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Die Wahrheit · 1911-05-05 · Heft 17 (5.5.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 17 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite. 4. Die Wahrheit Nr. 17. gehoben wurde und nun in den alten Schlössern der Mark residiert, wo er ewig als häßliMK'Mindes Fragezeichen allem deutschen Empfinden ein Aergerms bietet." Hier wird also dem Kaiser vorgeworfen, daß er semitischen Börsenleuteu den Adel verleihe, weil er ihnen pekuniär verpflichtet sei! Und damit ja niemand an der Person des jetzigen Monarchen vorbeiraten soll, wird später in dem Artikel des Antisemitenblattes noch ausdrücklich mit den Fingern auf ihn gewiesen. So heißt es da. daß der Geheime Kommerzienrat v. Caro 1906 durch den König von Preußen geadelt worden sei „und wird, .von dem „Aktienadel" gesprochen. ..womit Wilhelm .II. sein überraschtes Volk beglückt." Solche Schmähungen nehmen sich besonders häßlick in einem Preßorgan ans. das sonst bei jeder Gelegenheit Heuchlerisch mit seiner Loyalität und Königstrene renommiert. Uebrigens ist den „Deutsch-Sozialen Blättern" bei der Aufzählung dieses „semitischen Börsenadels" wieder ein sehr komisches Versehen passiert. Sie rechnen nämlich den Geheimen Kommerzienrat v. Ravens dazu. Louis Ravens, der einer französischen Refugis-Familie entstammt, wird sicherlich sehr heiter gestimmt werden, wenn er von der genealogischen Gewissenhaftigkeit des Liebermannschen Organs erfährt. Das Malheur ist aber noch größer. Herr-Ravens hat nämlich in jüngeren Jahren einmal bei einer Ersatzwahl in Berlin für die sogenannte „Berliner Bewegung" kandidiert, an deren Schaffung Herr Liebermann v. Sonuenberg doch nicht ganz unschuldig ist? Der bekannte Erlaß der Königsberger Behörden gegen die russischen und österreichischen Juden, der im vorigen Monat auch im deutschen Reichstag zur Sprache kam, wird in der «Boß. Ztg." wie folgt glossiert: „Tagtäglich wird über Schönherrs „Glaube und Heimat," seinen Inhalt, seine Tendenz, seine Berechtigung und seine Wirkung debattiert. Vielleicht ist da auch ein Vorschlag am Platze. Den Höhepunkt erreicht die Tragödie in der Szene, in der dem Vater mitgetheilt wird, er habe beim Verlassen der Heimat seinen minderjährigen Sohn zurückznlassen. In Ostpreußen ist in der letzten Zeit ausländischen Juden der Aufenthalt nur unter der Bedingung gestattet worden, daß sie sich verpflichten, ihre Söhne mit vollendetem neunten Lebensjahre wieder ins Ausland zu senden. In der Tragödie wie im Leben soll der Vater seinen minderjährigen Sohn um seines Glaubens willen verlassen, dort ihn in der Heimat znrücklassen, hier ihn aus der neugewonnenen Heimat entfernen. Wie wäre es, wenn man den ostprenßischen Beamten, die mit der Ausweisung von Ausländern - beschäftigt werden, die Schönherrsche Tragödie Vorspielen ließe, damit sie die Konsequenzen der Maßnahme erkennen? Vielleicht bemühen sie sich dann von selbst, die Aufhebung der Verordnung herbeizuführen. Denn das darf doch heutigen Tages keinen Unterschied machen, daß es sich in der Tragödie um Christen Augsburgischer Konfession, in der preußischen Verordnung aber um Inden handelt." * * Während der Debatte über das Budget des hl. Synods in der Reichsduma erwähnte Graf Uwarow u. a., daß der bekannte jüdische Philantrop Baron Hirsch seinerzeit Pobedonosszew eine Spende von einer Million Rubel für die Bedürfnisse der griechisch-orthodoxen Kirchenschulen überreicht habe; er habe damit den damals allmächtigen Oberproknror des Synods für die Aufhebung des jüdischen Ansiedelungsrayons gewinnen wollen. In diesem Anlaß weiß die „Utro Rossiji" jetzt näheres mitznteilen. Paron Hirsch hatte sich seinerzeit sehr für die Organisation einer Auswanderung der russischen Juden nach Argentinien interessiert; um nun dies Unternehmen auf durchaus legale Grundlage zu stellen, da die eigenmächtige Emigration für die in Rußland verbliebenen Angehörigen viele Unannehmlichkeiten zur Folge hat, unternahm es ein anderer jüdischer Millionär Poljäkow, die Verhandlungen mit den höheren bureäukratisch'en Kreisen einzuleiten. Dem Oberprokureur Pobedonosszew -teilte er mit, Baron Hirsch sei bereit, eine Million Rubel (nicht Franken!). für die Bedürfnisse der orthodoxen Kirchenschulen, die Pobedonosszew sehr am Herzen lagen, zu spenden. Ans dieser Spende wurde durchaus; kein Geheimnis gemacht, das Geld wurde > eingezahlt -Und Pobedonosszew unterstützte seinerseits das Emigrationsunternehmen, aber nicht in dem Maße, als Hirsch gehofft hatte; ihm hatte die Auswanderung eben derkräftigsten und tüchtigsten jüdischen Jugend im Alter von 20—2b Jahren vorgeschwebt, während die Regierung die Bedingung stellte, daß 'nur familienweise ausgewandert werden solle, sy daß -Greise und- Gebrechliche Mitmnßten. Ferner wurde Baron Hirsch-versprochen, die Ansiedelung von Jilden auf dem. flachen Laude §11 gestatten, um sie an die landwirtschaftliche Tätigkeit zu gewöhnen; aber dies blieb eben nur ein Versprechen. Endlich hat , Baron Hirsch noch eine Kaution von 200.000 Rubel stellen - müssen, um den eventuell Znrückkehreuden als Unterstützung zu dienen. Das Kapital ist aber fast vollkommen .unbenutzt geblieben.: Das ist die in mancher Hinsicht interessante und lehrreiche Geschichte einer jüdischen Million . . . Ignaz Knrandas Illv. Geburtstag. Zur Erinnerung an den 100. Geburtstag des durch sein Wirken unvergeßlichen ehemaligen Präsidenten der Wiener Kultnsgemeinde Dr. Ignaz K u r a n d a veranstaltete der Knltnsvorstand am 2. Mai in einer öffentlichen Plenarsitzung eine solenne Gedenkfeier, an welcher die Familie Knrandas, zahlreiche Gemeindemitglieder lind der. gesamte Knltnsvorstand teilnähmen. Präsident Dr. Alfred Stern eröffnete. die Festversammlnng mit folgender Rede: Wir haben uns zu einer Gedächtnis- und Geburtstagsfeier versammelt. Es fährt sich nach jüdischer Zeitrechnung heute den 4. Jjar zum hundertsten Male der Geburtstag des Mannes, dessen lorbeerbekcänztes Bild hier auf uns niederblickt, des einstmaligen Präsesunserer Knltnsgemeinde, Dr. Ignaz K n x a n d a. ' Wenn wir unseren Friedhof besuchen, so treten wir gleich, beim Eingänge rechts in der Hanplallee drei Ehreugräbern gegenüber. Eines der Grabmoniunente trägt als Inschrift das Prophetenwort: „Seine Ruhestätte ist und wird sein die Ehre" und dieses -Wort unseres Propheten Jesajas würde passen als gemeinsame Inschrift über die Grabhügel der drei Männer, welche vor Mehreren Dezennien gleichzeitig in unserer Gemeinde walteten: Kur a n d a, Josef W e r t h e im e r, K 0 m p e r t. . Eine Sternentrias, deren Licht hell leuchtete in unserer Jndenschaft. in unserem Vaterlande Oesterreich und weit Hinaus über dessen Grenzen. .!v Wenn wir heute Knrandas gedenken, so kann ich es . nicht als meine Aufgabe erachten, hier über seine an literarischen und politischen Erfolgen so überaus reiche Tätigkeit zuberichten. Die Besprechung der schriftstellerischen nnd politischen Tätigkeit Knrandas und die Erinnerung an dieselbe fällt den schriftstellerischenund. politischen Kreisen, den öffentlichen Korporationen, den öffentlichen Journalen -zu. Die hervorragendsten Journale , Wiens. Haben in den letzten Tagen dessen gedacht. Reichstag und Landtag, wenn sie tagen würden, sollten sich das Gedenken - an so hervorragende Parlamentarier nicht entgehen lassen, sie entgehen eines solchen Gedenkens, weil sie nicht tagen. Aber dem um das Wohl unserer Vaterstadt Wien so hoch verdienten Gemeinderate und Ehrenbürger dieser Stadt gebührte ein Gedenken in dem derzeit tagenden Gemeinderat. Hier an dieser Stelle abseits dem Getriebe der Politik gedenke ich des edlen dahingeschiedeuen Glaubensbrnders, seiner Beziehungen 51t unserer -.Glaubensgemeinschaft, des Präses unserer Knltnsgeineittde. Allerdings sind aber auch diese Beziehungen vielfach.verknüpft mit Literatur und Politik.. In dem Männe, der in seiner Jugendzeit seine Glaubensbrüder bedrückt und geknechtet sah, in dem mußte frühzeitig - der Drang sich entwickeln, dem Drucke und der Knechtungüberhaupt entgegenzntreten und für das Recht aller einzustehen. - Dieses wahre Wort, gesprochen von unserem ehrwürdigen Rabbiner an dem Grabe, des -edlen Mannes, gibt nns den Schlüssel zu einem Rückblick ans dessen literarische, publizistische und politische . Tätigkeit in dem uns hier beschäftigenden Teile derselben.

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