Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 16 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion imb 9lbmhiifUatiou: Wien, II/, Nvvcuagasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. 1 DnaöHaugige Aerlschrift für Mische Nerngspreie-: «.Vanziahrig.K 14.— Halbjäbrig.X 7.— Administration 4938/U, K. k. öftere. Vostsparkassa- Schect-Koino Nr. 300.918. Jlttterejjeti. Für JfiiltU'Jbeumte: iMiimi'ibiiil.K •<). — Inserate: , Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areitng. Für Ausland: AbonnemeniS- und JnsertionS- «Ättnzlabria.8 Mark betröge und in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 rlknbel öder >8 Fre». Ar. 16. ieu. 28. April Inhalt: New-Iorker Brief. — Bruderinahl der Wiener Chewra-Kadischa. — Galizischer Hilfsverein. — Die Landtagsstichwahl ut Czernowitz. — Der Auszug Israels ans Egypten nach der mohanunedanischen Ueberliefernng. — Verschiedene Nachrichten. — Exotische Synagogennmsik. — Austritte ans dem Jndentume. Uew-Uorker Krief.*) New-Iork, 18. März 1911. , ' Geehrter Herr Doktor! William Mac. Adoo, der Chefrichter der Manhattaner Polizei-Gerichte von New-Iork City, hat letzte Woche auf einem Bankett der den St. Patrickstag feiernden Irländer erklärt: „New-Iork. ist von den Italienern entdeckt worden, aber die Irländer beherrschen es und den Juden geh ö rt es. Diese Worte hätten sich, von einem Inden gesprochen, hochmütig und herausfordernd angehört. Wie überzeugt muß nun dieser irländische Richter von der Machtstellung der Juden in New-Iork sein, daß er die Hudson Metropole direkt als jüdisches Besitztum erklärt. Es könnte nun den New-Iorker Juden zum Vorwurf gemacht werden, daß er „Unkle Sams“ Gastfreundschaft mißbraucht habe. Wenn wir aber die Entwicklung in dem letzten Dezennium betrachten, so sehen wir, daß die Arbeitswilligkeit und der Pflichteifer des New-Aorker Juden auf jedem Gebiete große Leistungen und so auch seine jetzige Stellung zur Folge haben mnßte. Noch vor zehn Jahren war die westliche Hälfte der „Eastside“ mit allen seinen Vergnügungsstätten und Schulen durchwegs deutsch. Da begannen plötzlich in ganz Rußland die wüsten Flammen der Revolution aufznlodern. Und als nun Väterchen mit seinen Judenmetzeleien der Welt zeigen wollte, wie unreif sein Volk für eine konstitutionelle Verfassung sei, da begann sich auf einmal der Charakter New-Iorks zu verändern. Die Masseneinwandernng der Juden brachte es mit sich, daß die Grenzen des Judenviertels sielen. Der Jude siedelte sich mitten im Kleindeutschlaud an. Der biedere Michel, nicht sonderlich über feinen neuen, bärtigen Nachbarn erbaut, zog weiter nach dem westlichen New-Uork. Das Thalia-Theater, auf dessen Bretter kurz zuvor der unvergeßliche Sonnenthal sein ruhmreiches Gastspiel vollendet hatte, trug dem Kunstbedürfnis seiner neuen Umgebung Rechnung und zeigte bald darauf den Einzug der jüdischen Muse an, welches Ereignis damals in Extraausgaben der deutschen Blätter besprochen wurde. Nicht mehr begnügten sich die Juden, ihre Fabriken und Geschäfte in den kleinen Straßen des Ghettos anzulegen; sie erkannten als erste die ausgezeichnete Lage des Broadway und begannen hier ihre Geschäftshäuser zu errichten. Und in fünf Jahren sehen wir schon die größten Fabrikshäuser in den Händen der Juden. -— Der New-Iorker Jude ist aber nicht nur materialistisch *) Infolge der Feiertage verspätet. veranlagt; jede sich ihm darbieteude Gelegenheit ergreift er, um seinen Wissensdrang zu stillen und seine Bildung zu erhöhen. Nur aus diesem Umstand läßt es sich erklären, daß sich in New- Iork allein sechs jüdische Tagesblatter und fünfundzwanzig Wochenblätter, die alle sehr gut redigiert sind, mit Erfolg behaupten. Auch ans dem Gebiete der Kunst bleiben wir hier vor den anderen Nationen nicht zurück. Fünf große jüdische Theater und eine große Anzahl jüdische Vaudevilles mit guten Ensembles sorgen für das Kunstbedürfnis der hiesigen Juden. Vergangene Woche wohnte ich im Thalia-Theater der Aufführung „König Lear“ mit Jakob P. Adler in der Titelrolle bei. Ich habe schon vergangenes Jahr diesen trefflichen, jüdischen Schauspieler als Shylock bewundern können und auch diesmal kann ich ihm für seine meisterhafte Darstellung meine ganze Anerkennung zollen. Ein eigenartiger, aus dem Vollen schaffender Künstler, dieser Jakob Adler. Einen zweiten Sonnenthal möchte ich ihn nennen. Einer, der verschwenderisch geben kann, ohne fürchten zu müssen, bei irgend einer Paradeszene zu versagen. Natürlich bis znr äußersten Konsequenz, einfach und machtvoll ist dieser jüdische Schauspieler Adler. Er ist ein ausgesprochener Realist. Da ist keine Pose studiert, kein Wort scheint berechnet, aber instinktiv ist der Mime der Wirkung sicher. Von Szene zu Szene wuchs Adler mit seinem „Lear", und schließlich glaubte ich die ergreifende Gestalt des Dichters zum Leben erstehen zu sehen. Auch will ich bemerken, daß Adler ein ebenbürtiges Ensemble zur Seite stand. Und daß neben dem Thalia-Theater auch alle anderen jüdischen Vergnügungsstätten volle Häuser aufzuweisen haben, zeigt, daß die jüdische Kunst in New-Iorkglänzende Früchte treibt. Der amerikanische Jude, der im Durchschnitt wohlhabender ist als seine europäischen Brüder, ist aber auch auf sein Judentum und seine „Mameloschen" stolz. Wenn auch sein Bankkonto noch so viele Nullen anfznweisen hat, so wird er doch keine Gelegenheit Vorbeigehen lassen, sich seiner bedrängten Glaubensgenossen anzuuehmen — das ist ein den amerikanischen Juden!eiut3eidjiien&e§ Charakteristikon. Eine Woche, nachdem ich Ihnen über die strengen Eiuwanderungsgesetze des Einwanderungskommissäs Williams referiert, hatte sich hier ein Komitee der reichsten und angesehensten Juden unter Paul Schiff, dem Unermüdlichen, gebildet, dessen Parole „Fort mit dem Tyrannen auf Ellis Island" ist. Biegen oder brechen heißt es hier, wo das Glück vieler Tausender in Gefahr steht. Und ich bin überzeugt, daß Mister Williams in kurzer Zeit gewesen sein wird.