Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ti-TU; 'i.-Tfi'; Redaktion nnd Sldministration: Wien,' II/, Nvvaragasse '27. Delevhou: Redaktion 5107/VII1. Administrariöii LSS8/U. St. f. österr. Vostsparkajsa» - i Schkü'Komö Nr. 100.918. V ,V ,,; Jul'sratc: Die viermal gcjvaltene ' Nonpareille-Zeile 25 Heller. Slboniieiiieiu«- n»d JnsertionSbenäge und in Wien zahlbar - nnd klagbar. KrscheinL jeden AreiLag. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ Ganzjährig..- K 14.— Halbjährig.K 7.— Für SfnltuSbeiuute: Ganzjährig.K IO - Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Nu bei oder 16 Fre». 14 Wien 7. April Inhalt: Aus der Woche. — Die Juden und das Wirtschaftsleben von Werner Sombara. — Das Rätsel Heinrich Heines. — Der Auszug Israels aus Egypten nach der mohammedanischen Ueberlieserung.— Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein Apikores. — Austritte aus dem . Judentum. Are geehrten Kerren Aöonnenten werden um urngehende Krneuerung des Köormernents für das am 1. Kprit 1911 vegonnene 2- Huartak ersucht, damit die regelmäßige Spedition des Wlattes keine Knterörechüng erleide. Ans der Woche. Die gegenwärtig im Zuge befindlichen Landtagswahlen in der Bukowina werden zum ersten Male nach der neuen Wahlordnung durchgeführt. die in ganz unnatürlicher Weise die jüdischeil Wähler mit den Antisemiten und Deutschnationalen im deutschen Kataster zusammengewürfelt hat. Mit besonderem Interesse wird dem im ersten Wahlgange unentschieden gebliebenen Resultate im deutsch-städtischen Wahlbezirk Czernowitz entgegengesehen/ wo die Juden wohl eine überlegene Majorität besitzen, aber in zwei Lager geteilt sind und demgemäß auch zwei Kan- - didaten, Vizebürgermeister Dr. Weis s e l b e r g e r von der jüdischen Nationalpartei, die unter/Führung. Dr. Strauchers steht- und Professor Dr. Kellner von der Bolksratspartei, ausgestellt haben. Das Ergebnis am ersten Wahltage war folgendes: Bon den 13.711 abgegebenen Stimmen erhielt Vizebürgermeister "Dr. Weis s elberger (jüdische Straucher-Partei) 4854, Universitätsprofessor Dr. Kellner (jüdische Volksratspartei) 4094, Hofrat Dr. Skedl (deutschnational) 3273 und Privat- ' beamter Zeplichal (Sozialdemokrat) 1949 Stimmen. Für den zweiten Wahlgang, der am 7. d. M. stattfindet, haben die Sozialdemokraten ihre Kandidatur zurückgezogen und die Chancen der beiden jüdischen Kandidaten stehen ziemlich gleich. Die Christlichsozialen, welche auch eine nennenswerte Stimmenanzahl erhofften, find über ihre Niederlage deprimiert und ihr Führer Widmann dürfte in nächster Zeit znrücktreten.' . - 4- * , X " ■ ' * , Der „B u n d der D e n t f ch e n N o r d m ä h r e n s" in Olmntz, eine waschechte antisemitische Organisation, überschwemmt die ..reichsdeutschen Volksgenossen", darunter zahlreiche Indenmit Ausrufen zur Zeichnung von Anteilscheinen für einen „Grnndkauffouds", der dazu dienen soll, Grund und Boden in den deutsch-tschechischen Grenzgebieten für deutsche Volksgenossen anznkaufen. Zu diesem Zwecke gibt der Bund zweitaüsend Anteilscheine zu 100 Kronen heraus und fordert zur Stiftung voü Anteilen auf. „ Eine Roseggersammlnng in kleinerem Maßstab" nennt - er den neuen Fonds. Nun hat bekanntlich die Rosetzgersaiüinlung''des -judenfeindlichen' Deutschen Schulvereins infolge der Warnungen -der—jüdischen Presse glücklicherweise keine Gegenliebe bei reichen Juden gesunden, obwohl die alldeutschen Herren, die keinen Juden leiden mögen, doch , sein Geld gern nehmen, es an Liebesmüh in dieser Richtung wahrlich nicht hatten fehlen lassen. Der Mißerfolg der Baustein- Sammlung scheint jedoch die wackern deutschen Antisemiten Oesterreichs nicht abgeschreckt zu haben, nnd so versenden sie denn wieder einmal an die mit den österreichischen Verhältnissen nicht vertrauten deutschen Inden tausende von Bettelbriefen, in denen zu Zeichnungen für ihren Grundkaufsvnds a.nfgeforderr wird. Demgegenüber ist es Pflicht der selbstbewußten jüdischen Presse, das jüdische Publikum auszuklären und vor diesen neuen Lockrufen entschieden zu warnen. Die meisten Unterzeichneten des vom „Eruting 1910" datierten Ausrufs sind bekannte antisemitische Agitatoren. Die ganze Tätigkeit des Bundes der Deutschen Nordmährens bewegt sich in antisemitischer Richtung, und der Jude, der diese Organisation unterstützt, fördert mit seinem Gelde judenfeindliche Bestrebungen. * * . * . . .. Die im höchsten Grade unmenschlichen Chikanen, die zur Zeit der letzten Pogrome gegenüber jenen durch Deutschland reisenden, armen russischen Inden an der Tagesordnung waren, die sich nicht mit Schifsskarten der sogenannten privilegierten Gesellschaften ausweisen konnten, werden in letzter Zeit auch gegenüber österreichische Durchreisende geübt und bildeten bei Beratung des Etats im deutschen Reichstag den Gegenstand einer Interpellation des sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. D avi d, der die offene Beschuldigung aussprach, daß die Polizeibehörden Pflichtwidrigkeiten begehen, indem sie mir den Schisffahrtsgesellschasten in Verbindung stehen nnd ihnen fremde Auswanderer zutreiben. Man brachte die Leute vom Rhein au der holländischen Grenze gewaltsam per Schub zu der Kontrollstation des Norddeutschen Lloyd in Bingerbrück, untersuchte sie dort ärztlich; sie wurden gesund befunden, und nun verlangte man von den Leuten, die ihr Billett Wien-London über Rotterdam in der Tasche hatten, sie sollten über Bremen nnd von dort mit einer Schiffskarte des Norddeutschen Lloyd fahren. Da die Leute das nicht wollten — sie konnten es auch gar nicht mehr, ihr Geld reichte nicht mehr dazu aus — brachte man sie nach der österreichischen Grenze zurück, und zwar auf ihre Kosten einschließlich für die begleitenden Polizeibeamten. Die geschilderten Mißgriffe wurden allgemein verurteilt und in der Folge werden die-betreffenden Organe wohl etwas vorsichtiger, in der willkürlichen Auslegung der gesetzlichen Bestimmungen fein.