Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063586--07210-3074276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 14. An der 50jährigen Erinnerungsfeier der Gründung des Königreichs Italien nahmen die italienischen Juden mit ihren andersgläubigen Mitbürgern den regsten Anteil. Haben sie doch in jenem Freihestskampfe in den vordersten Reihen gestanden und ihr Blut für die Einheit des Vaterlandes verspritzt. Es sei nur daran erinnert, daß sich unter den tausend Helden von Marsala 8 Juden befanden. — Die Inden der appenninischen Halbinsel erfreuen sich der absolutesten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Auf dem politischen und auf dem militärischen Gebiete haben sie die höchsten Rangstufen erklommen. Ein Jude — Ottolenghi — ist Kriegsminister gewesen, ein. anderer — Lnzzatti — hat es sogar bis zum Kabiuettschef gebracht. Diese Gleichberechtigung muß naturgemäß dazu beitragen, den Patriotismus der italienischen Juden wachzuhalten und sie zu den äußersten Opfern, für die Macht und die Freiheit Italiens anzuspornen. # * * Die Wehrpflicht der Juden in Rußland ist seit langem ein''Gegenstand der Hetze bei den Antisemiten. Nun hat die Landesverteidigungskommission der Duma eine Resolution angenommen, in der sie in der Erwägung, daß „die Inden ans das Heer zersetzend wirken", die Inden als ein für das Heer besonders schädliches Element bezeichnet und den Wunsch ausspricht, daß ein Gesetzentwurf eingebracht werde, welcher die Frage der Wehrpflicht der Juden regelt. Worauf diese Machenschaften hinzielen, ist leicht ersichtlich. Man will die Rechtlosigkeit der Juden etwas fester fiutöiemt und ihr auf diese Weise eine recht lauge Zukunst sichern. Die Inden und das Wirtschaftsleben non Werner Sombart.*) Die letzten Jahrzehnte haben eine große Literatur über die Judeufrage gebracht. Die Wissenschaft hat aber an derselben sehr geringelt Anteil gehabt. Meist handelte es sich nur um Streitschriften, die an politische Ereignisse oder Parteibildungen anluüpften, Kampfschriften auf der einen oder Abwehrfchriften auf der anderen Seite. Allerdings wurde oft ein wissenschaftlicher oder pseudowissenschaftlicher Apparat hiebei angewendet. Auch wollten all diese Bücher und Broschüren nicht die Dinge erforschen, lvie sie sind' es galt nur, gewisse politische Stellungnahmen mit angeblich wissenschaftlichen Motiven zu begründen. Meist standen die Meinungen, die in den Schriften „bewiesen werden sollen", von Haus aus fest. Es wurde nur nach Gründen gesucht, um den Standpunkt des jeweiligen Verfassers angeblich wissenschaftlich zu rechtfertigen, wobei auch oft nicht davor zurückgeschreckt'wurde, Tatsachen Zwang anzutnn oder sie zum mindesten umzudeuten, um schließlich das zu beweisen, was man von vornherein als bewiesen angenommen hatte. Daß hiebei auch oft intereffautes Material zutage gefördert wurde, ist nicht zu leugnen. In jüngster Zeit ist nun ein Buch erschienen, welches sich wesentlich von den bisherigen Arbeiten, die sich mit der Jndenfrage beschäftigt haben, unterscheidet. Werner Sombart hat im Verlag von Dnncker L Humblot ein umfangreiches Buch unter dem Titel „Die Inden und das Wirtschaftsleben" publiziert. Keine These wird aufgestellt und nur nach streng wissenschaftlicher Methode eine Untersuchung darüber unternommen, ob und welchen Anteil die Juden an dem Aufbau des kapitalistischen oder modernen Stuates genommen. Sombart hat es sich also zur Aufgabe gestellt, nur die bestimmte Tatsache zu erforschen, welchen Anteil ein Teil der Bevölkerung an der Entwicklung eines Kulturstadiums, einer Etappe in der Geschichte der Staatenbildnng genommen. Es soll einfach untersucht nnd nach den Ergebnissen der Untersuchungen konstatiert, nicht aber gewertet werden. Sombart erzählt uns, wie er auf dieses Problem gestoßen. Max Webers Untersuchungen über die Zusammenhänge *) Zn Nummer 7 unseres Blattes haben wir unsere Leser mit einer Studie Werner Sombart s „Die Grundzüge des jüdischen Wesens", die einem größerem in Druck befindlichen Werke entnommen war, bekannt gemacht. Nun dürftees gewiß interessieren. das Werk selbst in einem üirzen Abriß kennen zu lernen, daher wir obige in der „N. Fr. Presse" jüngst erschienene Besprechung reproduzieren. zwischen Puritanismus und Kapitalismus' haben ihn dazu'geführt/. dein: Einflüsse der Religion auf das- Wirtschaftsleben mehr nachzuspüreu, und' dabei kam er an .das Judenproblem, weil all diejenigen/Bestandteile des puritanischen Dogmas, die ihm von' wirklicher Bedeutung für die Herausbildung des 'kapitalistischen Geistes zu sein schienen, Entlehnung ans dem Jdeenkreise der jüdischen Religion sind. Ferner schien ihm gelegentlich der Untersuchungen. die er in dem geschichtlichen Werdegang der kapitalistischeu Entwicklung austellte, der plötzliche Niedergang Spamens, der ebenso plötzliche Aufschwung Hollands, das Dahinwelken so vieler Städte Italiens und Deutschlands und das Emporblüheu anderer keineswegs durch die bisherigen Gründe (Entdeckung des Seeweges nach Ostindien, Verschiebung der staatlichen Machtverhältnisse) genügend erklärt. Es offenbarte sich ihm vielmehr eine zunächst rein äußerliche Parallelität zwischen dem wirtschaftsgeschichtlichen Schicksal der Staaten und Städte und den Wanderungen der Inden. Diese Momente veranlaßt«:» ihn, über die Stellung der Inden-im Wirtschaftsleben eingehende Untersuchungen anznstellen und zu erforschen, welchen Anteil dieselben an dem Aufbau des modernen Kapitalismus und infolgedessen auch au der Bildung des auf demselben gegründeten modernen Staates genommen. Hiebei machte er es sich zur Aufgabe, ein möglichst reiches äußeres Tatsachenmaterial zusammenzustellen, dasselbe nachznprüfen und Konsequenzen ans den Tatsachen zu ziehen. Sombart nimmt für sich in Anspruch, hiemit einen neuen W.'g beschcitten zu haben. Diejenigen, die Kritik.in seiner Arbeit üben, hätten daher die Aufgabe, das Tatsachenmaterial wissenschaftlich nachznprüfen und hiemit auch die-Konsequenzen, die Sombart ans demselben zog. An dieser Stelle soll diese kritische Nachprüfung durchaus nicht versucht, sondern nur der Weg beschrieben werden, welchen Sombart gegangen. Wie er selbst angibt, .bedient er sich zunächst zweier Methoden : der statistischen, welche den ziffermäßigen Anteil der Juden an der Betätigung in gewissen Formen des Wirtschaftslebens eruieren soll, dann aber auch der genetischen, welche zu ermitteln strebt, inwieweit die Juden bestimmend für Gang und Richtung der Entwicklung geworden, mit anderen Worten, er will deren quantitativen und qualitativen Einfluß abwägen. Hiebei versucht er es, mit diesen beiden Methoden zunächst die Bedeutung, der jüdischen'Wanderungen für die Verschiebung der Wirtschaftszentren seit dem sechzehnten Jahrhundert festznstelleu. Im Jahre 1492 wunderten 300.000 Juden ans Spanien nach Navarra, Frankreich, Portugal und nach dem Osten ans. Dieses Datum fällt mit dem der Entdeckung Amerikas zusammen. Hier hebt Sombart hervor, daß die beiden Expeditionen von Colnmbns mit jüdischem Gelde gemacht wurden. Die erste durch deren freiwillige Anteilnahme; die zweite, indem das den vertriebenen Inden abgenommene Geld zur Ausrüstung dieser Expedition verwendet wurde. Das fünfzehnte Jahrhundert bringt auch die Vertreibung der Juden ans wichtigen deutschen und italienischen Städten. Mit dieser-Auswanderung der Juden setzt die wirtschaftliche Blüte von französischen Städten ein, welche die Reservoirs wurden, die die jüdischen. Flüchtlinge anffingen; ebenso beginnt mit einem plötzlichen Ruck die wirtschaftliche Entwicklung in Holland mit dem Einzug der portugiesischen Marannen und in England der sogenannte wirtschaftliche Aufschwung mit der Zulassung der Inden unter Cromwell, Sombart sucht nun durch zahlreiche zeitgenössische Dokumente zu beweisen, daß diese Parallelbewegung des Niederganges und des Aufschwunges und der Wanderung der Inden in ursächlichem Zusammenhänge stand, wie daß weiter die Inden an der Belebung des internationalen Warenhandels einen großen Anteil genommen haben. Sombarts wirtschaftshistorische Anschauung bringt die Kolonialwirtschaft in entscheidenden Zusammenhang mit der Geschichte des Kapitalismus. Sind doch nach seiner Anschauung die Goldfundk. der neuentdeckten Kolonialstaaten im Zusammenhänge mit der Entwicklung der modernen Technik die Grundlagen des heutigen Kapitalismus, der allerdings erst durch den kapitalistischen Geist, das heißt jene eigenartige Geistes- und Wirtschaftsrichtnng, . zum Ausbau des Wirtschaftssystems führen konnte, welches wir als kapitalistisch bezeichnen. Gerade die Bedeutung, welche Sombart hiemit der Kolonialwirtschaft für die