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Die Wahrheit · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 13. Die Wahrheit __Seich.5.; Zustimmnngsknndgebnngen lagen vor von den Kultusgemeinden: Baden, Brüx, Boskowitz, Berann, Peneschan. Bodenbach, . Bise'nz, .Czasläu, Dobruska,. Friedek-Mistek, Goya, Hohenems, Innsbruck, Jiöin, .KrÄaü, Komötau, Knttenberg, Kojelein, Kolomea, Karlsbad, Kladno, Kolin, Karolinenthal, Kgl. Weinberge, Lemberg, Marienbad, Mähr.-Weißkirchen, Mißlitz, Mödling, Mies, Nachod, Neuern, Nentischein, Olmütz, Ober-Hollabrunn. Oswiecim, Prerau, Przemysl, Pisek, Proßnitz, Rakonitz, Radnitz: Salzburg, Schüttenhofeu, Schlau, S.tralonrtz, St. Pölten,^ Suczawa, Tabor,Tachau,Trebitsch,Troppan, Ung.-Ostra u.ZiLkov.^ Namens der „Oesterreichisch-Jsraelirsichen Union" begrüßte' Vizepräsident. Dr. O r n st e i u die Versammlung und insbesondere Herrn Prof. Dr. Philippsohn, dem er für das große Opfer,; welches er der Sache durch seine Reise nach Wien gebracht hat^ unter dem Beifalle der Versammlung seinen innigsten Dank aussprach. Sodann wurde Dr. Ornstein.znm Präsidenten. Dr. Joses Sch an zer (Pilsen) znm Vizepräsidenten und Sekretär .Siegfried Fl eich er znm Schriftführer gewählt. Sekretär Fleischer erstattete nun das Referat: Redner führte aus, daß die zunehmende Misere des Wanderbettels seit Jahren eine ständige Klage der jüdischen Kultnsgemeinden bilde, daß die Ausgaben für den Wanderbettel in keinem Verhältnisse zu den einzelnen Gemeindebndgets stehen uild sowohl die Gemeinden als solche, wie auch die einzelnen Mitglieder derselben schwer belaste. Er wies ferner ans den schweren moralischen Schaden und . auf die Steigerung der Gehässigkeit gegen die seßhafte und arbeitsame jüdische Bevölkerung hin, welcher aus der Tatsache erwächst, daß Jahr aus Jahrein Tausende von Berufsbettlern sich im Kreise durch alle österreichischen Kultnsgemeinden bewegen. Durch diese sinnlosen Bettlerfahrten habe nur das Eisenbahnärar einen Vorteil und die österreichische Judenschast müsse dafür einen jährlichen Betrag von etwa 2 Millionen Kronen ausgeben. Eine Reform dieser Zustände sei unerläßlich geworden. Durch diese Reform sollen selbstverständlich die wirklich Hilfsbedürftigen und Unterstütznngswürdigen nicht um ihr karges Stück. Brot gebracht werden, sondern es soll nur die große Zahl jugendlich-arbeitsfähiger, jedoch arbeitsscheuer Gewohnheitsbettler getroffen werden, welche den jüdischen Wohltätigkeits-Sinn ausbenteu. Redner bringt das vorhandene statistische Material zur Kenntnis der Versammlung und betont, daß di.e Grundlage der Reform vor allem in einer sorgfältigen Sichtung und Differenzierung der Wanderarmen bestehen soll. Es sei notwendig zu unterscheiden, wer wirklich durch Krankheit, Alter und sonstige Umstände hilflos und wer andrerseits gesund, kräftig und arbeitsfähig sei. Diese Scheidung müsse mit aller Strenge und Rücksichtslosigkeit durchgeführt werden. Wahrhaft bedürftige, einheimische Arme müssen von dem Fluche des ewigen und zwecklosen Manderns erlöst, in ihre Heimatsorte gebracht und dort als Ortsarme verpflegt werden. Die jugendlichen arbeitsfähigen Elemente müssen an Arbeitsstätten abgegeben werden, wo sie durch Gewöhnung an und durch die Erlernung eines Handwerkes wieder zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft gemacht werden können. Bei den ausländischen Wanderarmen wird zw prüfen sein, ob sie in ihrer. Heimat eine Daseinsmöglichkeit haben. Wo dies nicht der Fall ist, müsset! solche Unglückliche im Jnlande ebenso behandelt werden, wie die einheimischen Wanderarmen. Auswanderer und Rückwanderer dagegen sind auf der kürzesten Linie nach ihrem Bestimmungsorte zu bringen, wobei die geplante Organisation allerdings auf die Mithilfe der großen jüdischen Organisationen angewiesen sein wird. Diesen Grundsätzen entsprechend, schlägt der Referent folgende Organisation vor: 1. Errichtung von Ortsarmenkaffen für den Wanderbettel in allen Gemeinden, wo solche noch nicht bestehen. 2. Zusammenschluß der Ortsarmenkaffen zu Provinzial-, resp. Kreisarmenkassen. 3. Die Provinzial- resp. Kreisarmenkassen konstituieren eine Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge in Wien, deren Wirksamkeit sich über das ganze Reich erstreckt. 4. In den Grenzstädten werden Grenzbureans errichtet, deren Aufgabe es sein wird, die einwandernden Armen auf ihre Würdigkeit und Bedürftigkeit zu sichten. ' 5. Die Mitglieder jeder einzelnen Knltusgemeiude... verpflichten sich Hausbettlern keine Unterstützung zu gewähren, sondern einen Teil des bisher hiefür aufgewendeten Betrages freiwillig an die Ortsarmenkaffe abzuführen. . .. 6. Jede Ortsarmenkaffe führt vier Fünfteike ihrer. Einnahmen an jene Provinzial- resp. Kreisarmenkaff'en ab/ zu welcher sie-eingeteilt ist. Der jährliche Beitrag der Kultnsgemeinden. zu den Ortsarmeukaff'eu wird perzentnell fixiert. Die Provinzial- resp. Kreisarmenkaffen führen von den ihnen aus den Onsarmenkassen zufließenden vier Fünsteilen ein Fünsteil an die Zentralstelle ab. 7. Die Ortsarmenkässen bestreiten mit dem ihnen verbleibenden einem Fünsteil die Auslagen in außerordentlichen und dringenden Fällen. Die Provinz- resp. Kreisarmenkassen überlrehmen die Sichtung der Wanderarmen nach den oben, angeführten Grundsätzen, befördern Ans- und Rückwanderer ans der kürzesten Linie zirr nächsten Provinzial- resp. Kreisarmenkasse oder znm nächsten Grenzbnreau, sorgen für die Errichtung von Arbeitsstätten und für die Abgabe arbeitsfähiger Wanderarmer an dieselben und befördern ausländische Wanderarme, soweit sie hilfsbedürftig sind, in ihre Heimatsgemeinden. 8. Die Zentralstelle sorgt dafür, daß die in ihre Heimatsgemeinde beförderten Wanderarmen daselbü als Ortsarme, event. mit Hinznziehnng der kommunalen Armenpflege unterstützt werden. Sie subventioniert leistungsschwache Provinzialkassen und Grenzdnreaus, führt Verzeichnisse über die Proffessionsbettler und vermittelt den Austausch dieser und sonstiger Mitteilnugen zwischen den Provinziatkasfen. Sie wacht darüber, daß einheimischen Armen außerhalb des Wohnsitzes feine Unterstützung gewährt wird und vermittelt den Verkehr mit den politischen Behörden, wenri es sich um die Erringung von Anfeuthaltsbewillignngen für ausländische Arme handelt. Aufgabe der Zentralstelle tvird es auch sein, einen Zentralarmenfond aus Zuweisungen wohlhabender Glaubensgenossen, ans Legaten und Stiftungen zu sammeln und den Zwecken der Gesamtorganisation entsprechend zu verwalten. Hierauf ergreift Prof. P h i l i p p s o h n, mit lebhaftem Beifalle begrüßt, das Wort, um seiner Freude darüber Ausdruck zu geben, daß nunmehr auch in Oesterreich eine Organisation zur Regelung des Wanderbettels in Angriff genommen werde. Er sei der Ueberzengnng, daß in dieser Frage die österreichischen und die deutschen Juden Hand in Hand gehen müssen und daß sie wie in allen, so auch in diesen Detailsragen sich als zusammengehörig fühlen und sich gegenseitig unterstützen müssen mit Rat und Tat. Aus dieser Ueberzengnng heraus habe er nicht gesäumt, bei dieser Konferenz zu erscheinen, um die Erfahrungen der „Deutschen Zentralstelle" den österreichischen Kultnsgemeinden zu vermitteln. Redner schilderte die Schwierigkeiten, welche auch in Deutschland der nunmehr durchgesührten und ersprießlich wirkenden Organisation lange Zeit im Wege gestanden sind. Die Dinge in Deutschland liegen allerdings vielfach anders als in Oesterreich. Die Ortsarmen seien im Deutschen Reiche nicht sehr zahlreich und die Mehrzahl der Wanderbettler bestehe ans Ausländern, d. h. aus Galizianern, Ungarn und Russen. Die von der deutschen Organisation verwendeten Beträge kämen . fast nur Ausländern zugute. Für die reichsdeutsche Reform wären dieselben Erwägungen maßgebend gewesen, die der Referent angeführt hat. Es komme aber hiezn noch ein Moment, der besonders betont sein soll: das ist die Sorge für den moralischen Zustand der Wanderarmen selbst. Das Wanderbettlertnm ist ganz zweifellos ein Krebsschaden. Nicht nur wir selbst leiden unter diesem Uebel, sondern auch der Ruf unserer galizischeu und russischen Brüder, weil dnrci dieses Schuorrertnm Demoralisation in ihren Reihen hineingetragen und böse Beispiele gegeben werden. Gegenüber derarbeitsfähigen Gewohnheitsbettlern von „Rachmolles" zu sprechen, wäre ein Frevel den wirklich hilfsbedürftigen Armen gegenüber. Man müsse bestrebt sein, diesen Zuständen ein Ende zu machen, durch redliche Arbeit und durch redliches Wesen, soweit wi vermögen. Man wolle die Mittel, die bisher der Unterstützung der Wanderarmen zngeführt wurden, nicht vermindern, sondern richtig verwenden. Das Wichtigste ist, daß die Privaten ver-

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