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Die Wahrheit · 1911-04-28 · Heft 16 (28.4.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 16 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr 16. , Die Wahrheit ich Sie nochmals wärmstens,. danke Ihnen für Ihr so überaus zahlreiches- Erscheinen und wünsche, daß Ihnen das Mahl wohl bekommen möge. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.) ' . . ■ . ' Kaisertoast, gesprochen vom Präsidenten der Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern. Verehrte Festgenossen! Wenn ich den Worten, welche ich mi Sie zu richten vorhabe, eine Devise voranschicken darf, so möchte ich für dieses Wahlwort den Titel einer vor kurzem erschienenen vortrefflichen Schrift wählen, welche ich Ihnen zum Lesen auf das wärmste empfehle und die lautet: „Geschichten und Geschichte". Die Geschichte, das ist die unendlich lange Leidensepoche unseres Volkes, bie mir selten und ans kurze Zeit durch einen Sonnenstrahl einer besseren Zeit unterbrochen wurde; und Geschichten sind wieder jene Quälereien, welche, als nicht mehr Scheiterhaufen loderten, keine Masfenaustreibnugen mehr veranstaltet wurden und alle Leidenszeit vorüber war, in der Gesetzgebung ihren Ausdruck fanden, das sind die Beschränkungen bezüglich der Eingehung der jüdischen Ehen, das sind die schmachvollen Bestimmungen, betreffend die Zeugenschaft der Juden, das sind die Ausschließungen von dem Aufenthalte der Juden in gewissen Orten über eine bestimmte Zeit, das ist der Ausschluß der Inden von einer ganzen Reihe von Erwerbszweigen, vom Grundbesitze und was alles noch so mancher unter Ihnen, und zu diesen gehöre ich selbst, mit erlebt und mit angesehen hat. Erst vor wenigen Tagen kam-mir eine ganz merkwürdige Urkunde in die Hand, die Gründnngsnrkunde des Leopoldstädter Tempels, welche besagt, daß die Erwerbung jenes Grundes, auf welchem dieses Gotteshaus steht, den Gegenstand einer Beratung des Ministerrates bildete und daß diese Aktion erst Seiner- Majestät zur Entscheidung vorgelegt werden mußte, welche allerdings in günstigem Sinne erfolgt ist. Verehrte Festgenossen! Das Brudermahl, welches wir heute hier, feiern, ist — wie Ihnen bereits der ausgezeichnete Herr Präsident der Chewra Kadischa ansgeführt hat — eine Wiederholung der schönen Sitte ans früheren Zeiten, und da immer dort, wo Glaubensbrüder an einem Tische sich zusammen finden, neue Gedanken anftancheu, welche dann auch ihre Verwirklichung finden, so war es, oft auch bei den Versammlungen der Chewra Kadischa. . Bei einem solchen Brndermahle in den Fünfziger Jahren wurde durch den unvergeßlichen Prediger Dr. Mannheimer die Notwendigkeit der Erwerbung eines neuen Friedhofes klargelegt. (Beifall.) Gelegentlich eines späteren Chervramahles im Jahre 1862 hat der uns ebenfalls unvergeßliche Josef von Wertheimer die Idee zur Gründung eines Vereines zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen lanziert und Dank dieser Anregung Joses von Wertheimers ist die Wiener Knltnsgemeinde heute in der Lage, etwa 1000 bis 1200 Waisenkindern teils in externer, zum Teile in der Außenpflege hilfreich zur Seite zn stehen. (Lebhafter Beifall.) Und wieder bei einem anderen Chewramahle — es war in dem Jahre 1863 — hat abermals Dr. Mannheimer ans die Notwendigkeit der Erweiterung des jüdischen Krankenhauses hingewiesen. Das neu erweiterte Jndenspital ist gebaut worden und in diesen Tagen ist eine abermalige Erweiterung dieses Krankenhauses unserer Gemeinde im Zuge. (Neuerlicher Beifall.) Und endlich ist— ich will nur noch dies eine erwähnen. um Sie nicht zu ermüden — bei einer festlichen Brndermahlzeit in. dem Jahre 1873 wiederum von Josef von Wertheimer die Mitteilung .gemacht worden von der damals erfolgten Gründung der Israelitischen Allianz., Sie sehen also, meine hochverehrten Herren, daß solche .Zusammenkünfte der Chewra Kadischa stets neue Ideen wachrufen und wie diese Gedanken wirkliche Formen erhielten nnd . in segensreiche Werke umgewandelt wurden. Das alles konnte aber erst in einer Zeit geschehen,, wo die Geschichten, diese Quälereien iiiib‘ Beschränkungen, von welchen ich vorhin gesprochen habe, aufgehört haben. . Und wem verdanken wir es. daß alle diese, Schikanen mit einem Schlage aus der Welt geschaffen wurden,' und daß die Gleichberechtigung vor dem Gesetze in Wort und Tat dicrchgeführt wurde? Wir danken das alles dem Manne, welcher an der Spitze des Reiches steht (die Versammlung erhebt sich von den Sitzen), unserem erhabenen Monarchen, und so bitte ich Sie, hochverehrte Versammlung, mit mir einzuftimmen in den Ruf: „Der oberste Schützer der Staatsgrundgesetze, durch welche uns volle Gleichberechtigung gewährt wurde, Seine Majestät Kaiser Franz Joseph der Erste, er lebe hoch, hoch, hoch!" (Die Versammlung bricht in ein begeistertes dreimaliges Hoch ans. Die Kapelle intoniert die Volkshymne, die von der Versammlung stehend mitgesnngen wird.) Toast auf die Kultusgerneinde nnd den Borstand. Oberrabbiner Dr. M. Güdemann. Wenn ich heute diesen Saat überschaue, dann führt mich meine Erinnerung vierzig Jahre zurück in denselben Saal und zu derselben festlichen Gelegenheit. Es war das erste Chewra- Mahl, dem ich in Wien beiwohnte. Ich war jung, und ein Hauch von Jugend belebte auch die Alten, die an jenem Mahl teilnahmen, denn ganz Oesterreich halte sich verjüngt und das Bürgerministerinm stand als Hort freiheitlicher Entwicklung an der Spitze der Regierung. Aber wie ganz anders haben sich die Dinge gestaltet, als wir vor 40 Jahren erhofften! Der Zeitraum von 40 Jahren hat für uns eine typische Bedeutung. Vierzig Jahre hat es gedauert, bis Israel aus der Wüste ut das gelobte Land kam. In Oesterreich haben wir während der letzten 40 Jahre den umgekehrten Weg zurückgelegt. Unsere Gegner schwelgen allerdings in Milch und Honig. Gar manchen von ihneri hat die vvrgespiegelte Sorge um den kleinen Mann zn einem großen Mann gemacht und es gibt unter ihnen nicht wenig Geheime Räte, deren Verdienste so geheim sind, daß man sie erraten muß. Die Juden hat man aber von der Grenze des gelobten Landes, an der sie vor 40 Jahren zn stehen glanbten. wieder znrückgedrüngt und am liebsten möchte man uns wieder nach Egypten zurückdrängen. Es ist aber ganz gut, daß wir unser Chewra-Mahl nach Pessach abhalten. Das will bedeuten: wir lassen uns nicht mehr nach Egypten zttrückdrängen. Wenn wir auch eine Minorität sind, es lebt etwas in uns, wodurch wir schon mit mächtigeren Feinden fertig geworden sind, als den jetzigen. Das ist unsere Widerstandskraft. Ich habe diesen Winter das Drama „Glaube und Heimat" gesehen. Es ist ein mit Recht preisgekröntes Stück, aber das Sujet ist doch nur eine Kopie, und eine sehr schwache Kopie aus der jüdischen Geschichte. In dem Stück werden die Protestanten ans ihrer steirischen Heimat ihres Glaubens wegen vertrieben. Eine Frau stirbt auf der Bühne, die Bibel an ihr Herz drückend, die sie auch im Tode sich nicht entreißen läßt. Weist nicht die jüdische Geschichte dasselbe Sujet auf? Sie besitzt kein anderes. Aus allen Ländern hat man die Juden im Mittelalter ihres Glaubens wegen vertrieben, nur ein Vaterland konnte man ihnen nicht rauben: Die Bibel. „Entweder mit diesem oder auf diesem", sagte die antike Mutter ihrem in den Kampf ziehenden Sohne, indem sie ihm den Schild überreichte. Unseren Schild (Mögen Awrohom) haben sich unsere Voreltern nicht entreißen lassen und wir dulden es auch nicht. In dem erwähnten Stück sagt der junge Rott ein sehr gutes Wort zir seiner eigenen Charakteristik, das jedem Juden aus der Seele gesprochen ist. „Ich habe einen breiten Buckel und mein Gott hilft mir tragen." Das ist die Quintessenz der jüdischen Geschichte. Wir Inden sind ein *p*r wp asr ein hartnäckiges Volk, wir haben einen breiten Buckel nnd unser Gott hilft uns tragen. „Ich trug euch auf Adlersfütigen" — diese alte Verheißung Gottes hat sich immer au uns bewährt, mochten wir nun den Weg ans der Sklaverei in die Freiheit machen, wie vor 40 Jahren, oder mochte man uns in die Unfreiheit und in das Unrecht zurückdrängen wollen, wie seit den letzten Jahren, Gott ist mit uns. Er, der Israel aus Egypten befreit hat. er „wollte keine Knechte". Das uns am nächsten liegende Wahrzeichen dieser Gewißheit bildet unsere Knltnsgemeinde. Das erste Gotteshaus unserer

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