Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 9. .Heinrich Heine hat noch heute, wie zn seinen Lebzeiten, begeisterte Verehrer und fanatische Feinde, es wird um ihn gekämpft, als könne seine scharfe Feder fort und fort blutigen. Hohn und Ironie oder süßen Honig einschmeichelndster Grazie verspritzen. Seine Persönlichkeit beweise dadurch gewisser Maßen nur itire „Zähigkeit und Fortdauer. Neben Shakespeare, Dante, Goethe, Schiller, Hebbel heißt es: „Heine — und kein Ende!" Den ersten Rang ans der allerjüngsten Heine-Literatur nimmt unstreitbar die von Rudolf Unger, Julius Zeitler, Rudolf /Fürst und Hans Dafsis sorgfältig redigierte und bei billigem Preise vornehm ansgestattete Gesamtallsgabe aus dem Tempel- Verlage in Leipzig mit der Biographie des Dichters von R. Fürst ein 1 2 *). Nicht, daß der Verfasser eine Menge neuen Swffes brachte, um etwa einen Hänfen Neugieriger dem Buche nachlanfen zu machen. Soviel Tatsächliches mit Heranziehung -der neuesten Forschungen in dem Buche enthalten ist, wir kennen den größten Teil dessen von wo anders her, aber für die Kunst, imit der R. Fürst den weiten Stoff in ein knappes Strahlenvündel zu vereinigen verstand, daß er von H. Heine infolge dieser harmonischen Zllsammenfassnng auch des kleinsten Zuges ein plastisches Bild geschaffen, wie es uns bis jetzt kaum vor Augen geschwebt, bürten ihm die Freunde Heines Dank wissen. Ueber die Publikation der Familienangehörigen des Dichters scheint kein günstiger Stern zu schweben. Wenn bereits die stark anekdotenhaflen „Erinnerungen an Heine und seine Familie" von seinem Bruder Maximilian Heine, Berlin 1868 lebhaftem Widerspruche begegneten,Io erfuhren die inhaltlich gleich formell verfehlten „Erinnerungen an Heinrich Heine" und „Skizzen über .Heinrich Heine" von seiner Nichte Fürstin della Rocca (Hamburg 1881 Hzw. Wien 1882)) nur einstimmige Ablehnung. „Heinrich Heines Familienleben von seinem Neffen Baron .Ludwig von Embden, Hamburg 1892" wurde mit „gemischten" Gefühlen ausgenommen. Auch dem neuesten Versuche^) Heines Verhältnisse zu feiner Familie insbesondere zn seinem Bruder Gustav, auf Grund teilweise unveröffentlichten öder znmindestens zerstreuten und verschollenen Materiales in znsammenfassender Weise zu schildern, können wir nicht unbedingt Lob zollen. Die Tradition, als hätte •ein Zwist die übrigens ganz ungleichen Brüder.getrennt, in allerdings gründlich zerstört. Die Beziehungen zu seiner Mittler, .zn seiner dicken, lebenslustigen Frau Mathilde, dem Komponisten Josef Dessauer, Calmonins, d. i. Ferdmand Friedland ausPrag, dem Gatten der geistvollen Schwester Ferdinand Lasfalles, sowie .zu letzterem selbst, treten neuerdings in scharfes Licht. Allein zn sehr muß man fühlen, daß der verdienstvolle Heine-Biograph, Gustav Karpeles nicht mehr die letzte feilende Hand an das Werk legen konnte. Mit warmer Begeisterung für den armen kranken Indendichter lind liebevollem Verständnis für feinen Gegenstand versucht M. Bieuenstock das jüdische Element in Heines Werken zu .Zeichnens. Nur schade, daß man wiederum bei dem besten Willen sich des Eindruckes nicht erwehren kann, als wären Werke wie „Heinrich Heine und sein Witz von Erich Ecker tz" (Berlin 1908), „Heinrich Heines Beziehungen znm deutschen Mittelalter von -G. Mücke" (Berlin 1908), ja selbst „H.Heine von Hermann Hüffer". (Berlin 1906) nicht genügend berücksichtigt. Heines zahlreiche Briefe wurden von seinem verdienstvollen ersten Biographen Adolf S t r o d t in a n n als 19.—22. Band der Hamburger Ausgabe (1861—1881) und von G. K a r peles als 9. Band, der von ihm bei G. Grote 1895 in Berlin besorgten Ausgabe, herausgegeben. Alles seither Erschienene ist an 'verschiedenen Orten zerstreut. Bis zu einer längst notwendig gewordenen, kritischen Gesamtausgabe von berufener Seite müssen wir die geschickte Aus- 0 Tempel-Klassiker. Heines sämtliche Werke. Der .Tempel — Verlag in Leipzig. 10 Bände. Jeder Band einzeln käuflich, gebunden M. 3.—. 2) Heine-Reliquien. Nene Briefe > und Aufsätze H. Heines. Herausgegeben von Maximilian Freiherr von Heine-Geldern und Gustav Karpeles. -Mit 5 Bildnissen und 5 Faksimiles. Verlag von Karl Curtius. Berlin 1911. M. 7-50. , . Dr. M. Bienenstock. Das jüdische Element in Heines Werken. ' Min '-kritisch-ästhetischer' -Beitrag-' zur - Heine-Frage. Leipzig. Verlag für rLiterätür,, Kunst und Musik 1910/253 Seiten/M. 3-50. •_ wähl von H. D a ff i s 4) doppelt freudig begrüßen. „Heinrich Heine. Noch ein Denkmal von Carl Kräh (Riga, Georg Neuner) ist ein vergeblicher, wenn auch gut gemeinter Versuch, tollen Wutausbrüchen — wie „Heinrich Heine als Dichter, Mensch und Deutscher von H. Nord (Hamburg. Detttschnationale Buchhandlung.) — zn begegnen. „Sie täuschen sich". schrieb Theodor Mo mm s en bei ähnlicher Gelegenheit, „wenn sie glauben, daß man überhaupt mit Vernunft etwas machen kann . . . Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist. das macht keinen Unterschied". Erich Neergaard. Die Jude» in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft nnd als Forscher, Entdecker nnd Erfinder. (Fortsetzung.) Eine ähnliche Bedeutung wie Dernbltrg in Deutschland hat sich in Oesterreich Josef Unger erworben. Sein „System des österreichischen Privatrechles" hat ihm. der als Professor nnd dann als Minister eine segensreiche Tätigkeit ausgeübt hat nnd der jetzt seit langen Jahren au der Spitze des östetueichischen Reichsgerichtes steht, den Namen des ersten Juristen des Kaiserstaates eingetragen. Als hervorragende österreichische Rechtslehrer wären noch Glaser. Grün Hut, Ritter von Scheu und der kürzlich in Heidelberg verstorbene Georg Jellinek zn nennen. Weit über die Grenzen seiner holländischen Heimat hinaus gilt der Staatsminister A s s e r als eine der ersten Autoritäten der Welt ans dem Gebiete des Völkerrechtes. Wie dereinst in Deutschland ein Mann jüdischer Abkunft, Eduard S i m s o n, als erster Richter des Reiches eine Zierde der Nation gewesen, so hat auch in England ein ähnlicher Vorgang sich wiederholt: dort hat LordJessel als Lordvberrichter sich des allgemeinen Vertrauens des Landes erfreut. In wie hervorragendem Maße Männer jüdischer Abstammltng sich nicht nur als Lehrer und Erforscher des Rechtes und in hohen richterlichen Stellungen, sondern auch ans dem Gebiete der Justizverwaltung sich bewährt haben, zeigt das Beispiel des langjährigen preußischen Justizministers von Friedberg. Er hat freilich den Glauben seiner Väter seiner Karriere opfern müssen, während Frankreich den Juden Adolph C r s m i e n x znm Chef der Justiz und England noch kürzlich den Juden Sir Ruf ns Jsaacs zum Generalanwall nnd Mitglied des Kabinetts gemacht hat. All diese Tatsachen gehen selbstverständlich an der Regierung desgrößten deutschen Staates spilrlos vorüber, sie gibt selbst den tüchtigsten jüdischen Richtern noch nicht einmal das Amt eines Landgerichtsdirektors, verschließt den jüdischen Juristen die staatsanwaltschaftliche Laufbahn und hält sie selbst zum Notar für minder geeignet, gerade als ob die Bestimmung der Verfassung und des Gesetzes vom 3. Juli 1868 dem preußischen Ministerium der Gerechtigkeit unbekannt wären! # * * Die Medizin war seit Jahrhunderten schon sozusagen eine Domäne der Juden. Schon im finstern Mittelalter hatten viele Fürsten jüdische Leibärzte. Als die Pest Europa verheerte, da waren es vor allem jüdische Aerzte, die erkannten, daß man allein durch verständige hygienische Maßnahmen dem Fortschreiten der Epidemie Einhalt gebieten könnte Aber das törichte Volk lief den marktschreierischen Quacksalbern zu, die ihren „Theriak" feilboten nnd verlachte die Warnungen und die Lehren der jüdischen Aerzte, wenn es sie nicht gar totschlug. Denn die Juden trugen ja die „Schuld an der Pest" und hatten „die Brunnen vergiftet." In unserem Zeitalter ist man zwar humaner geworden, aber von antisemitischer Seite wird doch noch vielfach ein Vorurteil gegen jüdische Aerzte genährt, obwohl diese sich in 0 Heinrich Heine Briefe. Herausgegeben von Hans Daffis. Berlin 1906. Pan-Bibliothekl—2; neu durchgesehene Volksausgabe 1911. M. 3.—