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Die Wahrheit · 1911-05-05 · Heft 17 (5.5.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 17 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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, Nr. 17. Die Wahrheit _ ■_Seite 5. In der Befreiung Äl l e r aus den Fesseln des Absolntismüs ■ihit) des Feudalismus strh er mit eiügeschloffen auch die Befreiung umd Erlösung unserer Glaubensbrüder von dem schwer 'ans'ihnen lastenden Joche und' so ist. er für dieselben publizistisch 'und literarisch und so :: auch auf der Tribüne des Parlamentes und auchim Gerichtssaale eingetreteü. Ich erinnere da an den berühmten Prozeßwelchen er 1856 gegen Dr. Sebastian Brunner, den Redakteur eines der ärgsten Judeiihetzblatter, vdr dem Wiener Lalldesgerichte siegreich führte. Nicht als'individuelle Person, sondern als Repräsentant der ganzen. Bevölkerungsschichtesein er G laub ens gen oss en' trete er vor Gericht, so sprach damals sein Vertreter, der nachmalige Minister Dr. Bergers Ich erinnere air die berühmte Rede Knrandas anläßlich der Beratung der konfessionellen Gesetze im Abgeordnetenhause. Ich weiß, wie oft er, ohne daß es die Oeffentlichkeit erfuhr, in Oesterreich und auch außerhalb Oesterreichs dort eintrat, wo Juden einzeln oder in ihrer Gesamtheit bedrückt, verfolgt,, ihres Glaubens wegen zn leiden hatten. - Und aris dem Vollen meiner Erinnerung nnr eine Episode, welche ich! aus eigener Erfahrung kenne, da ich hiebei in, wenngleich! bescheidener Weise mitzuwirken hatte, will ich kurz ermähnen.' .Es war im Jahre 1882. Die neuzeitlichen russischen Progroms hatten, zahlreiche jüdische Flüchtlinge an und über die! österreichische Grenze getrieben. Es entstand für die österreichische Regierung die Frage, wie sich denen gegenüber verhalten und es gab eine große und sehr mächtige Partei, welche die Abwehr mittelst eines an der galizisch-rnssischen Grenze 'aufzustellenden Militär-Kordons beabsichtigte. Ich will nicht sprechen von den sehr bedeutenden materiellen, sinanzieüen Erfordernissen, den Millionen/ welche mit der Aufstellung eines 'solchen Militär-Kordons an einer lang hingestreckten, trockenen Grenze verbunden gewesen wären, materielle Opfer, für welche man nicht die russischen Verfolger, sondern die armen verfolgten Inden, uns Inden alle, solidarisch verantwortlich gemacht hätte. Aber! welches' Unglück wäre daraus entstanden, wenn Tausende und 'Tausende vor Mord und Raub und Plünderung sich Flüchtende einenr Militärkordon gegenübergestanden wären, der sie gewaltsam zurück, ihren Verfolgern in die Arme getrieben hätte. Die Größe dieses Unglückes'ist gar nicht anszudenken! Damals war es, daß Knranda seinen politischen Einfluß einsetzte für den Schutz, für die Rettung unserer verfolgten Brüder und auch für die Ehre und das Ansehen unserer österreichischen Regierung, welche sich andernfalls dem niemals anszulöschenden Vorwurf furchtbarer Inhumanität und Grausamkeit ansgefetzt hätte. Er war die p o lit is che Seele des Vorstandes. Innerhalb der Gemeinde war sein Angenmerk darauf gerichtet, den'Frieden unter ihren Mitgliedern zu erhalten, und nicht bloß dies, sondern auch, den Frieden mit allen Bewohnern dieser großen Stadt, mit allen Konfessionen. So wirkte er auch als Abgeordneter im Reichsrate, im niederösterreichischem Landtage, als Obmann des Landesausschnsses, als Mitglied des Gemeinderates der Stadt Wien. Ich kann all dies nicht besser darlegen, nicht prägnanter hervorheben, als mit den Worten des Diploms, mit welchem im Jahre 1881 — welch eine kurze Zeit und doch so lange Zeit — ein Menschenalter, und es ist, als ob Jahrhunderte dazwischen lägen, als ob die Zeit znrückgesunken wäre in hie Barbarei vergangener Jahrhunderte' — ihm das Ehrenbürgerrecht der Stadt Wien- (das Ehreilbürgerrecht der Stadt Baden besaß er schon) erteilt'wurde. Das uns hier vorliegende Diplom, welches die höchste Auszeichnungdie seitens der Stadt ihren Bürgern verliehen werden konnte, beginnt mit den Worten, daß er sich durch-* ^ertiorragenbeS Wirken in Schrift und Wort die höchste Achtung seiner Mitbürger erworben hat und fährt in folgender Weise fort:' ' Schon vor dem Jahre 1848 als Schriftsteller für' die Ideen der!' Freiheit 'und des Rechtes begeistert und für die politische Rengestaliung' unseres Vaterlandes 1 im e d elfte n, p ä t r r o.t i f ch e ü G e i st e eintretend, bewährte Herr Ignaz Knranda bis znm heutigen Tage mit maunlichem Mute n n w a u b c l b a r seine' Gesinnung, er gab ihr stets als Publizist und feit dem Jahre 1861 als Abgeordneter der Stadt Dien im Reichsrate und im niederösterreichischen Landtage mit feinen glänzenden Geisteswaffen warmen und beredten Ausdruck. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger vom Jahre 1861 znül Jahre 1873 in die Gemeindevertretung der Ltadt Wien berufen, nahm Herr Ignaz Knranda lebhaften Anteil an der Berätüng/und Beschlußfassung über alle jene großen Unternehmungen, welche von dem Gemeinderate zur Förderung des Aufschwunges der Stadt und des geistigen und materiellen Wohles der Bevölkerung geschaffen wurden. In der israelitischen Kuttusgemeiude widmete sich (so schreibt auch der Gemeinderat der Stadt Wien) Herr Ignaz Knranda seit dem Jahre 1860 als Mitglied und seit dem Jahre 1872 als Präses des Vorstandes mit vollster Hingebung der Hebung des religiösen Geistes und der Verbefferuug und Erweiterung der Hnmanitätsanstalleu seiner Glaubensgenossen und erwarb sich auch in dieser Tätigkeit unvergeßliche Verdienste. In Würdigung dieses ausgezeichneten Wirkens z n m Besten des Staates und der Gemeinde beschloß der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 22. März 188t. Herrn Ignaz Knranda das Ehrendürgerrechl der Stadt Wien zu verleihen und seinen Namen in das goldene Buch der Ehrenbürger eintragen zu lassen." Diesem Diplome möchte ich nur noch das eine hinznfügen, daß Kuranda nicht allein der Verbesserung und Erweiterung der Wohltätigkeitsanstalten, sondern auch der Schöpfung neuer Wohltätigkeitsanstalten sein Augenmerk zuwendete, daß er, um unter Vielem nur eines zn erwähnen, einer der Gründer der segensreich waltenden ,,Israelitischen Allianz" war. Und so schließe ich mir dem herzerhebenden Prvphetenworte, mit welchem ich begonnen habe: -,122 irin:» nrrm. „Ehre seiner Ruhestätte, Segen seinem Andenken." Der älteste Sohn Ignaz Knrandas, Ministerialrat Kamille K n r a n d a, dankte namens der Familie für die erhebende, dem Andenken seines Vaters geltende Feier mit folgender Ansprache an die Versammlung: Es ist ein ungewohnter Fall, daß in einer Sitzung eines Kollegiums des Vorstandes ein Zuhörer das Wort ergreift. Wenn ich dies dennoch tue, so ist es ein Akt kindlicher Pietät und entschuldigt sich dadurch wohl selbst. Hochverehrter Vorstand! Als ältester Sohn jenes Mannes, dem diese so würde- und prachtvolle solenne Erinneruugsfeier gilt, gestatte ich mir, in meinem Namen und in jenem meiner Geschwister und unserer Nachkommen Ihnen den innigsten, tiefgefühlten Dank anszusprechen. Bor allem aber, Ihrem verehrten und würdigen Präsidenten für die so warmen, formvollendeten und inhaltsreichen Worte, die er dem Andenken unseres teueren Vaters geweiht, Worte, welche auf uns einen umso tieferen Eindruck machen mußten, als sie erklangen von jenem Sitze, den der Verblichene durch eine lange Reihe von Jahren eingenommen, aus dem Munde eines von ihm hochgeschätzten Mannes, der lange Zeit sein Mitarbeiter gewesen, und die ertönten in Räumen, die durch viele Jahrzehnte die Stätte seiner Wirksamkeit waren, einer Wirksamkeit, für die das Interesse bis an seinen Lebensabend voll und ganz rege blieb, ein Interesse, welches selbst aus den Fieberphantasien seiner letzten Tage hervorklang. Einen erhebenden Eindruck muß es auf uns machen, daß der Entschlafene im Bilde wenigstens Zeuge ist davon, daß das Gedenken an ihn, an seine Worte und seine Taten und sein Wirken in der Gemeinde nicht verklungen und verschollen ist, sondern fortlebt, innig verknüpft mit der Erinnerung an glücklichere Zeiten, an deren Schaffung er selbst sein redlich Teil Mitarbeit geleistet. Das ist es eben, was uns die tiefe Wehmut ob des Umstandes, daß der Verblichene nicht mehr unter den Lebenden weilt, verklärend mildert: Der Gedanke, daß er nicht mehr miterleben mußte, die. Enttäuschung jener Hoffnung, deren 'Verwirklichung er als höchstes Lebensideal empfunden und am Schluffe seines Lebens eingetroffen wähnte: Der konf es s i 0 n e l l e n n n d sozialen Gleichberechtigung. Daß er nicht mehr ansehen müßte, den Sieg der Gegner aller Anschaltungen, für die er im Leben gewirkt und gekämpft, daß

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