Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 16 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. ' - - Die Wahrheit . Nr. 16. Hub beu Silben gehört es ... Jeher der zur Zeit des Purimfestes in New-Iork weilte, muß von diesen Worten über-- zeugt fein. Das war kein Festdas sich nur innerhalb der Wohnhäuser abspielt; nein, in den Straßen, auf allen öffentlichen Plätzen, in den Kafshänsern und selbst in den Theatern konnte man die fröhliche Stiinmnng beobachten. Und ganz merkwürdiger Weise übertrug sich die fröhliche Stimmung, die dem jüdischen Charakter enlsprechend die Grenzen des Schicklichen niemals übertrat, auch auf die andern Gläubigen. So kam es, daß Purim auch von vielen Nichtjndeu gefeiert wurde. Maskenzüge wurden veranstaltet.. die Szenen aus der Pnrimgeschichte darstellten und nnterMnsikdurch dieStraßen zogen. Auch für die auf Ellis Island internierten Inden wurde von der jüdischen Einwandernngsgesellschaft eine Pnrimfeier veranstaltet, der ich beiznwohnen die Ehre hatte. Rev. Dr. Schulmann, der in einer znm Herzen gehenden Rede den Unglücklichen Trost znsprach, hielt das Abendgebet. Hierauf wurde 'ein echtes Pilrimmahl serviert. Um die Mitteruachtsstnnde erreichte ich den Batteryplace, der Landnngsstelle des Ellis Island-Schiffes. Geisterhaft nahmen sich die entlaubten Bäume im sanften Lichte des Mondes ans, ihre Wipfeln schienen wie in lauteres Silber getaucht. Der feuchte Kies des Weges blinkte in den Strahlen des nächtlichen Gestirnes als wären es funkelnde Diamanten! In dem leichten, bläulichen Nebel glaubte ich jene granbärtigen Gestalten zu sehen, die ans der Insel der Träume ihres ungewissen Schicksals harren. Wolle Gott, daß wir New-Jorker Inden unsere Forderungen durchsetzen und diesen ihres Vaterlandes Enterbten ihr Lebensglück wiedergeben können. Nur dann werden wir uns unseres Besitzes und Friedens freuen und mit einiger Ueberzengnng ansrufen können: „Hub uns Juden gehört es." Mit bestem Gruße , S. P. Justus. Krndermahl der Wiener Chewra- Kadischa. Ein selten schönes und erhebendes Bild botdie glänzende Festversammlnng, die sich Sonntag, den 23. April über Einladung des Vorstandes der Chewra-Kadischa in den prachtvoll dekorierten Räumen des Sosiensaales znm traditionellen Brudermahle vereinte. Wenn man den Blick über die herrlich gedeckte und im Blumenschmuck prangende Tafel schweifen ließ und an derselben die offiziellen Repräsentanten des Wiener Judentums, die Männer der Wissenschaft. Kunst und Politik, die Vertreter der Großindustrie und Hantefinanze mit dem einfachen Gemeinde¬ oder Chewrainitgliede in ernstem oder heiterem Gedaukenanstansch sah und dann noch sein Auge bewundernd ans den schönen Kranz der Damen auf den Gallerien richtete, die mit lebhaftem Interesse die Vorgänge im Saale verfolgten, dann mußte man aufrichtig bedauern, daß solche Gelegenheiten nicht öfter gesucht werden, die die einzelnen Schichtungen der Gemeinde aneinander näher bringen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken und gegen Jndifferentismns und Abfall ein wirksames Mittel bieten würden. Die Stimmung war eine außerordentlich animierte und wurde noch gehoben durch die geistreichen Reden und die künstlerischen und kulinarischen Genüsse, die den Festgästen geboten wurden. Nach herzlichen Begrüßungsworten des Präsidenten Salo Cohn sprach kaiserlicher Rat Oberkantor Singer den Segenssprnch „Hamozi lecliem“, lubmiit vom Restaurateur Sigmund Löwy (Hotel Enrope) das ebenso reiche als schmackhafte Menü serviert wurde. Zwischen den einzelnen Gängen wurden vie Toaste gesprochen und als die Reden beendet waren, trug I. Kantor Schleifer, stimmlich ausgezeichnet disponiert, das Tischgebet in echt traditioneller Weise höchst wirkungsvoll vor. Eine besondere Ueberraschnng folgte nun, als,Meister Alfred G r ii it f e I b sich ans Klavier setzte und zunächst einige herrliche Gaben seiner genialen Knust bot und -dann zwei vollendete Cellovorträge Professor Josef Snlzers auf ' dem Klavier begleitete. Mit jüdischem Sang, der durch Vortrag eines 8s hajom in Oberkantor M S ch o r r einen' meisterhaften Interpreten fand, schloß das schöne Fest, für. dessen Gelingen allen Arrangeuren desselben, besonders aber dem hochverdienten Präsidenten der Chewra-Kadischa. dessen kunstsinniger Geschmack in allen Details znm Ausdruck kam. Dank und Anerkennung gebührt. ' Erwähnt seien noch zwei literarische Darbietungen, die ausgezeichnete von Dr. B. Wach st e i n und Rabbiner Dr. G r ii ii w a l d verfaßte Festschrift und ein hnmoristisches Gedicht des kaiserl. Rates Oderkantor S i n g e r, das alle Präsidenten der Chewra von der Gründung bis. znm heutigen Tage Revue passieren ließ. Im Nachfolgenden gebenwir. die Festreden teils vollinhaltlich, teils ansziiglich wieder: Eröffnungsansprache des Präsidenten der Chewra- Kadischa, Herrn Salo Cohn. Hochverehrte Festversammlnng! Nach einer fünfjährigen Pause haben wir uns wieder zu einem Brndermahle hier vereinigt. In der langen Reihe ähnlicher Veranstaltungen, deren erste nachweisbare in Wien vor 600 Jahren stattgefnnden hat, ist es mir heute znm zweiteninale vergönnt, in meiner Eigenschaft als Präsident dieser Chewra-Kadischa, Sie, meine Verehrten, in brüderlicher Weise auf das herzlichste zn begrüßen. Besonders begrüße ich den hochverehrten Präsidenten unserer Knltnsgemeinde Herrn Doktor Alfred Stern, ferner unseren hochgeschätzten Herrn Oberrabbiner Dr. Moritz G üd ein a uit; eine ganz spezielle Freude bereitet mir aber die Anwesenheit des Seniors dieser illnstren Gesellschaft,, des Herrn Rabbiners Dr. Adolf S ch m i e d l. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Trotz seines hohen Alters — er stand unmittelbar nach der Feier seines 90. Geburtstages — hat er es sich nicht nehmen lassen, bei der letzten Tranerandacht der Chewra-Kadischa eine Ansprache zn halten, und heute nimmt er, die Beschwernisse des Alters überwindend, an unserer Festesfreude teil und beweist damit aufs neue, wie innig er mit der Chewra-Kadischa verwachsen ist. Sie werden gewiß mit mir übereinstimmen, wenn ich dem Wunsche Ausdruck gebe, daß der Allmächtige unseren verehrten Senior noch lange, lange bis an die äußersten Grenzen des menschlichen Alters in geistiger .nnd körperlicher Frische erhalte. (Lebhafter Beifall.) Meine verehrten Herren und Bruder! Ich habe mir erlaubt, Ihnen als persönliche Widmung zur Erinnerung an das heutige Fest eine Abhandlung ans der Feder des Herrn Doktor, Wachstein über das erste uns bekannte Statut der Chewra- Kadischa nebst einem Anhang über die Familiengeschichte eines der Gründer unserer Vereinigung von Herrn Rabbiner Doktor G r u n w a l d zn überreichen. Unter den mannigfachen Betrachtungen, welche sich bei dem Lesen dieser Schrift ergeben, drängt sich ganz besonders die eineTatsache ans, daß unsere Chewra-Kadischa entgegen den sonstigen Vereinsgründnngen ihre Entstehung, beziehungsweise Wiederbelebung nicht etwa lebenserfahrenen in vorgerückteren Jahren stehenden Männer verdankt, sondern der tiefen Begeisterung von jungen Männern, von Jünglingen ans der besten Gesellschaft. Dieser Bund der Jugend ist dann allmählich über seine ursprünglichen Ziele und. Zwecke hinansgewachsen, er wurde zu einer Bruderschaft, welche fast alle Mitglieder der Wiener Judenschaft umschlang.' Uns. die wir hier alle znm Brndermahle versammelt sind und znm größten Teile schon in reiferen Jahren 'stehen, maß sich der Wunsch anfdrängen, daß es uns vergönnt sein möge, auch die heutige Jugend mit dieser edlen Begeisterung zn erfüllen, damit unser Nachwuchs mit Stolz und Freude die Ueberlieserung weiter pflege. . „Freude am Wohltnn!" diese ehrenvolle Charakteristik des jüdischen Gemütes ans dem Munde unseres erhabenen Monarchen anläßlich seines 60jährigen Negiernngsjnbilänms, die Freude am Wohltnn war^s, welche neben der religiösen Begeisternng an der Wiege unseres Vereines stand; sie ist es. welche uns auch heute bei diesem Feste in solch imposanter' Anzahl vereinigt hat, und sie wird wie in allen vergangenen Zeiten auch in Zukunft das innige Band unter den Inden bilden, sie ist und bleibt insbesondere das Panier der.Chewra- Kadischa. In diesem Sinne, meine verehrten Herren, begrüße