Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063587--07222-3074289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrheit Seite 5. Nr 15. Das vorbereitende Komitee für den am 26. bis 29. Juli in London stattfindenden ' Internationalen R a ffe n-! o n g r e ß, ans welchem Israel Z a n g w i l l auch . ein Referat über die jüdische Rasse halten wird, erläßt einen Aufruf an die Juden Londons, dem wir folgendes entnehmen: ' „Die Kongreßleitung wendet sich an alle jüdischen Anhänger der Idee der Völkerfreundschaft mit der Bitte, Alles aufzubieten, daß der Rassenkongreß stark besucht fei, damit er eine großartige Demonstration werde für den Frieden und die Freundschaft zwischen den europäischen Völkern und den Völkern asiatischer, afrikanischer und australischer Abstammung. Die Köttgreßleitung weiß es, ganz gnt, daß Europa nur e in Rasseuproblem hat, d. i. bie Jude nsrage und da es in Europa kein Land gibt, in dem keine Juden wohnen und da die Juden in einigen europäischen Ländern verfolgt und gehetzt werden, so liegt es nahe, daß der Rasfenkongreß geeignet ist. in erster Reihe dos Interesse der Juden wachzürufen. Ob es dem Rassenkongreß gelingen wird, die Beziehungen zwischen den verschiedenin Völkerschaften zu verbessern oder nicht, die jüdische Rasse wird in erster Lune einen moralischen Nutzen vom Kongresse haben. Deshalb steht zu hoffen, daß die Juden und besonders bte jüdischen Gemeinden in England, den Rasfenkongreß mit allen Mitteln unterstützen werden." Wie man ferner hört, wurde der Chief Rabbi of England, Dr. Adler, znm Vizepräsidenten des Kongresses ansersehen. Pejsach. Von Dr. Kahan, Znaim. Von feinem Feste, welches das jüdische Volk feiert, ist uns die Bedeutung so klar, ist die Geschichte so ausführlich erzählt, wie gerade vom Pesfachfest. — Die Erinnerung der Familie Jakobs in Aegypten, die Entwicklung dieser Familie zum Volke, die Bedrückung und Knechtung dieses Volkes durch die Aegypter, schließlich die Befreiung ans dieser Knechtschaft — wer kennt sie nicht in all' ihrer Einzelnheiten, wie sie die heilige Schrift so wunderbar geschildert hat? Aber-die heilige Schrift hat nicht nur die Geschichte des Auszuges sehr ausführlich erzählt, sondern hat uns auch unzählige Mal eingeschärft, dieses Ereignis stets vor Augen zu haben, immer und immer sollen wir daran denken, daß wir Knechte waren in Aegypten und daß Gott uns ans dieser Knechtschaft befreit hat. — Viele Gebote sind uns eigens zu dem Zwecke gegeben worden, ans daß wir denken sollen an den Tag des Auszuges aus Aegypten solange wir leben. Viele Gebote - mögen sie die Liebe zu Gott oder zu den Menschen, mögen sie Werke der Mildtätigkeit und des Edelmuts betreffen — werden begründet: weil du ja Knecht wärest im Lande Aegypten! Gott hat dich zum freien Menschen gemacht — also mußt du ein edler Mensch sein! Gott hat sich deiner angenommen — also mußt du ihm Dank wissen. Und dieser Dank soll sich ausdrücken in einem reinen, sittlichen, gottgefälligen Lebetl, auf daß Gott seine Wohltat nicht an einem Unwürdigen soll verschwendet haben! Das ist die Lehre, die uns ganz besonders unser Fest verkündet, das ist auch die Lehre, die wir am Pesiachfeste unfern Kindern beibringen sollen. Darum ist auch unser Fest mit so vielen sonderbaren, in die Augen fallenden Bräuchen ausgestaltet worden, damit uns die Kinder fragen sollen, damit wir so Gelegenheit haben, ihnen von den Wundertaten Gottes, die er an unsere Vätern geübt, zu erzählen. Und wir wissen ja, daß die liebenswürdige Hagada sogar für den Wortlaut der Fragen gesorgt hat, die das Kind zu stellen hat, sie hat ihm ja das nrrwr n» vorgeschriebeu! Und doch weiß die Hagada sehr wohl, daß nicht alle Kinder gleich fragen. Sie kennt vier Arten Kinder: Das kluge, böse, harmlose uud eiu- . fältige Kind. Das kluge Kind sieht alles mit Verständnis an, hat Interesse für alles und fragt daher bescheiden nach^ dem Grund all' der Gebote und Verordnungen, die uns Gott geboten. Es will den Grund wissen, um die Gebote Gottes mit Verständnis desto freudiger üben zu können.— Anders, das böse Kind. Ihm ist alles lästig und zuwider, was nach einem Gebote aussieht. Es will nur feinem Vergnügen nachgehn. Die Pflichten, welche Gott und das Leben, ihm anferlegen, haben für feinen Gaumen, der an Süßigkeiten gewöhnt jst, immer einen bittern Beigeschmack. — Gott hat seine Väter ausgezeichnet, hat sie mit Wohltaten überhäuft, hat sie zum Gottesvolke erkoren, hat sie zum Lichte, znm Sittenlehrer der Nationen gemacht. — Was geht das mich an? ruft es mit Entrüstung, was geht mich der schwere, lästige Dienst an, den Gott — euch auferlegt? Gehöre ich denn überhaupt dem sogenannten Gottesvolke an? — Ich bin ein Deutscher, ich bin ein Tscheche, ich bin ein. Pole — was kann ich dafür, daß mich eine jüdische Mutter geboren, daß ein jüdischer Vater mir den Namen gegeben? — Wir wissen alle, was eilt Sklave ist. Es ist ein Mensch, der gezwungen ist, sich seines Wesens zu entünßern und nur nach dem Willen eines Andern zu leben. Was ist aber ein Mensch, der sich seines eigenen Wesens freiwillig entänßert uud sklavisch das nachmacht, was Andere ihm vormachen? Er ist noch schlimmer als ein Sklave, denn seine Gesinnung ist freiwillig knechtisch! Und unsere Hagada hat das auf ihre Weise zum Ausdruck gebracht. — Fragt dich ein so entarteter Sohn deines Volkes: Wozu soll euch dieser Dienst? Dann gib ihm die derbe, aber. richtige Antwort: Gewiß geht unser Besreiungsfest dich nichts an. Ein Mensch mir solcher Gesinnung hätte sich aus ägyptischer Knechtschaft auch nicht befreien lassen, er wäre dort ewig Sklave geblieben und hätte sich das Fleisch und den Knoblauch Aegyptens gut schmecken lassen, wenn er auch dabei einige Fußtritte vom Herrenvolke sich hätte einstecken müssen! — Erfreulicher ist schon das harmlose Kind, welches beim Anblick der jüdischen Bräuche seine Verwunderung nicht unterdrücken kann und fragt: Was ist denn das? Ein solches Kind ist der Belehrung zugängltch, ebenso wie das gleichgiltige Kind, das gar nicht fragt. Da ist noch Hoffnung vorhanden, die Gleichgiltigkeit zu besiegen und das Interesse zu wecken für das wunderbare Geschick des jüdischen Volkes und für seine einzig erhabene Religion. Deswegen sagt die heilige Schrift: Erzähle nur, belehre nur deine Kinder! Erzähle ihnen all' das Große, das dem Volke Israel widerfahren, belehre sie über das Große, das Israel widerfahren, belehre sie über das Große, das Israel geleistet — und mit Stolz und Begeisterung' werden sie sich als Söhne dieses uralten,' edlen Volkes fühlen und bekennen! Es ist sehr verlockend, hier von den Kindern zu den Erwachsenen überzugehen. Auch unter ihnen gibt es kluge Männer, die sich über alles, was das jüdische Volk, was die jüdische Religion betrifft, gerne belehren lassen. Es gibt aber auch böse Naturen, die sich erhaben diniken über das Schicksal ihres Volkes und alles, was ihm teuer und heilig ist, mit Hohn und Verachtung behandeln, denn in ihnen wohnt eine knechtische Seele, die für das Wesen eines freien, sich selbst treuen Volkes keinen Sinn haben — die sind für uns verloren, man muß ihnen nur zeigen, wie verächtlich sie in unseren Augen sind! — Es gibt aber auch Harmlose und Gleichgiltige, die erst aufgerüttelt werden müssen, um Interesse für ihr Volk und für ihre Religion zu bekommen. Ihnen ruft das Pesfachfest zu: Laßt euch belehren! Schaffet Gelegenheit, wo ihr euch Belehrung holen könnt über alles, was Interesse hat im Judentum! Unwissenheit äst Knechtschaft — schaffet euch Befreiung von eurer Unwissenheit — so spricht zu euch das Pesfachfest, das Fest der Befreiung!^ Peffah-Kilder, aus derÄergangenheit für die Gegenwart. 1. Tag. Moses. Als er zum erstenmale vor sie hintrat und ihnen, den Leuten aus seinem Volke Israel, Worte der Freiheit verkündete, da hörten sie auf ihn nicht. Denn beengt war der Geist der Sklaven, hart drückte sie die schwere Arbeit. Redet zu dem Knechte von Freiheit zum Sklaven von Erlösung, er versteht euch ja doch nicht. Und wenn ihr zu ihm mit Engelsznngen sprächet, er wischt nur den Schweiß von der Stirne und seufzt auf von der schweren Arbeit. Das mußte auch der große Freiheits- und Volksmann, der Befreier Moses, erfahren. In