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Die Wahrheit · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. dargebracht werden, stimmen die Juden besonders dankbaren Sinnes ein. Wie in keinem zweiten monarchischen Staate genießen die jüdischen Bürger in Italien die vollste bürgerliche und politische Gleichberechtigung und keine Schranke gibt es, die sie vermöge ihres Glaubens vom Wettbewerbe aus irgend einem Gebiete der kulturellen oder politischen Betätigung ansfchließen würde. Hervorragende Juden saßen wiederholt und sitzen auch jetzt im Rate der Krone und ein Jude war es, der als Bürgermeister vou Rom dein Könige die Glückwünsche der Hauptstadt übermittelte. 4- * Eine Versammlung, die vor kurzem in K i e w unter Beteiligung von 50 Delegierten, die ungefähr ebenso viele Städte des russisch-polnischen Ansiedlnngsrayons vertreten, stattfaud, verdient die weitgehendste Aufmerksamkeit aller jüdischen Kreise. Die'Einberuferin der Konferenz, die Kiew er Emig r a t i o n s g e s e l l s ch a f t, der die Führerschaft unter allen Organisationen dieser Art zusteht, sieht ihre Hauptaufgabe darin, den Strom der Auswanderer nach dem menschenarmen Süden und S ü d w e st e n der Vereinigten S 1 a a t e n Amerikas zu lenken, wo sie nicht wie im überfüllten Norden unwillkommene, vou allen Seiten beargwöhnte Gäste sind, sondern allezeit lohnende und auch dem Lande ungemein nutzbringende Beschäftignug finden. Man muß rückhaltlos anerkennen, daß die Gesellschaft weit davon entfernt war, im Rahmen eines Kongresses, wie ihn seinerzeit die Wiener Jtoisten wünschten,. die Emigralionsmtsere zum Gegenstände einer öffentlichen Schaustellung zu machen. Die Konferenz hielt sich streng in den durch die Sachlage gegebenen Grenzen und beschränkte sich vornehmlich auf eine genaue Berichterstattung über die Wege, die die Gesellschaft bislang gegangen und eine Präzision ihres Arbeits- Programms für die nächste Zukunft. Dabei ergaben sich Umstände, die von größter Wichtigkeit für die jüdische Emigration sind: Man erfuhr erstens, daß der von der Gesellschaft organisierten Auswanderung über Galveston von der amerikanischen Regierung kein Hindernis mehr in den Weg gelegt wird und zweitens, daß auch die russische Reg i e r n u g der jüdischen Auswanderung nunmehr keine Schwierigkeiten macht, daß sie Masseuanswandernngen sogar ihrerseits zu fördern bereit sei. Das ist erklärlich und man hat kaum Anlaß, sich .über den letzten Grund dieses „freundlichen Entgegenkommens" zu freuen . . . Aber bedenkt man die Paßschikaneu, die bis dahin ein wesentliches Kapitel in der Geschichte des Emigrationselends ausmachten, so wird man, wie die Dinge einmal liegen, auch diese Feststellung der Konferenz mit Befriedigung entgegennehmen. Von den Resolutionen, die die Konferenz nach mehrtägiger Verhandlung gefaßt hat, seien die wichtigsten hier wiedergegeben: „Nach wie vor sei das Schwergewicht in der Tätigkeit der Gesellschaft auf die Organisierung der Emigration nach dem Süden und Südwesten der Union über Galvestan zu legen und die Unterstützung der dortigen Ansiedler so einznrichteu, daß sie in der neuen Heimat feften Fuß fassen können." „Die informationelle Tätigkeit, die im wesentlichen denverschiedenen A n s w an d e ru n g s b u r e a u s ob- - liegt, soll von der Gesellschaft ebenfalls in jeder Beziehung gefördert werden." „Mittels eines gntgeleiteten Organes in Jargon und Hebräisch sollen die weiten Schichten im Rayon, aus denen sich die Scharen der Auswanderer zufammensetzen, stets über die wichtigsten Fragen der Emigration Klarheit erhalten. Die Auswanderer sollen auf diesem Wege alle nötigen Fingerzeige für ihre Reise und volle Auskunft über die Verhältnisse im Lande, das sie zum Ziel ihrer Wanderschaft gemacht, erlangen." Die Kiewer Emigrationsgesellschaft ist auf dem besten Wege, eine der brennendsten Fragen des jüdischen Lebens im Osten, wenn auch nicht einer endgiltigen Lösung entgegeuzuführen, so doch mindestens in ein neues Stadium zu bringen, das bessere Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Und es wäre zit wünschen und zu hoffen, daß man in den weitesten jüdischen Kreisen ihren Bestrebungen das verdiente Interesse entgegenbringt. * * * > U'eber Unruhen, die am 22. Jänner in Debdn (Marokko) stattgefnnden haben, berichtet die israelitische Gemeinde von Udscha an das Zentral-Komitee der Alliance Jsraslite Universelle das Folgende: >--/ Seit langer Zeit befindet sich die Gegend von Debdn im : Zustand vollkommener Anarchie. Unsere Glaubensgenossen haben unter den Nachwirkungen der zwischen den benachbarten Stämmen stattfindeuden. Kümpfe zu leiden. Vor einiger Zeit wurde ein Europäer auf dem Wege nach Debdn, wo er einen Israeliten besuchen wollte, von einem der benachbarten Stämme ermordet. Der arabische Häuptling, der ihn begleitete, wurde gleichfalls gelötet. Der Tod des eingeborenen sehr einstußreichen Häuptlings bedeutete die Einleitung von Feindseligkeiten gegen die Israeliten. Die Anhänger des Häuptlings eröffneten in Debdn selbst den Kampf. Bier Israeliten, darunter zwei Frauen, wurden in dem Gewühl getötet, zwanzig Häuser ausgeraubt und eingeäschert. Das israelitische Viertel blieb acht Tage lang geschlossen. Bei dem eingetretenen Wassermangel stillten die Bewohner ihren Durst mit frisch gefallenem Schnee. Daß Frauen und Kinder Belästigungen seitens der Muselmanen zu erdulden hatten, ist selbstverständlich. Das Zentral-Komitee hat sich telegrafisch an die französische Gesandtschaft in Marokko gewendet mit der Bitte, sich für den Schutz unserer Glaubensgenossen zn verwenden. Ferner nahm das Zentral-Komitee Anlaß, mit dem seinerzeit in Paris weilenden marokkanischen Minister des Aeußern El Mokri von der Lage der Israeliten in Marokko, und namentlich von den Zwischenfällen in Debdn, zu sprechen. Der Minister gab die .Zusicherung, daß er die Aufmerksamkeit der marokkanischen Regierung auf diese bedauerlichen Vorfälle lenken und das Mögliche aufbieten würde, daß den Inden in Debdn Gerechtigkeit wiederfahre. '_ Delegiertenkonferenz;nr Regelnng des jüdische» Manderkeitels. Auf Einladung der „Oesterreichifch-Jsraelitischen Union" versammelten sich am 25. und 26. März d. I. die Delegierten der österreichischen Kuttilsgemeinden zn einer Beratung über die Regelung, bzw. Einschränkung des jüdischen Wanderbettels in Oesterreich. Zn derselben hatte sich spontan auch der Vorsitzende der „Deutschen Centralstelle für die jüdische Wanderarmenfürsorge" und Präsident des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes", Herr Universitäts-Prof. Dr. Martin P h i l i p p s o h n aus Berlin eingefnnden, um mit den in der deutschen Organisation gewonnenen Erfahrung unseren österreichischen Glanbensbrüdern zur Seite zu stehen. Es waren erschienen: Ans Wien: Für die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union": Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein. die Vorstandsmitglieder Dr. Felix Hönigsmann und Dr. I. Samuel y. sowie Sekretär Siegfried Fleischer, für die „Israelitische Allianz" Sekretär Dr. Armand Kaminka, für die Armenanstalt der Wiener Knltnsgemeinde Univ.-Prof. Dr. Josef P o l l a k, für die „Centralstelle für jüdische Armenpflege in Wien" kaiserl. Rat Dr. S. Krüger, für das Armenamt der Wiener Knltnsgemeinde Amtsleiter Kraits. ferueu Gemeinderat und Knltnsvorsteher Max Frank. Für die Knltnsgemeinde Aussig: Dr. Wilhelm Wittenberg, Böhm.-Leipa: Dr. I. Oesterreicher, Brünn: Dr. Friedrich Aug. Hermann, Bndweis: Dr. I. Kohn, Bielitz: Heinrich He j l per n, Franzensbad: Ernst Pick, Gablonz: Emil Lederer. Graz: Max Mayer, Holleschan: Rosenblatt, Leipnik: D. Spitzer, Leitmeritz: Dr. Wilhelm Ranbitschek und Vinzenz Pollak,'Linz: Bernhard Tanssig, Mähr.- Ostran: Moriz Krasny, Mistelbach: Ludwig Abeles, Nikolsbnrg: Beruh. L. Teltscher. Prag: Dr. N. L. Ko Huer, Pilsen: Dr.JosefSchanzer. Reichenberg:Dr. Wilh. Schnürmacher, Pardlibitz: Dr. Berth. Thein, der zugleich den ans 54 Gemeinden bestehenden „Verband der czechifchen Knltnsgemeinden Böhmens" vertrat, Teplitz-Schönau: Dr. Sigmund Hahn, Teschen: Dr. Leopold Silberstein, Trantenau: Dr. Alfred T a u s s i g. Ungar.-Hradisch: Sam. H a h n.

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