diesen gehört in erster Reihe, was S. über den Fremdenhaß und den Reichtum der Juden sagt. Auf die vielen kleinen Jrrtümer, die ihm beim Betreten des spezifisch jüdischen Literatnrgebietes unterlaufen, soll schon gar nicht hingewiesen werden. Ich will nur einige wichtige Punkte berühren, um die Methode Sombarts ins rechte Licht zu rücken. Der ..Fremdenhaß" der Inden, der besonders darin zum Ausdruck kommen soll, daß man den Fremden übervorteilen dürfe, wurde schon oft und gründlich widerlegt.*) S. kennt auch, wie aus seinem Buche hervorgeht, diese Literatur. Zu den Umständen, durch welche die Juden zu der außerordentlichen Einflußnahme auf das Wirtschaftsleben befähigt waren, gehört vor allem ihre räumliche Verbreitung (198). „Durch diese hatten sie überall ihre Verbindungen und waren so im Besitze bester Informationen." Dies gehe ans dem „einwandfreien Zeugnisse des französischen Gesandten im Haag aus dem Jahre 1698 hervor. Dieser berichtet, daß die Juden in ihren Versammlungen, welche sie sehr zweckmäßig am Sonntag, während die Christen mit den Pflichten ihrer Religion beschäftigt sind, abhalten, den aus allen Weltteilen zugegangenen Berichten gemäß ihr System für die Woche anfbauen. Diese Systeme, ans dem Feinsten und Spitzfindigsten bestehend, von den Rabbis und Schriftgelehrteu durchsiebt und geläutert, wurden dann am Sonntag Nachmittag den jüdischen Börsenmaklern und Agenten zugestellt. Dieser Bericht macht durchaus nicht den Eindruck eines „einwandfreien" Zeugnisses. Für den Kenner jüdischen Wesens klingt es etwas märchenhaft. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß diese tüchtigen Kaufleute von den *) Siehe besonders: Hoffmauu D. Der Schulchan Aruch und die Rabbinen über das Verhältnis der Inden zu Andersgläubigen 1894. in der Regel unpraktischen Rabbis und Schriftgelehrten sich in geschäftlichen Dingen beraten > ließen. Gänzlich ausgeschlossen ist es ferner, daß die-Konkurrenten ihre. Operationspläne einander mitgeteilt hätten. . . (Fortsetzung folgt.) Die Schnlaktiorren der Allianz in Galizien. Die kulturelle Tätigkeit, die die Wiener Israelitische Allianz in der letzten Zeit durch neue Schulgrüudungen in Galizien entfaltet hat, bildete vor einiger Zeit den Gegenstand heftiger publizistischer Angriffe und darum dürften der breiteren jüdischen Oeffeutlichkeit die Aufklärungen, die über diese Aktion im eben erschienenen Jahresberichte gegeben, werden, überaus willkommen sein. Es ist nicht zum ersten Male, daß die Gründung von Schulen in Galizien im Vordergründe des Interesses der gebildeten Judenheit steht, und daß diese bei ihren kulturellen Bestrebungen äu manchen Orten einen schweren Kampf gegen den weltfremden Chassidismus zu führen hat. Es ist ein volles Jahrhundert, seitdem die in der neueren jüdischen Geschichte bekannten ersten Versuche gemacht wurden, in Galizien moderne Schulen ins Leben zu rufen, welche zu schweren Kämpfen zwischen den Freunden moderner Bildung und fanatischen Gegnern geführt haben. Aber der Wandel der Zeiten zeigt sich gerade in der großen Verschiedenheit zwischen der Bewegung anfangs des 19. Jahrhunderts und den Bestrebungen in unseren Tagen. Zunächst ist der Unterschied bezeichnend, daß damals die Regierung mit lebhaftem Interesse die Bildnngsbestrebnngen unter den Juden förderte, und z. B. Josef. P erl, der int Jahre 1815 zuerst in Tarnopol eine jüdische Musterschule errichtete, vom Kaiser eine Auszeichnung und besondere Privilegien erhielt, während man gegenwärtigwenn man zur Entlastung der politischen 'Instanzen, welche den gesetzlich bestehenden Schulzwang in der'Praxis durchzuführen verpflichtet wären, mit großen .Opfern moderne erziehliche Anstalten begründet, nicht nur ans Gleichgiltigkeit, sondern auf eine gewisse Resistenz der Verwaltungsorgane stößt, und man jede Bewilligung, eines Schnlbetriebes sich mühsam erringen muß. Ein fernerer Unterschied ist, daß damals im Lande selbst eine zwar nicht zahlreiche, aber begeisterte Schar von Freunden der Bildung sich befand, — zu ihnen gehörten Männer wie der Gelehrte Salomon Jehuda Rappaport, der spätere Oberrabbiner von Prag, sowie der humoristische Schriftsteller Jsak Erter, — welche für die geistige Hebung der zurückgebliebenen Glaubensgenossen mit Wort und Tat eintreten, während jetzt die in allen Städten des Landes ziemlich breite Schicht der gebildeten Juden zumeist auf jede Initiative verzichtet und sowohl die kulturellen wie die wirtschaftlichen Hilfswerke von Korporationen außerhalb Galiziens angeregt und geleitet werden müssen.. Ein wesentlicher Unterschied in den Verhältnissen ist aber auch nach der Richtung festznstellen, daß. während in früheren Zeiten die Aufklärungsbestrebungen unverkennbar mit einer Propaganda. für freiere religiöse Anschauungen verbunden waren und daher mit einem gewissen Rechte das Mißtrauen der Chassidim hervorriefen, gegenwärtig die Begründung von Schulen uub Kindergärten oder der Wunsch, dieCheders zu reorganisieren, ganz ausschließlich von dem Bestreben diktiert ist, den im wirtschaftlichen Elende nnd in der Erwerbslosigkeit schmachtenden Inden den Weg zur Selbsthilfe, zu einer menschenwürdigen Existenz, zu ebnen. Es fällt dabei niemand ein, auch nur im geringsten auf die religiösen Anschauungen eine Jngerenz nehmen zu wollen. Die Zeiten sind längst vorüber, wo man glaubte, daß eine orthodoxe Lebensweise und. strenge Religiosität einer bürgerlichen Betätigung und einer Ausnützung der modernen Kulturmittel' im Wege stehe. Es handelt sich jetzt darum, die oft als Opfer der eigenen Unwissenheit unter den armseligsten Verhältnissen in gänzlicher Apathie vegetierenden galizischen Juden davon zu überzeugen, daß sie durch Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen und Zulassung des Unterrichtes ihrer

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