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Die Wahrheit · 1911-04-07 · Heft 14 (7.4.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 14. war, Deutschlands wahre Sendung zu erkennen und der die öffentliche Meinung irre zn führen suchte, indem er eiiieit abstrakten, unfruchtbaren Liberalismus, einen veralteten, seichten Voltariauismus predigte; es hält ihn für einen falschen Propheten, der seine Zeit durchweg nicht verstanden hat und dessen Weissagungen die Zukunft Lügen gestraft hat. Dazu kommt, daß nicht nur seine Gegner mit ihm unsanft umgehen, auch seine politischen Glaubensgenossen haben ihn lange Zeit nicht besser behandelt. Die führenden Demokraten seiner Zeit haben ihn verleugnet und als Abtrünnigen behandelt; sie haben ihm Unbeständigkeit vorgeworfen und gesagt, daß er mehr um seinen literarischen Ruhm besorgt wäre, als um die große Sache, als deren Vorkämpfer er sich ausgab, und sie haben ihm schließlich geraten, bei seinen Versen zn bleiben, mit der verächtlichen Redewendung: „Ein Talent, kein Charakter." Wenn Wilhelm Scherer in Heine noch den größten deutschen Lyriker, nach oder gar mit Goethe erblickte, so antwortet Viktor Helm: „Wie mancher seiner Stammesbrüder mit der Zunge so kunstreich schnalzen kann, daß man wirklich eine Nachtigall zu vernehmen glaubt, wie ein Anderer Art und Stil „berühmter Muster" genau ireffend wiedergibt, wie in langen Jahren der „Kladderadatsch" in allen lyrischen Formen aller Dichter und Dichterschulen meisterhaft sich erging.— so wnßte auch Heine die einfältige Trene des Volksliedes, die Phantasien und Fratzen E. Th. A. Hoffmauns und der Romantik, Goethes Herzenslaute und melodiösen Gesang mit fo virtuoser Knnst nachzupfeifen, daß man sich täuschen ließ und die Simili-Steine für echte hielt. Umsonst versucht der „durch und durch nationale" Karl Bleibtreu Heines wirkliche Verdienste mit den scharfen Worten zu kenntzeichnen: „Er war so ziemlich der geistreichste Mensch, der je die Feder zu espritvoller Prosa ansetzte, und schuf einen neuen Stil, rettete ihn von den Unarten der Goetheschen Steifheit und Wichtigtnerei. die alle himmlische Urfrische des Werthers später einbüßte und auf gezierten Sprachstelzen wandelte. Und wenn die besten deutschen Stilisten der Jahrhundertwende, Freytag und Treitschke. wieder in den Geheimratston verstelen, so schuldeten sie die gewandtere Leichtigkeit des Satzbaues gleichfalls nur Heine. Heine ist ferner der größte Satiriker der deutschen und der mittelalterlichen Plumpheit Huttens weit überlegen. Seine jnveualische Ader blutete so reich sich aus,' daß' kaum Swift mit grellerem Blutrot morsche Torschwelleu beschmiert als Bote der heiligen Vehme. „Der große Künstler des Prosastils war endlich der größte Lyrikkünstler aller Zeiten, falls, man darunter eine bewußte und durchdachte Technik versteht. Die Goethebonzen wollen dies natürlich nicht Wort haben. Dem Geschwätz. Heine habe seinen Versstil von Goethe entlehnt, könnte man mit gleicher Münze des Unsinns dienen, Goethe habe den seinen vom Volkslied entlehnt, was bezüglich Erlkönig uiib Haideröslein sogar in plagiatorischem Sinne zutrifft. Daß ein kleiner Kern Goethescher Lyrik — die Mignonlieder, König von Thule, Grenzen der Menschheit, Füllest wieder Busch und Tal, Ueber allen Wipfeln ist Ruh n. s. w. — aus lauter Krondiamauteu besteht, hebt nicht auf, daß die Hauptmasse seiner Reftexions- und Gelegenheitsgedichte vom Standpunkt künstlerischer Technik aus fast gar keinen Wert besitzt. Heines Technik meistert hingegen gleichmäßig in allen Gattungen der Lyrik . . . Jene Horden des unechten Pöbelantisemitismus, die ihre albernen Reimereien „Deutschland über alles" oder „Wacht am Rhein" herbrüllen und mit „Juden raus" untermischen, sollten mit Erröten sich des Juden erinnern, der 'in Pariser Verbannung und Leid, verzehrt von bitterem gerechtem Haß gegen hundsfeige deutsche Michelei und unsagbare Stänkere! der Reaktion, seinem innersten Herzen dies majestätische Trutzlied deutscher Herrlichkeit entriß. Heut kann das jeder Wicht; damals spuckte ganz Europa auf uns herab. Und dieser Jude, den Deutschland ausstieß und das eitle Frankreich huldvoll als Franzosen empfing, wägte der Welt znznrufen: „Ihr Nachbarkinder hütet euch, mit dem jungen Riesen zu hadern!" . . . Wenn, der solches sang, kein guter Deutscher, wer ist dann einer! . . . Wenn, der solches sang, kein großer Dichter, wer ist daun einer!" Adolf Bartels bezweifelt „daß eine menschliche Feder je heuchlerischer, frecher -und alberner geschrieben .. . . Gott gerechter, ist unser Heine ein großer Aesthetikns . . . Das ist ein ganz infames Geseires (Pardon!) bis fast in jede Einzelheit falsch und verlogen . . . Die Wut, die Heine gegen seine Feinde, gegen fast alles auf der Welt verrät, erinnert schon mehr au die des tollen Hundes ... Es fällt uns immer wieder ein, daß, der mittelalterliche Büttel auch anspeitschte . . . Wie der Gauner sich anfspielt . . . Wie wär's, wenn wir Heine für diese Unverschämtheit noch nachträglich die Tracht Prügel zudiktierten . . . Man möchte dem Halunken an die Kehle springen “ Der streng konservative katholische Heinrich Reiter erklärt: „Heinrich Heine gebietet über ein ganzes Armeecorps von Ideen und Anschauungen; er überschaut leicht verwickelte Verhältnisse, er hat Sinn für das Große im Leben und in der Geschichte, er besitzt endlich vielseitige, wenn auch nicht gründliche Kenntnisse, in deren ausgiebiger Verwertung er Meister ist. Reicht sein Wissen nicht ans, so füllt er mit bewunderungswürdiger Gewandtheit die Lücke durch einen glänzenden Witz aus, welcher leicht den Leser täuscht. Dazu kommt völlige Herrschaft über den Stoff. Er läßt seinen Einfällen scheinbar freien Lauf. Aber er übt beständig eingehende Kontrolle, über sie ans. Er weiß seinen Gegenstand in die hellste Beleuchtung zu rücken und verborgene Eigentümlichkeiten an ihm zu entdecken. Die Klarheit seiner Schilderungen läßt, nie den Reiz seiner eigenen. Individualität vermissen . . . Heine schreibt ein Prosa, wie sie ein Dichter nur schreiben kann: packend, bilderreich, lichtvoll, immer interessant . . .Er steht in der deutschen Literatur bis heute allein, wie Voltaire in der Französischen." , (Schluß folgt.) Der Anszng Israels ans Egypten Nach der urahammedanische» Weverliefernng. Von A. Stößler, Olmütz. Die folgende Erzählung ist den Kommentaren zum Koran und anderen authentischen Quellen der Araber entnommen, wo sie, wie sich von selbst versteht, ernst und feierlich stylisirt ist. Die Geschichte des Auszuges bildet einen passenden Schluß zn den. Legenden der Beduinen am Sinai und beruht vieles auf jüdischer Ueberliefernug; ein großer Theil ist jedoch den Legenden Arabiens vor der mohammedanischen Aera entnommen und angeblich von Mohammed selbst während seines Aufenthaltes auf Sinai gesammelt worden. Da die Geschichte sowohl vom Standpunkte der Ethik wie der Altertumskunde gerechten Anspruch an unser Interesse hat, so habe ich mich bemüht, die diesfälligen Ausführungen E. H. Palmers (Fellow am St. John^s College, Cambridge) nachstehend -in, gedrängter Kürze zn reproduzieren : Der Pharao von Egypten, der die Israeliten bedrückte, wird von den moslemitischen Geschichtsschreibern Walid Jbn Mosäb genannt. Es wird erzählt, er sei ein Chemiker aus Persien gewesen, der, als er sein Vermögen verloren hatte, nach Egypten geflohen fei und sich so sehr in das Vertrauen des regierenden Pharao zu schleichen gewußt habe, daß ihn dieser zn seinem ersten Minister machte. Er gab sich für einen Schwarzkünstler ans, brachte Tage und Nächte in den Gräbern mit Zaubereien und Beschwörungen zu, zog dadurch die Aufmerksamkeit des Königs auf sich und folgte ihm schließlich auf den Thron. Unter seiner wunderbar langen, gerechten und kräftigen Negierung entwickelten sich die Macht und die Hilfsquellen des Landes ins Unglaubliche. Pharao aber wurde durch seine Weisheit, Macht und langes Leben vom Hochmute betört, lehnte sich gegen Gott auf und brachte dadurch das schreckliche Gericht, das ihn später ereilte, über sich und das Volk, welches sich seiner Ueberhebung mit schuldig gemacht hatte. Nun war aber Jmrüm (Amram) ein naher Verwandter und Freund Pharaos. Als er eines Tages, während der König schlief, Wache hielt, stand plötzlich sein Weib vor ihm. Der Engel Gabriel hatte sie hieher gebracht, um die Absicht -des Tyrannen - alle neugeborenen jüdischen Knaben sofort zu tödten -

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